Technologie

Schlüsseltechnologien – Wer hat weltweit die Nase vorn?

Deutschland verliert in Schlüsseltechnologien immer mehr den Anschluss. Eine aktuelle Studie zeigt, dass ein Land außerhalb des Westens hier die Nase vorn hat.
30.04.2023 10:00
Lesezeit: 4 min
Schlüsseltechnologien – Wer hat weltweit die Nase vorn?
Schnittmodell einer Schubdüse für Satelliten und Landefähren und das Modell einer Hochfrequenzantenne für Satelliten beim Laserspezialisten Trumpf. (Foto: dpa) Foto: Marijan Murat

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Die westlichen Demokratien sind dabei, den globalen technologischen Wettbewerb und die Fähigkeit, globale Talente an sich zu binden, zu verlieren. Letzteres ist eine entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung und Kontrolle von Schlüsseltechnologien. Es zeigt sich, dass ein Land bereits in vielen Bereichen deutlich die Nase vorn hat.

In den vergangenen Jahren hat es ein Land geschafft, dem Westen im wichtigen Technologiesektor weit voraus zu sein, die Rede ist von China. Laut dem Australien Strategic Police Institute (ASPI) hat China mittlerweile die Grundlagen geschaffen, um sich als weltweit führende Wissenschafts- und Technologie-Supermacht zu positionieren. Sein globaler Vorsprung erstreckt sich auf stattliche 37 von 44 Technologien, die ASPI derzeit verfolgt. Darunter eine Reihe entscheidender Bereiche wie Verteidigung, Raumfahrt, Robotik, Energie, Umwelt, Biotechnologie und künstliche Intelligenz (KI). Der „Critical Technology Tracker“ von ASPI zeigt, dass bei einigen Technologien alle zehn weltweit führenden Forschungseinrichtungen ihren Sitz in China haben und zusammen mehr Forschungsarbeit leisten als das zweitplatzierte Land, die Vereinigten Staaten.

Kritische Technologien bilden bereits seit langem die Grundlage der globalen Wirtschaft und unserer Gesellschaft. Von den energieeffizienten Mikroprozessoren in Smartphones bis hin zu Online-Banking und -Shopping, sind diese Technologien allgegenwärtig und unverzichtbar. Wer einmal in China zu Besuch war, der weiß, wie fortschrittlich diese Technologien dort bereits zum Einsatz kommen. WeChat, eine mächtige App, hat das Bargeld im Land so gut wie ersetzt. Die 5G-Technologie ist allgegenwärtig. Die Rüstungsausgaben im Land, wurden in den letzten Jahren sukzessive erhöht. Denn die moderne Technologie kann auch im militärischen Bereich zur intelligenten Kriegsführung genutzt werden. Der Konflikt mit Taiwan hat das Land militärisch in Alarmbereitschaft versetzt.

China, eine ernstzunehmende Konkurrenz

Die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, Mao Ning, sagte auf einer öffentlichen Pressekonferenz im März, sie sehe die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte ihres Landes als Beitrag zum weltweiten technologischen Fortschritt.

„Chinas Anstrengungen und Errungenschaften im Bereich der wissenschaftlichen und technologischen Innovation sind für alle sichtbar. … Wir arbeiten mit allen Ländern im Bereich der Innovation zusammen und teilen die Vorteile der Entwicklung mit dem Rest der Welt. Wir sind gegen Hegemonismus in der Wissenschaft, Entkopplung und Unterbrechung von Industrie- und Lieferketten. Wir glauben, dass der technologische Fortschritt den Interessen der gesamten Menschheit dienen soll. Die Politisierung wissenschaftlicher und technologischer Fragen, ihre Verwendung als Waffe für ideologische Auseinandersetzungen und das Schüren von Zankereien schaden den Interessen der ganzen Welt.“

Die beschwichtigenden Worte treffen allerdings im Westen bei vielen auf Skepsis. Chinas Griff nach der weltweiten Technologieführerschaft in wichtigen Schlüsselbranchen werden als gesetztes Ziel gesehen. Nach Ansicht von Max J. Zenglein und Anna Holzmann, MERICS, möchte China bis 2049 eine, vielleicht sogar die globale Führungsmacht unter den Industrienationen werden. »Made in China 2025« formuliere das Ziel, das Land in zehn Schlüsselindustrien nach vorne zu bringen. Der Weg dorthin ist bereits geebnet.

Ein Schlüsselbereich, in dem sich das Land der Mitte auszeichnet, sind verteidigungs- und weltraumbezogene Technologien. Laut der Datenanalyse von ASPI hat China in den letzten fünf Jahren knapp die Hälfte der weltweit wichtigsten Forschungsarbeiten über fortschrittliche Flugzeugtriebwerke, einschließlich Hyperschall, hervorgebracht und beherbergt sieben der zehn weltweit führenden Forschungseinrichtungen in diesem Bereich. Dies erfolgte nicht ganz ohne Hilfe von außen.

Viele der relevanten Veröffentlichungen wurden von Wissenschaftlern verfasst, die eine postgraduale Ausbildung in den Vereinigten Staaten, Vereinigten Königreich, Kanada, Australien oder Neuseeland nachweisen können. Ausländische Hochschulen geraten dadurch mehr und mehr in die Zwickmühle. So haben beispielsweise australische Universitäten erklärt, dass sie sich an die Gesetze über ausländische Einflussnahme halten, die den illegalen Technologietransfer nach China verhindern soll, gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass die internationale Zusammenarbeit ein wesentlicher Bestandteil der universitären Forschung ist.

