Politik

Bericht: Nordkoreas Hacker zapfen mit neuer Taktik Expertenwissen ab

Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge sollen nordkoreanische Geheimdienstler eine neue Methode zur Informationsgewinnung entwickelt haben.
25.12.2022 08:51
Aktualisiert: 25.12.2022 08:51
Lesezeit: 2 min
Bericht: Nordkoreas Hacker zapfen mit neuer Taktik Expertenwissen ab
Dieses von der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA zur Verfügung gestellte Foto zeigt Kim Jong Un, Machthaber von Nordkorea, ausgestattet mit einem Fernglas, bei der Beobachtung von Tests verschiedener Waffensysteme in Nordkorea. (Foto: dpa) Foto: Uncredited

Es begann wie ein ganz normaler Auftrag: Daniel DePetris, Experte für internationale Politik, sollte für die Denkfabrik 38 North per Mail eine Analyse erstellen. Absenderin der Anfrage war allerdings nicht wie gedacht die Institutschefin Jenny Town, sondern mutmaßlich eine nordkoreanische Hacker-Truppe.

„Mir wurde klar, dass es nicht echt war, als ich die Absenderin für Rückfragen kontaktierte und herausfand, dass gar kein Antrag gestellt worden war“, sagt DePetris. Dabei habe sich herausgestellt, dass Town Adressatin ähnlicher Mails sei. „Ich habe also ziemlich schnell herausgefunden, dass es sich um eine breit angelegte Kampagne handelt.“ Die Hacker hätten ihn unter anderem über seine Ansichten zu einer möglichen Reaktion Japans auf die militärischen Aktivitäten Nordkoreas befragt.

Cybersicherheitsexperten vermuten als Drahtzieher eine seit mindestens zehn Jahren aktive nordkoreanische Hacker-Truppe, die unter anderem als Thallium oder Kimsuky bekannt ist. Diese hatte bislang häufig auf sogenanntes „Spear Phishing“ gesetzt. Dabei erhalten Opfer eine Mail, die sie dazu bringen soll, Passwörter preiszugeben oder sich Computerviren auf den Rechner zu laden. Nun haben sie sich offenbar auf die Taktik verlegt, Spezialisten direkt um Ideen und Berichte zu bitten.

Ist eine solche Aktion erfolgreich, erhält das Regime Erkenntnisse über Stimmungen und Entwicklungen in anderen Staaten, die es sonst mit aufwendiger nachrichtendienstlicher Ermittlungen zusammentragen müsste, auf dem Silbertablett serviert. An diesen Hinweisen kann der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un seine Politik ausrichten.

Einfach mal höflich fragen

„Die Angreifer erhalten die Informationen aus erster Hand und müssen keine Interpretationen anstellen“, sagt Cybercrime-Experte James Elliot vom Microsoft Threat Intelligece Center (MSTIC). Sie könnten darüber hinaus schneller zum Ziel gelangen, weil sie sich nicht erst durch Berge von Dateien wühlen müssten. „Für uns Verteidiger ist es wirklich, wirklich schwierig, diese Mails zu stoppen.“ Letztendlich hänge alles davon ab, ob der Adressat misstrauisch werde oder nicht.

Die Auftragsmails hätten täuschend echt ausgesehen, sagt Analyst DePetris, der unter anderem für die Denkfabrik Defence Priorities arbeitet und Zeitungskolumnen schreibt. Einige Wochen nach dem Auftrag von 38 North sei ein anderer Hacker an ihn herangetreten und habe ihm ein Honorar für das Gegenlesen eines Manuskriptes geboten. 38 North-Chefin Town zufolge hätten in mehreren Fällen Analysten komplette Berichte oder Manuskript-Rezensionen abgeliefert, bevor sie erkannten, einer Täuschung aufgesessen zu sein.

E-Mail mit sich selbst

Nordkorea gilt als Drahtzieher zahlreicher Hackerangriffe, bei denen Milliarden von Dollar erbeutet wurden. Dem streng abgeschotteten kommunistischen Land wird außerdem Industrie- und Militärspionage vorgeworfen. So hätten Hacker beispielsweise über Monate eine Beziehung zu einem Opfer aufgebaut, bevor sie ihr virenverseuchte Software unterschoben, sagt Saher Naumaan, leitende Analystin für Cybergefahren beim britischen Unternehmen BAE Systems Applied Intelligence.

Im Rahmen ihrer neuen Taktik, die zu Jahresanfang erstmals entdeckt worden sei, verschickten die Hacker überhaupt keine Computerviren mehr, erläutert MSTIC-Experte Elliot. Sie beschränkten sich darauf, ihren Opfern bestimmte Identitäten vorzutäuschen. Im Fall der angeblichen Schreiben der Denkfabrikschefin Town endete die Mail-Adresse auf „.live“ statt „.org“, habe aber ihre komplette Mail-Signatur umfasst, berichtet die Expertin. Zeitweise habe sie in einem skurrilen Mail-Verkehr mit dem mutmaßlichen Hacker gestanden, der sich als sie ausgab.

Die nordkoreanische Botschaft in London wollte sich zum aktuellen Thema nicht äußern. Das Land hat aber wiederholt den Vorwurf zurückgewiesen, an Cyber-Kriminalität beteiligt zu sein.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie PC-Gaming in Europa erlebt eine Phase der Zurückhaltung

Einst galt PC-Gaming in Europa als lohnende Langzeitinvestition. Man baute sich einen Rechner zusammen oder rüstete ihn auf, zahlte im...

DWN
Politik
Politik Schlappe für das Innenministerium: Grenzkontrollen an bayerischer Grenze rechtswidrig
10.04.2026

Jahrelange Routine, nun rechtlich erschüttert: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat die seit 2015 praktizierten Kontrollen an der...

DWN
Politik
Politik Wettrüsten im Cyberspace: Wenn KI zur Gefahr für die Infrastruktur wird
10.04.2026

Ein neues KI-Modell des US-Entwicklers Anthropic sorgt für Alarmstimmung beim BSI. Das Werkzeug „Claude Mythos“ spürt verborgene...

DWN
Politik
Politik Koalitions-Zoff: Wachsender Druck auf Kanzler Merz wegen ausbleibender Entlastungen
10.04.2026

Angesichts explodierender Energiepreise wächst der Unmut über die abwartende Haltung von Bundeskanzler Friedrich Merz. Während die...

DWN
Politik
Politik Teheran droht mit Boykott: Libanon-Konflikt belastet Friedensgespräche
10.04.2026

Die diplomatischen Bemühungen um eine dauerhafte Belegung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran stehen vor einer Zerreißprobe....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lufthansa-Streik: Flugbegleiter legen Flugbetrieb lahm – Tausende Passagiere gestrandet
10.04.2026

Ein massiver Streik des Kabinenpersonals hat bei der Lufthansa zu weitreichenden Flugausfällen geführt. Tausende Urlauber und...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 15: Die wichtigsten Analysen der Woche
10.04.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 15 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Daimler-Aktie: US-Schwäche und Bus-Flaute belasten Absatz von Daimler Truck
10.04.2026

Daimler Truck verzeichnete im ersten Quartal 2026 einen weltweiten Absatzrückgang von neun Prozent auf 68.849 Einheiten. Besonders der...

DWN
Finanzen
Finanzen Verpflegungspauschale 2026: Wie Sie Spesensätze berechnen und was zu beachten ist
10.04.2026

Spesensätze 2026 im Überblick: Wie hoch die Verpflegungspauschale 2026 ist, wann 14 Euro oder 28 Euro gelten und welche Regeln bei...