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Auswandern nach Ungarn: Sonniges Steuerparadies in Mitteleuropa

Lesezeit: 10 min
21.05.2023 09:38  Aktualisiert: 21.05.2023 09:38
Ungarn lockt digitale Nomaden, Rentner, Studenten und sogar junge Familien aus Deutschland an. Niedrige Steuern, günstige Preise und eine schlanke Bürokratie sprechen dafür. Doch lohnt sich die Übersiedlung? Unser Autor hat sechs Monate in Ungarn gelebt und berichtet über Vor- und Nachteile einer Auswanderung.
Auswandern nach Ungarn: Sonniges Steuerparadies in Mitteleuropa
Ungarn gilt als beliebtes Auswanderungsland bei Deutschen. (Foto: iStock.com/Peter_Horvath)
Foto: Peter_Horvath

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Den meisten Menschen erschien der Ostblock als grau, ärmlich und einengend. Doch ein Land galt vielen Reisenden aus Ost und West als kleiner Lichtblick: Ungarn, die „lustigste Baracke des Ostblocks“ lockte zum günstigen Familienurlaub, bei dem man Sonne, Strand und einen großen See, dazu sogar Coca-Cola und Camel genießen durfte. Heute zieht Ungarn erneut Menschen aus der ganzen Welt an. Niedrige Steuern und Preise, eine gute Infrastruktur und das herrliche Klima sprechen dafür.

Doch ist Ungarn tatsächlich der Sehnsuchtsort, den sich viele Deutsche erhoffen? Der Autor hat sowohl in Budapest als auch am Plattensee gelebt und schildert hier Vor- und Nachteile des kleinen Landes in Mitteleuropa.

Ein Stück Heimat auf fremdem Boden?

Führe man ohne Orientierung durch Ungarn, könnte man zeitweise meinen, in Österreich zu sein. Häuser im Jugendstil, schwäbische Dörfer und restaurierter Klassizismus zeugen von der Habsburger Monarchie — den Ostblock stellt man sich anders vor. Doch sobald man auf die Straße tritt, wird man von dem seltsamen und doch angenehmen Mix europäischer Kulturen überwältigt. Die Sprache der Ungarn, eine Fortentwicklung des Finnougrischen, klingt dem Finnischen sehr ähnlich. Die Menschen sehen zumeist westeuropäisch aus, tragen jedoch gleichzeitig die Schwere des Ostens und die Leichtfüßigkeit des Balkans in sich.

Den zahlreichen Städtchen und Dörfern des Landes merkt man ihre Armut durchaus an. Zerfallene Gebäude, uralte Bänke, kaputte Schilder und Gehwege erinnern an längst vergangene Zeiten. Doch blickt man sich weiter um, ist da auch Glanz, etwa in der Hauptstadt Budapest: Das restaurierte Parlament erstrahlt in schimmerndem Weiß, die herrliche Altstadt gibt den Charme des frühen 20. Jahrhunderts hervorragend wieder und die große Andrássy Út wird zurecht mit der Pariser Avenue des Champs Élysées verglichen.

An jeder Ecke zeigen sich Spuren der reichen ungarischen, aber auch der österreichischen, deutschen und slawischen Geschichte. Das alte Europa wurde hier nicht konserviert, es lebt munter weiter. So spaziert man für Stunden durch Budapest und fragt sich nach den typischen Erscheinungen einer Großstadt: Graffiti, Ghettos, Hundekot, Müll, Spuren von Gewalt – all das sucht man hier vergebens.

Dafür findet man ein schillerndes Kulturleben vor. Donauschwäbische und ungarische Weinbauern verkaufen ihren Riesling, an jeder Ecke werden traditionelle Gerichte frisch zubereitet und zahlreiche politische und religiöse Veranstaltungen ziehen Scharen begeisterter Teilnehmer an. Erstaunlich ist, dass dieses Zusammenleben so reibungslos funktioniert. Die Gesellschaft hält zusammen. Ob Christen, Juden, Einwanderer oder Einheimische, Jung und Alt: Alle Gruppen scheinen sich grundsätzlich zu respektieren. Ungarn ist ein homogenes, ruhiges Land und Budapest mittlerweile eine der sichersten Städte Europas geworden.

