Politik

Brüssel kapituliert vor der Realität: EU-Kommission will Schuldenregeln aufweichen

Nachdem die Regeln zur Haushaltsverschuldung von einigen EU-Staaten seit Jahren gerissen werden, plant die EU-Kommission nun eine Anpassung. Überschuldete Staaten sollen künftig „individuelle“ Schuldenabbaupläne vorlegen dürfen.
28.04.2023 15:22
Aktualisiert: 28.04.2023 15:22
Lesezeit: 2 min

Die EU-Kommission plant die Aufweichung der Schuldenregeln. Nachdem die sogenannten Maastricht-Kriterien zur Neuverschuldung von einigen Mitgliedsstaaten bereits seit Jahren gerissen werden, sollen das Regelwerk nun reformiert werden. Kern der Pläne sind künftig individuell ausgehandelte Abbaupfade für EU-Staaten mit zu hohen Haushaltsdefiziten und Schuldenständen - statt bislang pauschaler Vorgaben.

Neue Schuldenregeln stärken Einfluss der Kommission

EU-Länder sollen in der Regel in einem Zeitraum von vier Jahren ihre Werte verbessern müssen, teilweise innerhalb von sieben Jahren. Ökonomen der Großbank ING betonten, der politische Einfluss der Kommission werde dadurch noch weiter zunehmen. 2024 werde es eine Konsolidierung der Haushalte in den europäischen Ländern geben. „In Verbindung mit einer restriktiveren Geldpolitik ist das ein Rezept für ein nur gedämpftes Wachstum im nächsten Jahr.“

Die EU-Kommission hat ihre Vorschläge für eine Reform der europäischen Schuldenregeln gegen Kritik verteidigt. Alle Beteiligten seien ausführlich angehört worden. Das Ergebnis sei ein „ausgewogener Vorschlag“, der unterschiedliche Positionen verbinde, sagte EU-Kommissionsvize Valdis Dombrovskis am Freitag in Stockholm, wo die europäischen Finanzminister noch bis Samstag tagen. Der Zeitplan, noch dieses Jahr zu einem Konsens aller 27 EU-Staaten zu kommen, sei ambitioniert. Es sei nicht vorherzusagen, wie lange die Gesetzgebungsphase für die Novelle des sogenannten Stabilitätspaktes nun dauere.

EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni ergänzte, der Vorschlag der Brüsseler Behörde verbinde die Notwendigkeit solider Finanzen und zusätzlicher Investitionen. Er sei optimistisch, dass es am Ende Einstimmigkeit geben werde. „Wir leben nicht auf einem anderen Planeten.“ Einen ersten intensiven Austausch über die Vorschläge werde es jetzt am Rande des Finanzministertreffens in der schwedischen Hauptstadt geben. „Die Zeit drängt“, ergänzte der Italiener. Sie werde aber ausreichend sein, sofern sich alle Länder einbrächten. Bis Ende 2023 sind die bisherigen Schuldenregeln noch ausgesetzt, was Spielräume eröffnet.

Ökonomen der Großbank ING schrieben in einer Studie, es müsse etwas fast Unmögliches geschafft werden – nachhaltige Finanzen verbunden mit Reformen und mehr Zukunftsinvestitionen. Noch gebe es keinen Hinweis auf eine grundlegende Blockade eines EU-Landes. Kleinere Änderungen seien zwar immer möglich, am Ende werde der Vorschlag der Kommission aber wohl durchgehen.

Finanzminister Lindner zeigt sich skeptisch

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) bekräftigte seine Kritik, die Vorschläge würden nicht verlässlich genug dazu führen, Schulden zurückzufahren. Die hohen Ausgaben müssten aber runter, um nachhaltige Staatsfinanzen wieder zu bekommen. „Wir dürfen jetzt die Inflation nicht weiter anfüttern.“ Die Vorschläge der Kommission seien „noch nur ein erster Schritt“.

Es brauche weitere Ergänzungen – in Zahlen gegossene Vorgaben beim Abbau und zusätzliche Absicherungen für einen regelmäßigen Rückgang von Defiziten sowie Schuldenständen. Notfalls würden die alten Regeln weiter gelten. Die EU operiere nicht in einem luftleeren Raum.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte in Stockholm, die Durchsetzung der Regeln sei entscheidend. Die Europäische Zentralbank arbeite derzeit an einer Stellungnahme zu den Vorschlägen der Kommission. Klar sei aber, dass kein Land zu den alten Regeln zurückwolle. In der Corona-Pandemie und zuletzt wegen der Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine sind die Schulden in Europa sprunghaft gestiegen.

Sollten die bisherigen Regeln ab 2024 wieder angewendet werden müssen, könnten einige EU-Staaten überfordert sein beziehungsweise zulasten von Investitionen sparen müssen. Das soll vermieden werden. In der Vergangenheit wurde allerdings immer wieder gegen die Regeln verstoßen, ohne dass dies spürbare Konsequenzen gehabt hätte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Weizenpreis unter Druck: Ukraine trifft Russlands wirtschaftliche Lebensader
20.07.2026

Russlands Schiffe brennen, wichtige Exportwege stehen still und der Weizenpreis schießt nach oben. Mit einer Serie von Drohnenangriffen...

DWN
Technologie
Technologie Studie zeigt: Elektroautos holen beim Preis rasant auf – wann sie gleich viel kosten wie Verbrenner
20.07.2026

Der Preis ist für viele Autofahrer oft das stärkste Argument bei der Entscheidung gegen ein Elektroauto. Neue Daten deuten nun auf eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Wochenstart nahe 4.000 Dollar – was das für Anleger bedeutet
20.07.2026

Der Goldpreis ist zum Wochenauftakt nur wenig verändert um die Marke von 4.000 US-Dollar je Feinunze in den Rohstoffhandel gestartet....

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie stabilisiert sich nach Rückschlag: Aufträge stützen, Analysten bleiben vorsichtiger
20.07.2026

Die Rheinmetall-Aktie ist nach einem turbulenten Juni mit leichten Gewinnen in die neue Börsenwoche gestartet. Neue Aufträge und volle...

DWN
Politik
Politik Straße von Hormus: Militärische Eskalation zwischen USA und Iran erreicht neue Stufe
20.07.2026

Nach weiteren Angriffen beider Seiten verschärft sich die Lage im Nahen Osten zusehends. Während Washington seine Militärpräsenz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Aquaductus: Erste Nordsee-Wasserstoffpipeline nimmt konkrete Formen an
20.07.2026

Eine Wasserstoffpipeline soll künftig grünen Wasserstoff aus der Nordsee an Land bringen und die Energieversorgung stärken. Jetzt...

DWN
Finanzen
Finanzen Ein Gewinn für Unternehmen und Bürger: Brüssel lockert die strengsten Regeln des Emissionshandels
20.07.2026

Die Europäische Kommission wird am Freitag einen Vorschlag zur Überarbeitung des Emissionshandelssystems (ETS) vorlegen. Wir haben uns...

DWN
Politik
Politik US-Inflation außer Kontrolle? Warum Amerikas Wähler die Geduld verlieren
19.07.2026

Die offiziellen Wirtschaftsdaten wirken solide, doch viele Amerikaner empfinden ihre finanzielle Lage als zunehmend bedrückend. Bidens...