Politik

Grüne fallen in Wahlumfragen hinter die AfD zurück

Die AfD hat die Grünen in einer aktuellen Umfrage überholt. Forsa-Chef Manfred Güllner hält im Osten Deutschlands sogar einen Spitzenplatz für möglich.
06.05.2023 11:03
Aktualisiert: 06.05.2023 11:03
Lesezeit: 3 min

Noch macht es keine großen Schlagzeilen - aber im Hintergrund bewegen sich die Umfragewerte der AfD in Deutschland seit Wochen nach oben. Den Insa-Wahlforschern zufolge hat die Rechtspartei die Grünen bereits überholt und liegt bei 16,5 Prozent. Bei Forsa liegt sie nur noch einen Prozentpunkt hinter der SPD als zweitstärkster Kraft. Noch gravierender aus Sicht der Mitte-Parteien: Die Werte für die AfD scheinen mittlerweile stabil auf dieser Höhe zu bleiben. "Der Damm, den es zwischen der großen Mehrheit der Wahlberechtigten und der AfD gab, scheint aufzuweichen", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner am Freitag zu Reuters. Inzwischen gäben auch Leute an, die Partei zu wählen, die kein originär rechtes Profil hätten.

Deshalb schrillen die Alarmglocken sowohl in Union, SPD, Grünen und FDP, die bisher - bis auf wenige lokale Ausnahmen - eine Kooperation mit der Rechtspartei strikt ablehnen. Offenbar gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum die Partei einen Höhenflug erlebt. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass die AfD 2024 bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland nicht nur in einem Land stärkste Kraft wird", sagt Meinungsforscher Güllner. "Mir machen die Umfragewerte unfassbare Sorgen, bundesweit noch mehr als im Osten", sagte Grünen-Chefin Ricarda Lang auf einer Konferenz am Donnerstag.

Offenbar speist sich die Zustimmung aus anderen Quellen als früher. Ursprünglich hatte die AfD in der Finanzkrise mit der Ablehnung gegen die EU-Finanzpolitik und den Euro mobilisiert. Dann erlebte die Rechtspartei 2015 durch die Ängste in der Migrationskrise vor allem in Ostdeutschland einen Aufschwung und wurde laut Güllner Sammelbecken für das ultrarechte Spektrum. 2022 kam nach dem russischen Angriff auf die Ukraine dann die Ablehnung von Waffenlieferungen an die Ukraine hinzu. "Aber im Augenblick kommt die Mobilisierung über die Energie-Krise und die Frage, wie die Menschen das bezahlen können", sagt der Forsa-Chef, der auf die Ampel-Debatte über die Erneuerungen der Heizungen und die Inflation verweist. "Die Angst wird bei jedem Einkauf im Supermarkt neu aktiviert", fügt er mit Blick auf die hohen Preise hinzu.

SPD-Chef Lars Klingbeil berichtet von einer massiven Verunsicherung selbst in der Mittelschicht durch die Diskussion über das Ende von Öl- und Gasheizungen. "Die öffentliche Debatte in den vergangenen Wochen hat mit dazu beigetragen", räumte Klingbeil ein. Weil es noch keine abschließende Beschlüsse über das Gebäudeenergiegesetz (GEG) im Bundestag gebe, hätten Populisten den Eindruck eines Zwangs zum Heizungsaustausch verbreiten können, die nicht stimmten. CDU-Chef Friedrich Merz weist die Verantwortung für die Verängstigung - und damit seiner Meinung nach für den AfD-Aufschwung - klar der Ampel zu. Das Problem sei vor allem die Kommunikation der Regierung, sagte die Politologin Julia Reuschenbach von der FU Berlin zu Reuters. Die AfD habe "ein begrenztes Potenzial, um Protest, Unmut und Unsicherheiten zu bündeln".

AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla gibt sich jedenfalls selbstbewusst und nennt "die unkontrollierte Migration Hunderttausender, die schleichende Enteignung der Immobilienbesitzer durch den Heizungswechsel oder unsere Friedensinitiativen, den Ukraine-Krieg mit Friedensverhandlungen zu beenden" als Gründe für gute Umfragewerte seiner Partei.