Der Start ins ungarische Leben ist vor allem für Deutsche und Österreicher unproblematisch. Hier lässt es sich selbst mit einer geringen Rente vorzüglich leben, ein deutsches Gehalt ist in aller Regel ausreichend für eine tolle Mietwohnung oder Wohneigentum, regelmäßige Teilnahme an den günstigen Kulturveranstaltungen und kulinarische Genüsse, vom herrlichen Gulasch bis hin zu grandiosen Weinen, frisch gebranntem Obstschnaps und vorzüglichem Kaffee Wiener Röstung.

Verständlicherweise werden deutsche Touristen und Auswanderer hier als ambivalente Gäste wahrgenommen: einerseits als Bereicherung und Wirtschaftsfaktor, andererseits aber als Preistreiber und Kulturfremde. Das letzte Vorurteil lässt sich umgehen, indem man ein bisschen Ungarisch lernt. Schon der Versuch, sich mit einem rudimentären Wortschatz zu verständigen, wird den meisten Einheimischen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Dann entsteht aus dem netten Smalltalk schnell eine Einladung zum Abendessen oder zur Degustation auf dem heimischen Weingut.

Ungarn: Auswanderungsland trotz besserer Chancen

Bei einem Treffen des Deutschen Wirtschaftsclubs Ungarn Budapest wird aber schnell klar, dass die Einwanderung aus Deutschland und Österreich nicht nur erfreulich, sondern sogar notwendig ist. Viele junge Menschen kehren dem Land nämlich den Rücken. So seien zwar laut Statista im Jahr 2021 über 80.000 Menschen eingewandert, im gleichen Zeitraum verließen aber 67.000 das Land.

„Häufig studieren junge Menschen hier Jura und bemerken nach dem Abschluss, dass sie in London besser als Kellner verdienen würden als in Budapest in einer Kanzlei. Nicht wenige werden also lieber Kellner und wollen dann nach fünf Jahren zurückkommen, wenn sie ein gewisses Kapital angespart haben, doch dann ist auf dem Arbeitsmarkt kein Platz mehr für einen Juristen, der seine besten Jahre als Aushilfe in der Gastronomie verbracht hat“, sagt ein Redner. „Wir müssen versuchen, die guten Leute im Land zu halten, sonst haben wir ein Problem.“

Tatsächlich ist Ungarn einer Rezession entgangen, wurde aber im Zuge der Corona-Pandemie, des Krieges und der daraus entstandenen Preissteigerung wirtschaftlich getroffen. Die Inflation ist stärker als in vielen benachbarten Ländern und die Preise im Supermarkt gleichen mitunter denen in Deutschland. Dass viele junge Ungarn, die oft nur ein Bruchteil dessen verdienen, was in Westeuropa als normal gilt, auswandern, lässt sich kaum verhindern.

Ungarn ist ein wichtiges Land auf der neuen Seidenstraße. Einerseits gilt es als vielversprechender Standort für die deutsche Automobilbranche, für Firmen wie Audi, CATL, Suzuki und mehr, andererseits werden hier große chinesische und russische Investitionen getätigt. Das Land Ungarn ist ein Magnet für den deutschen Mittelstand und für Investitionen aus der ganzen Welt. Eine schlanke Bürokratie, die geringe Körperschaftssteuer von gerade einmal neun Prozent, günstige und gut geschulte Arbeitskräfte sowie eine stabile Infrastruktur machen das Land zu einem begehrten Ort für Investoren aus aller Welt.

Die konservative FIDESZ-Partei, welche seit 2010 in dem Land regiert, versucht, diese positiven Voraussetzungen auszubauen. So bekommen junge ungarische Familien fürstliche Zuschüsse für jedes geborene Kind, ein Unterfangen, das die Eltern einerseits im Land halten und zum anderen die niedrige Geburtenrate steigern soll. Beide Programme zeigen Wirkung, können aber die Alterung und Abwanderung nur bedingt aufhalten.

Im Gegensatz zu Deutschland sieht man hier nichtsdestotrotz mehr junge Familien mit mehreren Kindern. Die Geburtenrate, lange ebenso rückläufig wie in Deutschland, wurde auf über 1,6 Kinder pro Frau angehoben und könnte noch weiter steigen. Ob damit das wünschenswerte Erhaltungsniveau von 2,1 Kindern erreicht wird, ist derzeit nicht absehbar. Aber zumindest zeigt sich hier, dass Überalterung und Abwanderung keine unvermeidlichen Entwicklungen sind, sondern mit politischem Willen angegangen werden können.

