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Steigende Energiekosten belasten den deutschen Mittelstand

Die hohen Energiepreise belasten den deutschen Mittelstand zunehmend stark. Laut einem EU-Geheimpapier sind die aktuellen Umstände für die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich verheerend.
20.03.2023 15:13
Aktualisiert: 20.03.2023 15:13
Lesezeit: 4 min
Steigende Energiekosten belasten den deutschen Mittelstand
Markus Jerger, Vorsitzender der Bundesgeschäftsführung des Bundesverbandes Der Mittelstand (BVMW), spricht beim Zukunftstag Mittelstand, dem Kongress und Jahresempfang 2023 des Bundesverbandes Der Mittelstand (BVMW). (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Der deutsche Mittelstand hadert derzeit mit wachsenden Energiepreisen. Neben den steigenden Energiekosten stellt die Inflation und der Arbeitskräftemangel eine zusätzliche Belastung für den Sektor dar.

Die deutsche Wirtschaft besteht laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu 99,4 Prozent aus kleinen und mittelständischen Unternehmen, welche 30,3 Prozent des Gesamtumsatzes der deutschen Volkswirtschaft bilden. Die Bedeutung der KMU für die deutsche Wirtschaft ist angesichts dieser Tatsache enorm.

Wie aus einem geheimen EU-Papier, das der BILD-Zeitung vorliegt, hervorgeht, seien die aktuellen Umstände für die Deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich verheerend. Die sich darin äußernden Analysten würden die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft in einem negativeren Zustand als zu Beginn der Corona-Pandemie sehen. Dem Geheimpapier der EU-Kommission zufolge führe die Preisentwicklung dazu, dass Investitionen in die grüne und digitale Transformation zurückgestellt würden. Darüber hinaus erwäge jedes vierte Unternehmen Anteile, Produktion oder Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern.

Energiekrise: Bemühungen um Entlastung für Unternehmen

Seit Beginn des Ukraine-Krieges am 24. Februar 2022 reagierte die EU mit Sanktionen gegen den „grundlosen und ungerechtfertigten” Einmarsch Russlands in die Ukraine. Dazu gehörten u. a. im Dezember 2022 das Verbot der Einfuhr von Rohöl und seit Februar 2023 raffinierte Erdölerzeugnisse.

Die russische Gasabhängigkeit betrug im Jahr 2021 55 Prozent des gesamten Gasimportes. Als Reaktion auf die damalige Sorge über steigende Strom- und Gaspreise erließ die Bundesregierung Entlastungspakete und einen Abwehrschirm in Höhe von 200 Milliarden Euro. Wie Bundeskanzler Scholz kommentierte, wäre dieser Wirtschafts- und Stabilisierungsfonds erlassen worden, „damit Strompreise, damit Gaspreise sinken – dramatisch sinken – und damit sie von den Bürgerinnen und Bürger und den Unternehmen bewältigt werden können“.

Doch die Wirkung des erlassenen Abwehrschirms bleibt gemäß aktueller Prognosen aus: „Die Preisentwicklung zwingt rund 40 Prozent der Unternehmen dazu, Investitionen in die grüne und digitale Transformation zurückzustellen. Und fast jedes vierte Unternehmen erwägt (oder ist bereits dabei), Anteile, Produktion oder Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern“, hieß es im Geheimpapier des EU-Kommission. Davon seien die verschiedene Branchen verschiedenen stark betroffen.

Vor allem energieintensive Bereiche wie Chemische Industrie (v.a. Düngemittel), Metall-, Zement-, Aluminium-, Stahl-, Keramik- und Magnetindustrie, Baugewerbe, Glas-, Kunststoff-, Papier- und Holzverarbeitungsindustrie, Möbelindustrie, Fahrzeugindustrie, Elektronikindustrie etc. sehen sich Maßnahmen wie Produktionsverlagerung oder -stopps gegenübergestellt. Die Gewerkschaften der Industrien, so auch die IG Metall, riefen wegen Standortschließungen und dem damit verbundenen Stellenabbau zu bundesweiten Aktionstagen auf.

Bereits im Oktober 2022 sprach sich der Staatssekretär im Bundeskanzleramt und enger Vertrauter von Bundeskanzler Olaf Scholz, Jörg Kukies über die möglichen Folgen der Energiebelastung aus. Schon damals wies Kukies besorgt darauf hin, dass in Bereichen wie Zink und Stahl Verlagerungen in andere Weltregionen zu beobachten seien. Durch die Unsicherheiten in der Beschaffung von Brennstoffen kämen Produktionsstopps, Verluste in der Wertschöpfungskette und die Produktionsverlagerung ins Ausland zustande.

