Politik

Russlands Krieg gegen die Ukraine - ein schwieriger Balanceakt für Israel

Lesezeit: 5 min
31.10.2022 17:00
Der Krieg in der Ukraine belastet die russisch-israelischen Beziehungen. Israel tut sich schwer, zwischen Eigeninteresse und Abhängigkeiten von Russland abzuwägen.
Russlands Krieg gegen die Ukraine - ein schwieriger Balanceakt für Israel
Israels Präsident Izchak Herzog zu Besuch beim ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij im Jahr 2021. (Foto: dpa)
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Der Krieg in der Ukraine wirkt sich laut der Pressebeobachtungsorganisation Middle East Monitor negativ auf die russisch-israelischen Beziehungen aus. Am 17. Oktober warnte der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew Israel laut der russischen Nachrichtenagentur Tass auf seinem Telegram-Kanal davor, dass es die Beziehungen zu Moskau ernsthaft beeinträchtigen würde, wenn Israel der Ukraine militärische Unterstützung anbiete.

Diese Warnung erfolgte vor dem Hintergrund des anhaltenden Drucks des Westens auf Tel Aviv, Kiew mit Luftabwehrsystemen auszustatten und der Aufforderung israelischer Minister, der Ukraine militärische Unterstützung zu gewähren, nachdem Teheran Moskau mit Boden-Boden-Raketen beliefert haben soll.

Die Drohungen Medwedews kommen in einer Zeit, in der Europa und die USA immer mehr Druck auf Israel ausüben, die Ukraine militärisch zu unterstützen, zumindest in Form von Verteidigungssystemen. Israel hat bisher von einer solchen Unterstützung abgesehen, da es die strategischen Beziehungen zu Moskau nicht beeinträchtigen möchte, was sich wiederum negativ auf die Angriffe der israelischen Armee in Syrien auswirken könnte.

Minister ruft über Twitter zu Unterstützung auf

Medwedew reagierte mit seiner Warnung auf Äußerungen des israelischen Diaspora-Ministers Nachman Shai, der einen Tag zuvor auf seinem Twitter Kanal militärische Hilfe für die Ukraine forderte, nachdem berichtet worden war, dass der Iran die Lieferung von Boden-Boden-Raketen an Russland vorbereitet, während er das Land derzeit bereits mit Drohnen beliefert. Minister Shai erklärte, es sei an der Zeit, dass Israel die Ukraine militärisch unterstütze, so wie es die Vereinigten Staaten und die NATO täten. Aus Berichten geht hervor, dass Israel der Ukraine bereits grundlegende Informationen über die von Moskau eingesetzten iranischen Drohnen zur Verfügung stellt.

Teile der israelischen Regierung befürchten laut dem Middle East Monitor, mit der Bewaffnung der Ukraine eine rote Linie Russlands zu überschreiten. Das Hauptdilemma, mit dem Israel konfrontiert ist: Am 1. November findet die Wahl der Knesset statt. Die Schwierigkeit besteht darin, inmitten eines hitzigen Wahlkampfes eine strategische Diskussion über die Entwicklung des Krieges zu führen, zumal die jüngsten russischen Bombardierungen über der Ukraine, bei denen iranische Drohnen zum Einsatz kamen, in Tel Aviv Besorgnis ausgelöst haben.

Die Bombardierungen scheinen laut dem Middle East Monitor die Erfolge Moskaus an den verschiedenen Fronten in der Ukraine nicht wesentlich zu verbessern, sondern lediglich seine Möglichkeiten zur Sammlung von Informationen und vor allem zur Ortung der ukrainischen Artillerie, der Flugabwehrbatterien und der Routen der großen gepanzerten Fahrzeuge zu optimieren.

Israelische Militärs erörtern ihre Haltung

Die fortgesetzte Eskalation des Krieges in der Ukraine stellt Israel vor ein Dilemma, insbesondere nachdem der Iran sich militärisch engagiert und Russland seine Drohnen und möglicherweise auch ballistische Raketen zur Verfügung gestellt hat. Dies hat laut dem Middle East Monitor die Militärs in Tel Aviv veranlasst, ihre Haltung zu dieser Situation ernsthaft zu erörtern, da sie ein Beispiel für die wachsende Macht Teherans und die überraschende Schwäche Russlands ist, das Technologie importiert, die es schon seit vielen Jahren hätte besitzen sollen.

All dies würde die israelisch-russischen Spannungen verschärfen, die wahrscheinlich durch die jüngste öffentliche israelische Verurteilung der russischen Bombardierung von Kiew noch verstärkt wurden, weshalb die Israelis eine ernsthafte Konfrontation mit Putin erwarten. Obwohl laut Umfragen der ukrainischen Botschaft in Tel Aviv mehr als 80 Prozent der Israelis Kiew unterstützen weisen israelische Militärs auf ein Problem hin: die russischen Streitkräfte im benachbarten Syrien könnten die zuletzt forcierten Angriffe Israels auf Syrien und dort befindliche iranische Milizen wirksamer unterbinden, als sie dies bislang tun, falls es zu einer diplomatischen Krise mit Moskau käme.