Gute Infrastruktur, katastrophales Gesundheitssystem

Wie so vieles ist auch die Versorgung in dem kleinen Land mit etwas weniger als zehn Millionen Einwohnern widersprüchlich. Die Infrastruktur gilt mitunter als hervorragend. Züge, Busse und Bahnen fahren meist pünktlich und wie nach der Stechuhr, selten bleibt man im Stau stecken oder muss sich mit verpassten Anschlussverbindungen herumärgern. Die Preise sind für deutsche Verhältnisse äußerst günstig, Rentner fahren sogar kostenfrei mit allen öffentlichen Transportmitteln im Land. Wenn es einmal ganz schnell gehen muss, greift man zur estnischen App „Bolt“ und ruft sich ein Taxi. Das System funktioniert genauso wie Uber, ist aber um einiges günstiger als in Deutschland. Auch mit dem eigenen Pkw lässt es sich exzellent durch Ungarn fahren. Die Straßen sind gut ausgebaut und sicher, Stellplätze finden sich im ganzen Land, nur in der Hauptstadt Budapest dauert die Parkplatzsuche etwas länger.

Für deutsche Auswanderer ist vor allem aber die gastronomische Situation ein herrliches Erlebnis: Günstige Gaststätten mit frischen Gerichten, großartigen Weinen, süffigen Bieren und selbstgemachten Limonaden laden zum Genießen ein. Nicht selten verweilt man beim Kaffee oder der Weinschorle und wundert sich, dass die Rechnung auch nach mehreren Nachbestellungen nicht auf einen zweistelligen Eurobetrag kommt. An jeder Straßenecke finden sich hübsche Cafés, traditionsreiche Gaststätten, moderne Bars und fantastische Imbissbuden, die man ob der günstigen Preise in der Landeswährung Forint liebend gerne frequentiert.

Ein weiterer Vorteil ist das ausgebaute Netz Ungarns. Fast überall hat man Empfang, der durch T-Mobile sichergestellt wird. Ob per Datenroaming im deutschen Vertrag oder mit einem der zahlreichen Prepaid-Angebote: Hier findet man immer eine gute Verbindung. Das ist insbesondere für digitale Nomaden attraktiv, die zusätzlich von der Vernetzung profitieren. Positiv anzumerken sind zudem die geringen Energiekosten. Ungarn bezieht seinen Strom hauptsächlich aus Erdgas und der Atomkraft, sodass die Grundlast immer gedeckt wird. Entsprechend niedrig und stabil sind die Strompreise für Firmen und Privathaushalte. Auch die ungarischen Heizkosten gehören zu den niedrigsten in der gesamten EU, ein Umstand, den vor allem Hausbesitzer berücksichtigen sollten.

Schlusslicht ist Ungarn allerdings in der Gesundheitsversorgung. Laut Euro Health Consumer Index hat das Land eines der schlechtesten Gesundheitswesen Europas. Hier dürfte auch ein Grund dafür liegen, dass von 11.340 Auswanderern aus Deutschland nach Ungarn zwischen 2012 und 2021 insgesamt 7.223 wieder nach Deutschland zurückkehrten. Denn das Gesundheitssystem ist allenfalls noch spartanisch. Für etwas mehr als 20 Euro im Monat bekommt man die Grundversorgung, die aber mehr als Ultima Ratio verstanden werden dürfte. Denn die Krankenhäuser bieten zumeist eine unzureichende Qualität und Ausstattung, Patienten wird empfohlen, eigene Bettwäsche und Lebensmittel mitzubringen. Vor einem Arztbesuch wird nicht selten darüber spekuliert, wie viel Trinkgeld man vorsorglich zur Behandlung mitbringen sollte. Hier zeigt sich das Land von seiner schlechtesten Seite, die auch deutschen Rentnern ein Dorn im Auge sein dürfte.

Eine illiberale Demokratie – und trotzdem mehr Freiheit?

