Wirtschaft

Lagarde: Machtkampf zwischen USA und China ist Risiko für Europa

EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt vor beträchtlichen Risiken, die der Machtkampf der US-Regierung gegen Peking für Europa beinhaltet.
09.05.2023 10:07
Aktualisiert: 09.05.2023 10:07
Lesezeit: 3 min
Lagarde: Machtkampf zwischen USA und China ist Risiko für Europa
EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt vor den Risiken, die der Machtkampf zwischen den USA und China für Europa bereithält. (Foto: dpa) Foto: Jonas Walzberg

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, hat in einer Rede auf die Risiken aufmerksam gemacht, welche der Machtkampf zwischen den USA und China für Europa und den Euro birgt.

Eine Eskalation der geopolitischen Spannungen würde große wirtschaftliche Schäden verursachen und zudem der weltweiten Akzeptanz des Euro schaden, sagte Lagarde Mitte April auf einer Tagung des Council of Foreign Relations in New York.

„Wir sehen dann wahrscheinlich mehr Instabilität, wenn die weltweite Lieferketten-Elastizität verschwindet; und zweitens könnten wir Zeugen von mehr Multipolarität werden, wenn die geopolitischen Spannungen weiter anschwellen“, zitiert die Financial Times Lagarde.

Konkret rechnet Lagarde damit, dass im Falle einer Eskalation des Feldzuges der US-Regierung gegen China und eines damit einhergehenden Zerfalls der globalen Lieferketten bestimmte Rohstoffe und Produkte in Nordamerika und Europa kaum noch erhältlich wären. Die USA seien bei 14 kritischen Materialen „komplett abhängig“ von Importen und Europa beziehe 98 Prozent der benötigten Seltenen Erden aus China, sagte Lagarde.

Sollten die weltumspannenden Lieferketten ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen werden, bedeutete die höhere Preise für die Bürger in Europa. „Sollten die globalen Wertschöpfungsketten entlang geopolitischer Linien zerbrechen, dann könnte das weltweite Niveau der Konsumentenpreise kurzfristig um 5 Prozent und etwa 1 Prozent auf lange Sicht steigen“, sagte Lagarde.

Lagardes Einschätzung dürfte viel zu niedrig angesetzt sein. China ist Deutschland wichtigster Handelspartner und der bedeutendste Handelspartner für eine große Mehrheit der Länder auf der Welt. Ein Zusammenbruch wichtiger Lieferketten dürfte deshalb katastrophale Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben, welche ohnehin infolge der Abkehr von russischen Energieprodukten zuletzt unter Druck geraten ist.

Bei den von Lagarde genannten Zahlen dürfte es sich deshalb um Bruchteile der tatsächlich in einem solchen Szenario zu erwartenden Inflationssteigerungen handeln.

Lagarde verwies zudem auf Risiken für den US-Dollar und den Euro, die dem US-Feldzug gegen China innewohnten. Schon jetzt sehe man „anekdotische Anzeichen“ einer verstärkten Nutzung des chinesischen Renminbi und der indischen Rupie im transnationalen Handel. Zudem erwerben viele Zentralbanken seit Monaten verstärkt Gold. Politische Spannungen könnten die angeschlagene internationale Akzeptanz von Dollar und Euro weiter beschädigen, warnte Lagarde.

Lesen Sie dazu: China wickelt Außenhandel erstmals mehrheitlich in Yuan ab

„Bis jetzt bilden die Daten noch keine substanziellen Veränderungen im Gebrauch der Währungen ab. Aber sie deuten an, dass der Status der Währungen nicht länger für gegeben erachtet werden sollte“, sagte Lagarde.

Lagarde zufolge wird eine lange Periode „relativer Stabilität nun einer Periode dauerhafter Instabilität weichen, welche sich in geringerem Wachstum, höheren Kosten und mehr unsicheren Handelspartnerschaften“ äußern werde.

Vor diesem Hintergrund plädiert die EZB-Präsidentin für eine verstärkte Zusammenarbeit der Staaten – etwa im Bereich der Sicherung von Lieferketten oder der Diversifizierung der Energieversorgung. So könne ein positiver Wirkungskreis aus „geringer Volatilität, geringerer Inflation, höheren Investitionen und stärkerem Wachstum“ geschaffen werden. Lagarde plädiert also für Kooperation statt Konfrontation.

Falsch wäre es aus Sicht der EZB-Präsidentin, die gegenwärtig hohe Inflation mit staatlichen Subventionen und Lohnerhöhungen auszugleichen, welche sich mittelfristig nur in weiter steigenden Preisen, höheren Zinsen für die Staatsschulden und schwächeren Investitionen in nachhaltige Strukturen äußern würden.