Israels Angst vor Russlands Reaktion

In der Zwischenzeit begannen einige führende israelische Politiker, zusätzliche militärische Unterstützung für die Ukraine zu fordern, insbesondere mit dem israelischen Raketenabwehrsystem Iron Dome. Dem entgegen gibt es laut dem Nachrichtenmagazin Newsweek Stimmen in Israel, die Angst haben, dass Russland eines dieser Iron Dome Systeme abfangen könnte, um es dann dem Iran samt dazugehöriger technischer Informationen zur Verfügung zu stellen.

Teheran und seine Verbündeten könnten dann die Informationen nutzen, um Fähigkeiten zur Umgehung der Iron Dome-Abwehr zu entwickeln, was deren Wirksamkeit verringern und die Fähigkeit der Hisbollah, der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad erhöhen würde, in künftigen Konflikten Israelis zu töten. Diese Angst dürfte mit ein Grund sein, warum Israel offiziell eine Bewaffnung der Ukraine mit dem Iron Dome ablehnt. Gleichzeitig warnte das israelische Außenministerium die Israelis in der Ukraine und forderte sie auf, das Land zu verlassen.

Die ukrainische Regierung schickte laut der Nachrichtenwebseite Axios einen Brief an israelische Offizielle mit der Bitte um die Beschaffung spezifischer Systeme, vor allem der Systeme Iron Beam, Barak 8, Patriot, Iron Dome, David's Sling und Arrow, sowie um die Ausbildung ukrainischer Bediener. Die israelische Regierung bestätigte gegenüber Axios den Brief, lehnte es aber zunächst ab sich weiter zu äußern.

Einige Tage nach der Bitte der Ukraine erklärte die israelische Regierung, dass man die spezifischen Systeme nicht senden könne, kündigte jedoch an, die Ukraine weiterhin im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen. Israels Staatsoberhaupt Izchak Herzog verteidigte diese Entscheidung bei CNN nochmals und erklärte, dass man die Motive der Ukraine verstehe: „Wir verstehen die enorme Not und den Schmerz des ukrainischen Volkes. Es gibt jedoch Waffen, die wir nicht exportieren können. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wollen, dass sie in die Hände unserer Feinde fallen. Es gibt Geheimnisse, die wir nicht weitergeben können.“

Israels lange Historie mit militärscher Hilfe

Israel hat laut dem Middle East Monitor Erfahrung darin, inoffizielle militärische Hilfe für Länder zu leisten. Dies bringt Israel in ein echtes Dilemma. Wenn Israel die Ukraine mit den angeforderten Waffen unterstützt, ist die Gefahr groß, dass Russland darauf reagiert, indem es die Handlungsfreiheit der israelischen Armee in Syrien und im Libanon einschränkt oder zumindest stört, wodurch die strategische Bedrohung für die israelische Heimatfront zunehmen wird.

Die Israelis befürchten, dass die militärische Unterstützung der Ukraine das Land in einen Konflikt mit einer Weltmacht hineinziehen könnte. Israel macht sich auch Sorgen über die Zukunft der russischen Juden. Die israelischen Prioritäten lassen sich daher wie folgt ordnen: an erster Stelle steht die Handlungsfreiheit der israelischen Armee in Syrien, dann der Wunsch, der Ukraine zu helfen. Diese Entscheidung ist laut dem Middle East Monitor das Ergebnis eingehender Diskussionen im militärischen Establishment und wurde vom Premierminister, dem Kabinett und sogar von Oppositionsführer Benjamin Netanjahu akzeptiert.

In Anbetracht der sehr begrenzten Möglichkeiten, die Israel im Laufe der Zeit hat, bestehen große Zweifel, was die beste Entscheidung sein sollte. Israel steht unter Druck eine Position einzunehmen, die über die verbale Opposition gegen den russischen Krieg in der Ukraine hinausgeht, da es ein Interesse daran hat, die Stärken und Schwächen der iranischen Drohnen und Raketen zu kennen, die derzeit über der Ukraine fliegen. Israel geht davon aus, dass deren Leistungsfähigkeit durch die wissenschaftliche und technische Unterstützung Russlands verbessert wird und dass die Ukraine dem Iran als riesiges Testgelände dienen wird.

Israel weiter in der Zwickmühle

Trotz wiederholter Aufforderungen an Israel, die Ukraine offen oder verdeckt militärisch zu unterstützen, hat aber Israel immer noch Angst, Russland zu provozieren, denn das Land bleibt trotz der offensichtlichen Probleme im Ukrainekrieg gefährlich. Russland kann Israel immer noch wirtschaftlich, politisch und militärisch schaden. Dennoch besteht ein israelisches Interesse daran, sicherzustellen, dass die Ukraine über Luftabwehrsysteme verfügt, ohne in einen direkten Konflikt mit Russland verwickelt zu werden, zumal Israel seit langem heimlich militärische Unterstützung, einschließlich Waffen und Ausbildungssysteme, an Staaten und Organisationen liefert, an deren Stärkung es ein Interesse hat.

Israel befindet sich im Umgang mit dem Ukrainekrieg in einer Zwickmühle. Es wird spannend zu beobachten sein, ob Israel bei seiner Haltung bezüglich der Unterstützung der Ukraine mit Systemen wie dem Iron Dome bleibt und dieser Hilfe dauerhaft einen Riegel vorschiebt, oder ob man doch das Risiko einer militärischen Unterstützung der Ukraine in einem signifikanten Ausmaß eingeht, mit der Gefahr, dass man sich selbst damit in Bedrängnis bringt.


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