Finanzen

Schweizer Nationalbank verzeichnet höchsten Verlust ihrer Geschichte

Die SNB verzeichnet in den ersten drei Quartalen einen Milliardenverlust. Das droht einigen Kantonen ein Loch in ihr Budget zu reißen, denn sie sind auf die Ausschüttungen der Notenbank angewiesen.
Autor
02.11.2022 15:02
Lesezeit: 3 min

Für die ersten drei Quartale des laufenden Jahres weist die Schweizer Nationalbank (SNB) einen Verlust von 142,4 Milliarden Franken aus. Das ist der größte Verlust seit Gründung der Notenbank im Jahr 1907, wie die NZZ berichtet. Allein im dritten Quartal lag der Verlust bei 47 Milliarden Franken. Zwischen 2010 und 2021 lagen die Gewinne der SNB noch bei insgesamt 165 Milliarden Franken.

SNB verbucht Rekordverlust in Milliardenhöhe

Ausgelöst wurde der hohe Verlust in diesem Jahr durch einen Börsenabschwung, der fast alle Anlageklasse erfasste: von Aktien, über Anleihen und Devisen bis hin zu Edelmetallen. Am höchsten fielen die SNB-Verluste im Devisengeschäft mit insgesamt 141 Milliarden Franken aus. Die SNB verwaltet Devisenreserven in Höhe von 800 Milliarden Franken. Auch mit ihren Goldbeständen verbuchte sie einen Verlust von 1,1 Milliarden Franken.

Das Anlagevermögen der SNB, das zu zwei Dritteln in Staatsanleihen und einem Drittel in Aktien investiert ist, verlor ebenfalls massiv an Wert. Der Verlust aus dem Anleihegeschäft summierte sich auf 71 Milliarden, der Aktienverlust auf 54 Milliarden und Wechselkursverluste auf 24 Milliarden Franken. Die Einnahmen aus Zinsen und Dividenden in Höhe von 8 Milliarden Franken konnte diese immensen Buchverluste nicht auffangen.

Zwischenzeitlich wurde die Lage für die SNB so brenzlich, dass die US-Notenbank 11 Milliarden Dollar in die Schweiz überwies. Es war bereits die dritte Swap-Transaktion der Fed in Richtung SNB in diesem Jahr und die höchste überhaupt. Über die genauen Hintergründe ist nichts bekannt und mögliche Erklärungen reichten vom Arbitrage-Handel schweizerischer Banken, über eine Dollar-Knappheit im Schweizer Finanzsystem bis hin zu einer Stabilisierung der angeschlagenen Credit Suisse.

Kantone leiden unter ausbleibenden SNB-Ausschüttungen

Traditionell schüttet die SNB einen Teil ihrer Gewinne an die Schweizer Kantone aus. Der rechtliche Rahmen sieht vor, dass ein Drittel der Gewinne an den Bund geht und die restlichen zwei Drittel an die Kantone. Die Kantone planen die Ausschüttungen in ihre jährlichen Budgets ein und sind unterschiedlich stark auf die SNB-Millionen angewiesen. Sie machen je nach Kanton zwischen 2 und 6 Prozent des Gesamtbudgets aus.

Doch Ausschüttungen wird es nur dann geben, wenn der Jahresverlust unter der Marke von 93 Milliarden Franken bleibt, wie aus Berechnungen der Schweizer Großbank UBS hervorgeht. Um diese Marke zu erreichen, müsste die SNB im letzten Quartal einen Gewinn von knapp 50 Milliarden Franken erzielen. Dafür wiederum müssten die internationalen Finanzmärkte im vierten Quartal eine starke Rally hinlegen – wonach es zurzeit nicht aussieht.

