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Von Abgaben erdrückt: Was bleibt vom Bruttolohn?

Abgaben und Lohnnebenkosten im Vergleich: Nur die Hälfte des Bruttolohnes gelangt zum Arbeitnehmer. Selbst Spitzenverdienern bleibt immer weniger Spielraum zum Sparen, während inflationsbedingte Preiserhöhungen Arbeitgeber und Beschäftigte vor Herausforderungen stellen. Doch wer profitiert eigentlich vom Sozialstaat? Die Antwort mag überraschen.
12.07.2023 07:40
Aktualisiert: 12.07.2023 07:40
Lesezeit: 4 min
Von Abgaben erdrückt: Was bleibt vom Bruttolohn?
Die Abgaben in Deutschland gehören zu den höchsten unter den Industrieländern, und zwar auch schon bevor die Ampel übernommen hat. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Wer gilt in Deutschland als wohlhabend? Die genaue Antwort auf diese Frage hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Es ist unbestreitbar, dass jemand, der sich mit seinem Gehalt einen gehobenen Lebensstil, luxuriöse Reisen oder hochwertige Produkte leisten kann, finanziell bessergestellt ist. Eine Analyse enthüllt nun, welche finanziellen Ressourcen erforderlich sind, um zu den Besserverdienern des Landes zu gehören.

Eine der bedeutendsten und umfangreichsten Studien weltweit erhebt das Sozio-ökonomische Panel (SOEP). Das Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat diese Daten genutzt, um herauszufinden, welche Personen in Deutschland zu den Spitzenverdienern zählen. Die neusten Einkommensdaten wurden im Bericht von Dezember 2021 veröffentlicht. Laut diesen Daten galt eine Einzelperson als Teil der oberen 10 Prozent der Einkommensverteilung, wenn ihr monatliches Nettoeinkommen über 3.700 Euro bzw. jährlich 44.400 Euro (6.110 Euro bzw. 73.320 Euro brutto) lag. Das sind 1.455 Euro mehr als das durchschnittliche Gehalt eines Arbeitnehmers, der in Deutschland im Jahr 2022 monatlich auf 2.245 Euro bzw. jährlich 26.940 Euro (brutto 3.818 Euro bzw. 45.816 Euro) kommt.

Mit einem Einkommen von etwa 4.560 Euro netto konnte man sich zu den oberen 5 Prozent der Einkommensverteilung zählen. Um zum reichsten Prozent der Gesellschaft zu gehören, musste das Einkommen den Schwellenwert von ungefähr 7.190 Euro überschreiten. Hochgerechnet auf das ganze Jahr entspräche dies einem Nettoeinkommen von knapp 86.000 Euro, nach Steuern, Abgaben und inklusive Transferleistungen. Um diesen Status zu erreichen, musste eine Einzelperson ein Bruttojahreseinkommen von etwa 150.000 Euro vorweisen.

Einkommensgruppen und Abzüge

Je höher das Einkommen, desto höher sind auch die entsprechenden Abgaben. Diese liegen in Deutschland auf hohem Niveau und gehören zu den höchsten unter den Industrieländern. Tatsächlich bestätigt eine Analyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass alleinstehende deutsche Arbeitnehmer ohne Kinder unabhängig vom Spitzensteuersatz die zweithöchste Steuer- und Abgabenlast im Vergleich zu 36 Ländern tragen. Nur in Belgien bleibt den Arbeitnehmern ein noch geringerer Anteil ihres Bruttoeinkommens übrig.

Werfen wir einen Blick auf drei Einkommensgruppen, ihre Abzüge auf der monatlichen Gehaltsabrechnung und das vom Arbeitgeber zu zahlende Bruttogehalt. Für unsere Berechnungen betrachten wir jeweils einen kinderlosen Arbeitnehmer in Berlin, der sich in Steuerklasse 1 befindet, gesetzlich krankenversichert ist und keine Kirchensteuer zahlt.

„Geringverdiener“ mit einem Jahresgehalt von 28.200 Euro (monatlich 2.350 Euro brutto):

Der Arbeitnehmer hat ein jährliches Nettoeinkommen von 19.945,08 Euro. Er zahlt Sozialabgaben und Steuern in Höhe von 29,27 Prozent. Der Arbeitgeber zahlt jährlich 33.952,80 Euro für seinen Mitarbeiter. Beim Arbeitnehmer kommen vom ursprünglichen Bruttogehalt tatsächlich 58,74 Prozent an.

„Durchschnittsverdiener“ mit einem Jahresgehalt von 45.816 Euro (monatlich 3.818 Euro brutto):

Der Arbeitnehmer hat ein jährliches Nettoeinkommen von 29.770,92 Euro. Er zahlt Sozialabgaben und Steuern in Höhe von 35,02 Prozent. Der Arbeitgeber zahlt jährlich 55.162,32 Euro für seinen Mitarbeiter. Beim Arbeitnehmer kommen vom ursprünglichen Bruttogehalt tatsächlich 53,96 Prozent an.