Amerika und der Westen sind alarmiert

Besonders tritt die Chinesische Akademie der Wissenschaften beim ASPI-Tracker in Erscheinung. Sie ist in sechs der acht Energie- und Umwelttechnologien führend. Auf Platz eins weltweit für elektrische Batterien, Wasserstoff und Ammoniak für die Stromerzeugung, Kernenergie, Entsorgung und Recycling von Nuklearabfällen, Fotovoltaik und Superkondensatoren und für photonische Sensoren und Quantensensoren. Auf Platz zwei für fortgeschrittene Robotik und Kleinsatelliten. Für Biokraftstoffe ist die Lehreinrichtung auf Platz drei. Auf Platz acht für gerichtete Energietechnologien und mehrere kritische Verteidigungs- und Raumfahrttechnologien. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften ist auch die Nummer eins für Datenanalyse und die Nummer zwei für maschinelles Lernen in den Bereichen künstliche Intelligenz, Computer und Kommunikation.

Die westlichen Nationen, allen voran die USA, sind in Alarmbereitschaft. Sie befinden sich mit China in einem hitzigen Wettbewerb um Macht und Einfluss, der bereits zu einer Abkopplung ihrer Volkswirtschaften geführt hat. Die Regierung von US-Präsident Joe Biden hat eine Reihe von Exportkontrollen und Steueranreizen eingeführt, um die chinesische Technologiebranche zu behindern und die heimische Produktion anzukurbeln.

Wie Reuters berichtet, setzte erst kürzlich das US-Handelsministerium Einheiten des chinesischen Genetikunternehmens BGI und der Cloud-Computing-Firma Inspur auf eine schwarze Liste für den Handel, weil sie angeblich das chinesische Militär unterstützen und die staatliche Überwachung erleichtern. Weitere sechsundzwanzig chinesische Unternehmen wurden ebenfalls in die Liste aufgenommen, wodurch es für die betroffenen Unternehmen schwierig wird, Lieferungen von US-Waren von Lieferanten zu erhalten. Diese Schritte dürften die Feindseligkeit zwischen Washington und Peking, die sich seit Jahren einen Technologiekrieg liefern, weiter verschärfen. Die Spannungen sind besonders groß, seit die Regierung kürzlich einen mutmaßlichen chinesischen Spionageballon abgeschossen hat, der weite Teile der Vereinigten Staaten überflogen hatte.

Deutschland bleibt hinter China und USA zurück

Ein enges Rennen um die nächste technologische Spitzenposition besteht zwischen dem Vereinigten Königreich und Indien, die beide in 29 der 44 Technologien einen Platz unter den ersten fünf Ländern beanspruchen. Dicht dahinter folgen Südkorea und Deutschland, die bei 20 bzw. 17 Technologien unter den ersten fünf Ländern zu finden sind. So punktet Deutschland bspw. bei kleinen Satelliten, Weltraumstartsystemen und Autonome Betriebstechnik. Auch beim Thema Hochleistungsrechnern und fortschrittliche integrierte Schaltung, Design und Fertigung, belegt Deutschland einen Platz unter den Top fünf, jedoch immer hinter China oder den Vereinigten Staaten.

Australien liegt mit neun Technologien unter den ersten fünf, dicht gefolgt von Italien (sieben Technologien), Iran (sechs), Japan (vier) und Kanada (vier). Russland, Singapur, Saudi-Arabien, Frankreich, Malaysia und die Niederlande liegen mit einer oder zwei Technologien unter den ersten fünf. Eine Reihe anderer Länder, darunter Spanien und die Türkei, tauchen regelmäßig unter den Top 10 auf. US-amerikanische Technologieunternehmen sind vor allem bei der Kategorie Künstliche Intelligenz (KI) ganz vorne mit dabei. Google (Platz 1 bei der Verarbeitung natürlicher Sprache), Microsoft (Platz 6 bei der Verarbeitung natürlicher Sprache), Facebook (Platz 14 bei der Verarbeitung natürlicher Sprache), Hewlett Packard Enterprise (Platz 14 beim Hochleistungsrechnen).

Der Vorsprung und die Wissensansammlung eines autoritären Staates in kritischen Technologien birgt Gefahren in sich, in dem bspw. die Entwicklung, Erprobung und Anwendung neuer, kritischer und militärischer Technologien nicht offen und transparent ist und nicht von der unabhängigen Zivilgesellschaft und den Medien überprüft werden kann. China dominiert bereits die 5G-Technologien. Es ist wichtig, dass andere Industrienationen technologisch in den kritischen Technologien nicht zurückfallen, damit demokratische Länder weiterhin Zugang zu vertrauenswürdigen und sicheren Lieferketten haben.

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Sofia Delgado

                                                                            ***

Sofia Delgado ist freie Journalistin und arbeitet seit 2021 in Stuttgart, nachdem sie viereinhalb Jahre lang in Peking gelebt hat. Sie widmet sich gesellschaftskritischen Themen und schreibt für verschiedene Auftraggeber. Persönlich priorisiert sie die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit, als dringendste Herausforderung für die Menschheit.

 

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