Deutschland besonders betroffen

Deutschland ist wie kaum ein anderes Land von den skizzierten Risiken betroffen, was an dem Geschäftsmodell liegt, das die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten betrieben hatte. Dieses basiert auf dem gesicherten Bezug von preiswerten Energieträgern, Rohstoffen und Vorprodukten, um daraus in Deutschland hochqualitative Enderzeugnisse für den Export zu produzieren.

Der Zusammenbruch globaler Lieferketten während der Corona-Pandemie sowie die Verhängung von Sanktionen gegen russische Energieträger nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs hat jedoch die Schwachstellen des deutschen Models offen zu Tage treten lassen: es ist nicht krisenresistent, sondern aufgrund der im zu Grunde liegenden massiven Vernetzung äußerst anfällig für Störungen.

Zudem verfügen weder Deutschland noch die anderen europäischen Staaten (eine Ausnahme stellt Norwegen dar) über nennenswerte Vorkommen an fossilen Energieträgern oder strategisch wichtigen Metallen wie Lithium, Kobalt oder Nickel.

Hinzu kommt, dass die Energiewende hiesige Unternehmen in Form steigender Preise für Energie und Strom im internationalen Vergleich extrem belastet. Besonders mittelständische und kleine Betriebe leiden unter immer mehr bürokratischen Anforderungen im Sinne des „Klimaschutzes“ und direkter Verbote. Auch die enorm hohe Steuer- und Abgabenlast hemmt die Entwicklung der Wirtschaft und trägt dazu bei, dass Deutschland im internationalen Vergleich kaum noch wettbewerbsfähig ist.

Problematisch erscheint zudem, dass die an der Bundesregierung prominent beteiligten Grünen einen politisch motivierten Konfrontationskurs gegenüber China verfolgen und die Wirtschaftsbeziehungen zum wichtigsten Handelspartner Deutschlands zunehmend stören.

Lesen Sie dazu: VW erteilt der Anti-China-Agenda der Grünen eine klare Abfuhr

Zuletzt hatte Frankreichs Präsident Emanuel Macron vor einer Zuspitzung des Taiwan-Konfliktes gewarnt und gefordert, dass Europa sich unabhängiger von der US-Regierung aufstellen müsse. Dahinter steht der Gedanke, im Falle einer Eskalation nicht Leidtragender des Machtkampfes zwischen den Supermächten USA und China zu werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte: Wall Street uneinheitlich vor Beginn der Berichtssaison
12.10.2026

Spannung an den US-Börsen: Erfahren Sie, welche entscheidenden Faktoren und Quartalszahlen die Märkte aktuell bewegen.

DWN
Politik
Politik Kritische Rohstoffe: EU startet 46 neue Projekte, doch die alten scheitern
12.10.2026

Europa will sich aus Chinas Rohstoffklammer befreien. Dafür bringt Brüssel 46 neue strategische Projekte auf den Weg, die Investitionen...

DWN
Politik
Politik Putin ist erfolgreicher, als uns lieb sein kann: Analyst weist auf großen Fehler der NATO hin
12.10.2026

Sabotage, Drohnen und Angriffe auf Infrastruktur: Nach Einschätzung des Russland-Experten Mason Clark verfolgt der Kreml damit ein...

DWN
Politik
Politik Er verlor den Kampf um die Macht gegen Trump und Vance: Jetzt warnt er seine Partei
12.10.2026

Tim Walz hat die Niederlage von 2024 noch nicht abgehakt. Im Interview erklärt der frühere Vizepräsidentschaftskandidat, warum die...

DWN
Finanzen
Finanzen McDonalds-Aktie: Ausverkauf an der Börse – haben die Anleger die Burger satt?
12.10.2026

Die McDonalds-Aktie ist auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gefallen und hat innerhalb von neun Monaten fast ein Drittel ihres...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Handelskompromiss mit China: Was der Deal Deutschland bringt
12.10.2026

Nach wochenlangen Spannungen haben sich die Europäische Union und China auf erste konkrete Schritte zur Entschärfung ihres...

DWN
Politik
Politik Trumps überraschende Entscheidung, russischen Kraftstoff in die USA zu importieren, sorgt weltweit für Aufsehen
12.10.2026

Donald Trumps Vereinbarung mit Russland zeigt den wachsenden Druck, die Kraftstoffpreise zu senken, und markiert einen deutlichen...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldreserven wachsen rasant: China kauft so viel Gold wie seit drei Jahren nicht
12.10.2026

Die chinesische Zentralbank ist auf dem besten Weg, bei den Goldreserven an den Zentralbanken Frankreichs und Italiens vorbeizuziehen. Nach...