„Spitzenverdiener“ mit einem Jahresgehalt von 73.320 Euro (monatlich 6.110 Euro brutto):

Der Arbeitnehmer hat ein jährliches Nettoeinkommen von 44.411 Euro. Er zahlt Sozialabgaben und Steuern in Höhe von 39,43 Prozent. Der Arbeitgeber zahlt jährlich 86.957 Euro für seinen Mitarbeiter. Beim Arbeitnehmer kommen vom ursprünglichen Bruttogehalt tatsächlich 51,07 Prozent an.

Belastung durch Lohnnebenkosten

In Deutschland tragen Arbeitgeber etwa das 1,5-fache des Bruttogehalts, um die Gesamtkosten eines Mitarbeiters zu decken. Neben den Gehältern fallen Lohnnebenkosten an, wie Beiträge zur Arbeitslosenversicherung (2,4 Prozent), Rentenversicherung (18,6 Prozent), gesetzliche Krankenversicherung (14,6 Prozent) und Pflegeversicherung (3,4 Prozent). Die Beiträge werden jeweils hälftig von Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen. Zusätzlich dazu können weitere Kosten wie Beiträge zur Unfallversicherung oder zur betrieblichen Altersvorsorge kommen.

Durch die hohe Belastung mit Lohnnebenkosten steigen die Kosten für Arbeitskräfte. Dies kann dazu führen, dass Unternehmer keine neuen Mitarbeiter einstellen. Oder sie entscheiden sich dafür, niedrigere Löhne zu zahlen und Gehaltserhöhungen zu umgehen.

Auf der anderen Seite fordern Arbeitnehmer in Zeiten inflationsbedingter Preissteigerungen zu Recht höhere Gehälter, da vom ursprünglichen Bruttolohn durchschnittlich nur noch die Hälfte übrigbleibt. Dieser Effekt besteht trotz scheinbar niedrigerer Abgabensätze.

Insgesamt stellen die Lohnnebenkosten eine finanzielle Belastung dar. Dabei sind niedrige Gehaltsgruppen von den Sozialabgaben sogar noch stärker betroffen, weil alle Einkommen immer mit dem gleichen Steuersatz belastet werden. So zahlen Personen mit geringem Einkommen prozentual einen höheren absoluten Betrag an Sozialabgaben. Auf der anderen Seite zahlen Gutverdiener deutlich mehr Lohnsteuer, da sich der Einkommenssteuersatz mit steigendem Gehalt erhöht.

In Deutschland liegt der Eingangssteuersatz bei 14%, der Spitzensteuersatz bei 42% und der Höchststeuersatz bei 45%. Der Spitzensteuersatz von 42% wird ab einem Einkommen von 62.810 € erhoben. Davon sind alle alleinstehende Arbeitnehmer ab einem monatlichen Einkommen von 5.234 Euro brutto betroffen. Die sogenannte Reichensteuer von 45% gilt für Topverdiener mit einem zu versteuernden Einkommen von 277.826 Euro (monatlich 23.152 Euro brutto).

Gewinner und Verlierer

Monatliches Sparen gestaltet sich selbst für Spitzenverdiener als Herausforderung. Die derzeit hohen Konsumausgaben und Lebenshaltungskosten von 2.623 Euro pro Haushalt lassen nur wenig finanzielle Spielräume. Diese Situation betrifft alle Einkommensgruppen. Obwohl es in Deutschland einige Gutverdiener gibt, bleibt ihnen im Verhältnis immer weniger von ihrem Gehalt übrig. Selbst bei einem jährlichen Nettoeinkommen von 44.411 Euro hat ein Arbeitnehmer nur noch ein Sparpotenzial von jährlich 12.935 Euro. Angesichts der oft anspruchsvollen und zeitintensiven Berufe, die diese Fachkräfte bewältigen, ist dies ein vergleichsweise geringer Betrag.

In Zeiten von inflationsbedingten Preiserhöhungen scheinen die Empfänger von Bürgergeld die Gewinner zu sein. Neben einer monatlichen Grundsicherung von 502 Euro übernimmt der Staat auch die Kosten für Wohnraum, Energieversorgung sowie Kranken- und Pflegeversicherung. Zusätzliche Zuschüsse sind auf Anfrage möglich und kostenlose Rechtsberatung und Rechtsunterstützung stehen ebenfalls zur Verfügung. Die finanzielle Situation von Leistungsempfängern ähnelt oft der von Vollzeitbeschäftigten mit niedrigem- oder mittlerem Einkommen, je nachdem, wie viele Kinder sich in der Familie befinden.

Ein Sozialstaat soll eine gerechte Ressourcenverteilung sicherstellen und Chancengleichheit fördern. Doch ist diese gerechte Verteilung noch gewährleistet, wenn diejenigen, die mehr leisten, einen erheblichen Teil für diejenigen aufbringen müssen, die keinen eigenen Beitrag leisten können? Aus sozialer Sicht mag das nachvollziehbar sein. Jedoch könnte die arbeitende Bevölkerung zunehmend unzufrieden werden, was zur Frage führt, wie sozial ein Staat sein muss. Insbesondere auch vor dem Hintergrund der immer weiter steigenden Zuwanderungszahlen.

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