Deutschland

Bumerang-Effekt: Deutschland steigert CO2-Emissionen beträchtlich

Die Ziele zur Senkung der Treibhausgasemissionen sind 2022 erneut deutlich verfehlt worden, obwohl der Energieverbrauch sinkt - ein Bumerangeffekt, ausgelöst durch die Energiewende.
22.01.2023 08:37
Lesezeit: 3 min

Die Ziele der Bundesregierung, die Treibhausgasemissionen zu senken, sind erneut verfehlt worden. Einer Studie des Thinktanks Agora Energiewende zufolge hat Deutschland sein Emissionsziel von 756 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen im vergangenen Jahr um fünf Millionen Tonnen überschritten. „Die CO₂-Emissionen stagnieren auf hohem Niveau, und das trotz eines deutlich niedrigeren Energieverbrauchs von Haushalten und Industrie. Das ist ein Alarmsignal im Hinblick auf die Klimaziele“, sagte Simon Müller, Direktor Deutschland bei Agora Energiewende.

Positiv sei einerseits, dass der Energieverbrauch 2022 gegenüber dem Vorjahr in Deutschland um 4,7 Prozent zurückgegangen ist. Gründe dafür seien die massiv gestiegenen Preise für Erdgas und Strom und der milde Wetter gewesen. Gleichzeitig ist der Anteil erneuerbaren Energien auf einen neuen Höchstwert gestiegen. Doch der verstärkte Einsatz von Kohle und Öl habe die Emissionsminderungen durch Energieeinsparungen und den erhöhten Einsatz erneuerbaren Energien zunichte gemacht. „Das Reduktionsziel für 2022 von 756 Millionen Tonnen CO₂, das sich aus der Summe der CO₂-Vorgaben für die Bereiche Energiewirtschaft, Gebäude, Verkehr, Industrie, Land- und Abfallwirtschaft ergibt, wurde um fünf Millionen Tonnen knapp verfehlt, “ so die Agora-Studie.

Deutschland hat sich das vorläufige Ziel gesetzt, CO₂-Emissionen bis zum Jahr 2030 um mindestens 65 Prozent im Vergleich zu 1990, und um 88 Prozent bis zum Jahr 2040 zu senken. Es ist eines der wenigen Länder weltweit, die das Klimaneutralität-Ziel in ihrem nationalen Recht verankert hat. Die Europäische Union hat beschlossen, das Ziel in ihr 2021-Klimagesetz aufzunehmen, und etwa 40 weitere Staaten weltweit haben sich durch Gesetze verpflichtet, bis mindestens 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen.

Wenige Fortschritte bei Windenergie

Müller warnte, dass das letzte Rekordjahr für erneuerbaren Energien wetterbedingt war und damit kein strukturellen Beitrag zum Klimaschutz darstellte. Deutschland steuere auf eine massive Lücke beim Erneuerbaren-Ausbau zu. „Insbesondere die Ausbau-Krise bei der Windenergie dauert an,“ betonte er. „Die Regierung muss jetzt entscheiden und schnell nachbessern, denn wir brauchen ab 2023 eine Verdreifachung beim Zubau, um das 2030-Erneuerbaren-Ziel zu erreichen.“

Die Industrie verzeichnete infolge von Spar- und Effizienzmaßnahmen sowie Produktionseinbußen durch Geschäftsaufgabe oder Drosselung infolge der Energie-Krise mit 173 Millionen Tonnen CO₂ einen leichten Emissionsrückgang um acht Millionen Tonnen. Trotz verstärktem Einsatz von Kohle und Öl als Ersatz für Erdgas hielt der Industriesektor damit das Klimaziel ein, doch auch hier fehlten bislang die strukturellen Maßnahmen, um auf Kurs für das 2030-Klimaziel zu kommen.

Den Agora-Experten zufolge wurden im Bereich Verkehr und Gebäude erneut die Emissionsziele verfehlt. Der Gebäudebereich überzog mit 113 Millionen Tonnen CO₂ das Sektor-Ziel um fünf Millionen Tonnen, obwohl die Energiekrise letztes Jahr zu einem starken Verbrauchsrückgang führte. Die Denkfabrik behauptet, dass dafür die angeblich schlechte Dämmung verantwortlich sei: „Jahrelange Versäumnisse bei der Wärmewende” konnten demnach nicht ausgleichen werden..

Bumerang-Effekt der Energiewende

Bei Licht betrachtet ist die Verfehlung der Emissionsziele zu einem großen Teil auf die Energiewende selbst zurückzuführen. Denn mit dem Ausstieg aus der Atomkraft zur Stromgewinnung - der im Frühling besiegelt sein wird - verliert Deutschland eine potente emissionsfreie Technologie.

Lesen Sie dazu: Energiewende: Ohne Atomkraft wird sie nicht gelingen

Da der Wind schlichtweg nur unregelmäßig weht und die Sonne nicht planbar scheint, fallen Windkraft und Solarenergie als grundlastfähige Stromerzeugungsquellen aus. Der Rückgriff auf den fossilen Brennstoff Erdgas wurde vergangenes Jahr durch die gegen Russland verhängten Sanktionen erschwert. Nun wird in großem Stil aus Übersee das enorm teure Flüssiggas (LNG) importiert, welches extrem ressoursen- und emissionsintensiv ist, weil es permanent bei extremen Temperaturen gekühlt wird und mehrfach den Aggregatzustand wechseln muss.

Kein Wunder also, dass Deutschland 2022 zunehmend wieder auf die fossile Kohle angewiesen war, um seinen Energiebedarf zu decken. Dieser Trend deutete sich bereits in den vergangenen Jahren an, als die Kohle regelmäßig in den Wintermonaten zur wichtigsten einzelnen Energiequelle aufgestiegen war.

Lesen Sie dazu: Tiefschlag für die Energiewende: Kohle löst Windkraft als wichtigster Energieträger Deutschlands ab

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Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

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