Ministerpräsident Viktor Orbán sagte im Jahr 2014, in Ungarn würde an einem illiberalen Staat gearbeitet werden. Was meinte er damit? Tatsächlich nutzte er den Begriff illiberal nicht, um sich gegen Werte wie Freiheit und Individualismus zu stellen. Vielmehr bedeutete es, diese Werte nicht für eigene Machtzwecke zu missbrauchen, sondern einen spezifischen, nationalen und partikularen Ansatz anzuwenden, so der Ministerpräsident. Das heißt im Klartext: Eine Politik zu betreiben, die zu den Menschen des Landes passt.

Insbesondere hier liegt das, was viele Deutsche in ihrem Heimatland vermissen. Die Entlastung der Rentner, Förderung junger Familien, Stärkung des individuellen Rechts, günstig und ohne staatliche Eingriffe leben zu können, ein Haus zu bauen und dort nach Gutdünken zu leben, all das sind Dinge, die viele Deutsche schmerzlich vermissen.

Und letztendlich profitieren alle, auch die ärmeren Ungarn, von dem Wirtschaftswachstum, den jungen Unternehmern und der Freiheit in ihrem Heimatland, denn vergleicht man den Wohlstand, die Größe der Mittelschicht und den Zustand der Infrastruktur Ungarns von heute mit der postsozialistischen Ära, merkt man, dass das Land einen riesigen Sprung nach vorne gemacht hat.

Ist Ungarn jetzt also ein Musterstaat und in allen Bereichen besser als die alte Bundesrepublik? Das kommt auf die Perspektive an. Das soziale Netz ist in Ungarn viel schwächer ausgeprägt als in Deutschland. Wer arm ist, muss hart arbeiten, um einen bescheidenen Lebensstandard zu erlangen. Wer krank ist, muss mit dem maroden Gesundheitssystem vorliebnehmen. Diese Voraussetzungen sind vergleichsweise beschwerlich und es verwundert nicht, dass sich viele Ungarn die grundständige Sicherheit eines Sozialstaates wie dem Deutschlands wünschen – ohne die damit einhergehenden Nachteile im Blick zu haben.

Nach Ungarn auswandern und wohnhaft werden

Denn dieser freie Raum, in dem man sein Unternehmen günstig aufbauen und führen, sein Haus nach eigenen Vorstellungen planen und seine Familie unbeschwert gründen kann, ist für all jene ein Traum, die sich nach mehr Freiheit und Selbstverwirklichung sehnen.

Start-ups, digitale Nomaden, Freelancer, aber auch Studenten, die ohne NC-Zwang und politische Ideologie studieren wollen, Rentner, die sich von ihrem bescheidenen Ersparten noch etwas Lebensqualität erwarten und Familien, die sich in Deutschland zunehmend bedrängt fühlen; Sie werden Ungarn lieben und sich ob der großen Freiheiten in dem Land schnell wie zu Hause fühlen.

Tatsächlich ist es sehr einfach für EU-Bürger, sich in Ungarn aufzuhalten und langfristig anzumelden. Wer einer Erwerbstätigkeit nachgeht, ein Studium oder eine Berufsbildung absolvieren möchte, hinreichend vorgesorgt hat und über eine Krankenversicherung verfügt, kann sich problemlos registrieren und länger in dem Land bleiben als drei Monate.

93 Tage nach der Einreise ist es jedoch obligatorisch, sich bei der Nationalen Generaldirektion der Fremdenpolizei (Országos Idegenrendészeti Főigazgatóság) zu registrieren. Der Anmeldeprozess ist zügig erledigt und stellt nur eine minimale bürokratische Hürde dar.

Niedrige Steuern und Kosten

Ungarn gilt als Steuerparadies der EU, doch was bedeutet das genau? Günstig sind die niedrige Körperschaftssteuer von neun Prozent und die Einkommenssteuer von 15 Prozent. Aufhorchen lässt die hohe Mehrwertsteuer von 27 Prozent, die aber für Milch- und Getreideprodukte (18 Prozent) sowie für Bücher, Zeitschriften, medizinische Geräte und Arzneimittel (fünf Prozent) geringer ausfällt.

Auch im Supermarkt und in der Gastronomie herrschen noch günstigere Preise, wobei diese sich zunehmend an das deutsche Niveau annähern. Besonders vorteilhaft sind aber niedrige Immobilien- und Grundstückspreise sowie die geringen Heiz- und Stromkosten für Deutsche Auswanderer. Schon mit 50.000 Euro erhält man ein schönes Einfamilienhaus nahe dem Plattensee mit großzügigem Garten.