Unter Umständen könnte die SNB trotz Milliardenverlust Ausschüttungen vornehmen. Diese Ansicht vertritt Jean-Pierre Danthine, ehemaliger Vizepräsident der Nationalbank und Wirtschaftsprofessor an der ETH Lausanne gegenüber dem Tagesanzeiger. „Es ist denkbar, dass die Nationalbank beschließt, den Kantonen die historisch üblichen 2 Milliarden zu vergeben, auch wenn die Bedingungen nicht ganz erfüllt sind. 6 Milliarden wie in diesem Jahr werden es aber sicher nicht sein.“

Zürich bleibt gelassen, Lage in Genf angespannt

Im finanzstarken Zürich blickt man gelassen auf die Situation. Der Zürcher Finanzdirektor Ernst Stocker sagt, der Kanton habe zwar noch 236 Millionen Franken aus SNB-Ausschüttungen im Budget, doch auch bei einem Wegfall dieses Postens können Zürich das „verkraften“. Es liege in der Kompetenz und Verantwortung jedes einzelnen Kantons, der Lage Rechnung zu tragen. Die Ausschüttungen dürften nicht als „selbstverständlich“ angesehen werden, so Stocker.

Weniger finanzstarke Kantone, die bisher fest mit den SNB-Ausschüttungen gerechnet haben, stehen nun vor einer schwierigen Entscheidung. Bleiben die SNB-Millionen aus, müssen die Kantonalregierungen Einsparungen vornehmen. Manche Kantone haben die SNB-Ausschüttungen für 2023 bereits gänzlich abgeschrieben, darunter auch Genf.

„Es ist schwer vorstellbar, dass es der Nationalbank bis zum 31. Dezember dieses Jahres gelingt, die angekündigten sehr hohen Verluste wieder wettzumachen“, so Finanzdirektorin Nathalie Fontanet gegenüber dem Tagesanzeiger. „Die im Budget enthaltenen 117 Millionen Franken von der Nationalbank werden kurzfristig gestrichen.“

Ohne die SNB-Ausschüttungen steigt das Haushaltsdefizit in Genf auf 540 Millionen Franken an. Fontanet rechnet angesichts anhaltender Finanzmarktspannungen in naher Zukunft nicht mehr mit weiteren Nationalbank-Geldern und appellierte daher an die Kantone und das Parlament, Sparmaßnahmen auf den Weg zu bringen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Edelmetalle in einer neuen Marktphase

Gold über 5.500 US-Dollar, Silber über 100 US-Dollar pro Unze

DWN
Finanzen
Finanzen Trump setzt auf Kevin Warsh als Fed-Chef: Neuer Kurs für die US-Notenbank?
30.01.2026

US-Präsident Donald Trump bringt mit Kevin Warsh einen möglichen neuen Fed-Chef ins Spiel. Doch kann ein Machtwechsel die Geldpolitik...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation in Deutschland steigt wieder über zwei Prozent: Lebensmittelpreise steigen
30.01.2026

Die Inflation in Deutschland zieht zu Jahresbeginn wieder an und belastet viele Verbraucher spürbar. Besonders bei Lebensmitteln steigen...

DWN
Politik
Politik Tarifverhandlungen: Verdi ruft bundesweit zu Warnstreiks im Nahverkehr auf
30.01.2026

Die Gewerkschaft ver.di hat für Montag bundesweite Streiks im kommunalen Nahverkehr angekündigt. Vielerorts dürften Busse und Bahnen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dollar unter Druck: Neue Risiken für Finanzmärkte und Weltwirtschaft
30.01.2026

Der Wertverlust des Dollars verschiebt globale Preisrelationen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Unternehmen und Verbraucher....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bosch-Gewinneinbruch: Operatives Ergebnis fast halbiert
30.01.2026

Bosch verdient so wenig wie seit Jahren nicht. Insbesondere die horrenden Kosten für die Stellenabbau-Pläne belasten den Gewinn. Der...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldanlage: Warum Aktien langfristig keine Rendite bringen – und was Investoren tun können
30.01.2026

An den Börsen hält sich die Vorstellung, dass Geduld langfristig zum Erfolg führt. Doch was, Aktien langfristig keine Rendite bringen...

DWN
Politik
Politik US-Iran-Konflikt: Steigende Spannungen wirken sich auf den Ölpreis aus
30.01.2026

Spannungen zwischen den USA und dem Iran haben die Ölpreise spürbar steigen lassen und die geopolitischen Risiken am Energiemarkt neu in...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Konjunktur: Deutsche Wirtschaft wächst Ende 2025 stärker als gedacht
30.01.2026

Nach zwei Jahren Rezession wächst die deutsche Wirtschaft 2025 wieder leicht. Das Schlussquartal fällt sogar positiver aus als erwartet....