Flüchtlinge

Mit großer Sorgen blicken die Mitte-Parteien auf das Bund-Länder-Spitzentreffen zur Migration kommenden Mittwoch im Kanzleramt. SPD-Chef Klingbeil befürchtet eine politische Debatte, in der sich Bund und Länder vor allem gegenseitig vorrechneten, wieviel sie für Flüchtlingskosten pro Jahr ausgeben. "Am Ende ist es dann die AfD, die das zusammenrechnet", warnt er vor einer möglichen Stimmungsmache mit diesem Thema. Weil fast alle Parteien dies fürchten, waren die erneut steigenden Zahlen ankommender Asyl-Suchender in der Öffentlichkeit in den vergangenen Monaten nur sehr dezent diskutiert worden. Bei der Aufnahme von rund einer Million ukrainischer Kriegsgeflüchteter gab es ohnehin einen parteiübergreifenden Konsens. Aber einige Kommunen schlagen seit Monaten Alarm, dass sie mit der Unterbringung einer wachsenden Zahl an Geflüchteten und Migranten aus Ländern wie der Türkei, Irak, Syrien oder Tunesien überfordert seien.

Nun will Kanzler Olaf Scholz mit den 16 Ministerpräsidenten nach einer Lösung suchen - was laut FDP-Chef und Finanzminister Christian Lindner auch dringend nötig ist. "Die Untätigkeit lässt die Menschen an Alternativen denken, die in Wahrheit keine sind", warnt er. Die Hoffnung in der Ampel ist, dass nach Entscheidungen zu Heizungen und Migration der Zulauf zur AfD wieder abebbt. FU-Expertin Reuschenbach sieht als Rezept gegen die AfD nicht nur überzeugende Entscheidungen, sondern auch eine klare Abgrenzung vor allem der CDU.

Verblüffend ist, dass das Umfragen-Hoch zu einem Zeitpunkt kommt, an dem der AfD vorgeworfen wird, sich intern zu radikalisieren und dem Flügel um den thüringischen Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke mehr Einfluss einzuräumen. Erst vergangenen Woche hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) die AfD-Jugendorganisation Junge Alternative als rechtsextrem eingestuft. An dem Höhenflug in Umfragen änderte auch die Tatsache nichts, dass mehrere AfD-Landesverbände heillos zerstritten sind. Bei der Landtagswahl in Bremen am 14. Mai führt dies wegen konkurrierender Listen der Partei dazu, dass die AfD gar nicht antreten darf. (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rhein Group: Draghi versammelt Europas Machtelite
19.09.2026

Mario Draghi hat Europas wirtschaftliche Schwächen analysiert. Jetzt will er handeln: Mit der Rhein Group versammelt der frühere...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Das müssen Sie unbedingt wissen
19.09.2026

Mecklenburg-Vorpommern wählt einen neuen Landtag – und diesmal könnte sich das politische Kräfteverhältnis grundlegend verschieben....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrigwasser am Rhein: Wenn der deutschen Wirtschaft das Wasser fehlt
19.09.2026

Der Rheinpegel in Kaub ist der wichtigste Pegel für die Schifffahrt zwischen Rotterdam und Basel. Dort fiel der Wasserstand im August 2026...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes GLC im Test: Elektrisch ist er endlich so, wie er sein muss
19.09.2026

Der elektrische Mercedes GLC 400 4Matic bringt fast 500 PS, viel Komfort, hohe Ladeleistung und einen überraschend moderaten Verbrauch. Im...

DWN
Politik
Politik Berlin wählt: Diese Koalitionen sind möglich – und was sonst noch wichtig ist!
19.09.2026

Rund 2,5 Millionen Berliner entscheiden am Sonntag über die politische Zukunft ihrer Stadt. Nach einem von Wohnungsnot, Verkehr und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Safran-Anbau: KI und Roboter sollen Europas Abhängigkeit beenden
19.09.2026

Safran ist das teuerste Gewürz der Welt, doch seine Lieferkette ist anfällig und kaum transparent. Ein schwedisches Start-up will das...

DWN
Technologie
Technologie Gefälschte IT-Mitarbeiter: Remote-Jobs werden zum Einfallstor für Spione
19.09.2026

Sie sehen aus wie ganz normale Bewerber, doch hinter Lebensläufen, Videogesprächen und vermeintlich echten Identitäten können...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Audi-Krise: „In zehn Jahren muss es Volkswagen noch geben“
19.09.2026

China holt Europas Autobauer nicht mehr nur ein. In wichtigen Technologiebereichen ist die Konkurrenz bereits vorbeigezogen. Audi-Chef...