Viele Deutsche folgen inzwischen dem Ruf Ungarns und bauen sich hier eine neue Existenz auf. So lebten im Jahr 2020 offiziell 18.344 Deutsche und über 40.000 weitere Deutschsprachige in Ungarn, letztere zumeist Donauschwaben, die schon seit Jahrhunderten in dem Land leben. Deutsche Gemeinden gibt es in Budapest, am Balaton und im südwestlichen Bezirk Baranya.

Lohnt es sich also, nach Ungarn auszuwandern? Diese Frage lässt sich nur subjektiv beantworten. Doch ein Besuch bei der deutschen Gemeinde nahe dem Plattensee zeigt, dass man gar nicht langfristig planen muss, um hier viele schöne Jahre seines Lebens zu verbringen.

Eine deutsche Gemeinde in Ungarn

Langsam steigt die Sonne über dem Balaton auf und wirft ihre Strahlen in das glitzernde Wasser. Ein paar Segelbote und Schwimmer ziehen gemächlich durch den über 70 Kilometer langen See. Das Binnengewässer ist Magnet für Touristen aus aller Welt, auch Deutsche zieht es hier schon seit vielen Jahren hin. Am Fuß des Vulkans Badacsony öffnet Mike sein Gartentor und blickt zufrieden auf das Gewässer. Es wird ein sonniger Tag, mild und trocken. Perfekt, um Wein zu pflanzen. Aber warum unbedingt hier?

Mike ist Potsdamer und arbeitet im Raum Berlin als selbständiger Handwerker. Doch das Leben dort sei ihm zu stressig, zu aggressiv der Umgangston und der Staat zu ungerecht. So fährt er lieber mit der Familie und dem Hund an den Balaton, um dort immer längere Zeitabschnitte zu verbringen. Hier sei das Leben einfacher, sagt er und verpflanzt einige Setzlinge. Die Einheimischen seien nett, die Preise günstig. Über Steuern müsse man sich keine Sorgen machen. Und das Wetter, ein Traum! Falls es im Winter trotzdem mal kalt würde, wäre auch das kein Problem. Hier könne er noch mit seinem Holzofen heizen, ganz wie früher. Eine Wärmepumpe würde ihm wohl niemand aus dem konservativen Abgeordnetenhaus aufzwingen.

Das Haus selbst habe er über einen Makler gefunden, der gut Deutsch spräche. Und überhaupt: „Die Preise sind ein Witz, dafür bekommt man in Deutschland nicht mal eine Einzimmerwohnung“, sagt er und zeigt stolz auf sein hübsches Familienhaus. Der Mietvertrag sei genau zwei Seiten lang. „Warum denn auch alles mit Bürokratie lösen?“, heißt es von einem anderen Deutschen, „hier denkt und handelt man pragmatisch, das ist viel entspannter als in der BRD.“

Und wie sei die Situation mit den Einheimischen? „Hier haben die Deutschen sich schon längst gefunden. Es gibt eine Integrationsschule im Ort, in der die Kinder Deutsch und Ungarisch lernen, einen Stammtisch und Lokale, in denen man immer mal wieder auf andere Deutsche trifft. Fast also wie zu Hause. Die Einheimischen sind super, aber ich muss erst einmal richtig Ungarisch lernen, um mich ernsthaft mit ihnen zu unterhalten“, sagt Mike lachend.

Und das Gesundheitssystem? Das sei in Deutschland auch nicht perfekt, so die Antwort, zudem gäbe es ja immer noch private Kliniken, die nicht zwar teurer, aber dafür besonders hochwertig seien.

Tatsächlich fühlt man sich am Plattensee zuweilen wie in einem längst vergangenen Deutschland, in dem das Leben unkomplizierter und das Zusammenleben harmonischer ist. Aber will man hier auch alt werden?

Mike zuckt mit den Achseln. Das sei schon kompliziert, gibt er zu. Die Kinder blieben in Deutschland, man müsse ein komplett neues soziales Umfeld aufbauen und die Sprache sei schwierig. Hier alt zu werden, sei deutlich komplexer, als nur für ein paar Jahre zu bleiben.

„Aber“, sagt der Handwerker mit euphorischer Stimme, „jetzt will ich hier erst einmal nur Weißwein pflanzen. Mal sehen, ob er Wurzeln schlägt!“

                                                                            ***

Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.


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