Zukunftsfähigkeit des Mittelstandes hängt von Digitalisierung ab

Eine Umfrage des „European Roundtable for Industry” zeigte zudem, dass Investitionen im EU-Raum in naher Zukunft ausgesetzt oder verringert werden sollen. Laut der Umfrage gaben 34 Prozent der Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzenden an, ihre Investitionen auszusetzen, wobei 15 Prozent der Befragten dies dauerhaft planen.

Für die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist die Positionierung in puncto Digitalisierung äußerst entscheidend. Der DESI-Index 2022 zeigte für Deutschland einen Indexwert von 52,9 im europäischen Vergleich, womit Deutschland sich im Mittelfeld unter den EU-Ländern einordnet. Innovative Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz sind im erheblichen Maße für die Steigerung der Effizienz und der Wettbewerbsfähigkeit verantwortlich. Doch ohne die nötigen Investitionen wird sich dieser Sektor nur langsam ausbauen können.

Zudem verliere Deutschland laut einer Umfrage der „Denkfabrik Stiftung neue Verantwortung” rund 37 Prozent der KI-Forscher ans Ausland, obwohl für viele KI-Talente die Promotion an deutschen Universitäten und Bildungseinrichtungen interessant ist. Doch die Forschungsbudget und Gehälter in globalen Tech-Konzerne der Abwanderungsländern wie USA, Schweiz und Großbritannien sind höher und damit attraktiver für KI-Forscher.

Fachkräftemangel bremst Klimaziele der EU aus

Das Beratungsunternehmen McKinsey zeigte anhand seines Energie-Index auf, dass es bis 2030 zu einer Stromlücke von 30 GW im Jahr kommen könne – ein Wert, der 30 thermischen Großkraftwerken entspreche. Dies ergibt sich aus den Berechnungen des Frühjahres 2023. Danach sei bis 2030 an Anstieg der Spitzenlast auf 120 GW zu erwarten, bei gleichzeitiger Senkung der verfügbaren Leistung auf 90 GW im Jahr 2023 durch den geplanten Ausstieg aus Kernkraft und allen fossilen Energien.

Begriffen Experten die Energiekrise anfangs als Chance, die Dekarbonisierung voranzutreiben und Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen, stellt sich nun angesichts der Pläne, die Investitionen für die grüne Transformation einzustellen, die Frage, wie der Mittelstand ohne Finanzierungshilfen diese Klimaziele erreichen soll?

Die Produktionsumstellung im KMU Sektor in Richtung grüner Transformation hängt vor allem auch von der Implementierung und Erforschung neuer Technologien ab. Diese Umstellung erfordert Mittelständlern das Aufbringen nicht zur Verfügung stehender Ressourcen. Im besonderen Maße ist davon die Nachfrage nach Fachkräften in den Bereichen Kreislaufwirtschaft, Biotechnologie oder Digitalisierung betroffen, wie aus einer Publikation der „Deutschen Energie Agentur” zu entnehmen ist.

Der demografische Wandel jedoch wird in kommenden Jahren laut Prognosen von Experten dazu führen, dass der Fach- und Arbeitskräftemangel weiterhin ansteigt. Die Analysen des „Mittelstandskompass 2022” schlüsselt hinsichtlich des Qualifikationsniveau auf, dass mit 45 Prozent Fachkräfte mit mittlerem Qualifikationsniveau und mit 33,7 Prozent Spezialisten gesucht werden.

Die AfD-Fraktion forderte in Anbetracht der Situation mit einem Antrag an den Bundestag die Entlastung des Mittelstandes. Es soll laut Antrag seitens der Regierung ein Gesetzesentwurf vorgelegt werden, „der die überproportionale Belastung kleiner und mittlerer Unternehmen durch die Befolgung gesetzlicher Vorschriften wirksam und vollständig beseitigt“. Bundeskanzler Scholz zeigte sich allerdings angesichts sinkender Energiepreise bei der Kabinettsklausur in Meseberg optimistisch: „Wir haben Deutschland gemeinsam (...) angesichts einer ganz großen Herausforderung, die mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verbunden ist, sicher durch eine große Krise geführt“.

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Oliwia Kowalak

Oliwia Kowalak ist frei Journalistin mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Finanzen. Sie schreibt unter anderem über den deutschen Mittelstand, Executive Search, Digitalisierung/IT und Nachhaltigkeit 
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