Finanzen

Online-Banken doppelt in der Krise

Als wäre der immer härter werdende Konkurrenzkampf und die Zinswende nicht Herausforderung genug: Viele Neobanken versinken in Skandalen um zweifelhafte Bilanzen, gestohlene Gelder und Kundendaten. Ein Statusbericht.
17.07.2023 09:21
Aktualisiert: 17.07.2023 09:21
Lesezeit: 4 min

Revolut, eine der größten Neobanken der Welt, muss sich mit einem neuen Finanzskandal befassen. Ein Fehler im Zahlungssystem soll es Kriminellen in den USA ermöglicht haben, im vergangenen Jahr über mehrere Monate hinweg mehr als 20 Millionen Dollar zu stehlen, bevor das Unternehmen die Sicherheitslücke schließen konnte. Es handelte sich wohl nur um Firmengelder, Ersparnisse der Kunden seien nicht betroffen gewesen.

Das Problem ergab sich aus den Unterschieden zwischen europäischen und US-amerikanischen Zahlungssystemen, die dazu führten, dass Revolut bei der Ablehnung bestimmter Transaktionen fälschlicherweise Geld erstattete. Die britische Online-Bank konnte nur einen kleinen Teil der insgesamt gestohlenen 23 Millionen Dollar durch eine Nachverfolgung der Betrüger zurückerhalten.

Das Schlupfloch bestand wohl schon seit Ende 2021, bevor dann im Frühjahr 2022 damit begonnen wurde, das Problem zu beheben. Organisierte kriminelle Gruppen nutzten den Fehler in dieser Zeitspanne aus, indem sie über Mittelsmänner teure Einzelkäufe tätigten, die dann abgelehnt wurden. Den nicht berechtigten Erstattungsbetrag ließ man sich dann über Geldautomaten auszahlen. Die Systeme von Revolut konnten den Massenbetrug nicht erkennen. Das Problem kam erst ans Licht, als eine Partnerbank in den USA das Fintech darüber informierte, dass der Betrag auf dem Firmenkonto unerwartet niedrig sei.

Der finanzielle Schaden beläuft sich auf umgerechnet rund 20 Millionen Dollar – mehr als die Hälfte des für das Geschäftsjahr 2021 gemeldeten Nettogewinns. Über den Vorfall wurde zuerst von der Financial Times berichtet, die sich auf „mehrere Person mit Kenntnis des Vorfalls“ beruft. Revolut hat den Sicherheitsfehler noch nicht öffentlich zugegeben. Eine Anfrage der englischen Tageszeitung wurde nicht beantwortet.

Revolut schlittert von Problem zu Problem

Das bei der Generation Smartphone sehr beliebte Banking-Fintech ist ohnehin unter Druck. Die Skandale der Vergangenheit – unter anderem ein Datenleck, durch das Hacker im September 2022 Zugriff auf 50.000 Kundendaten erlangten und ein Cyberangriff mit zahlreichen geknackten Konten im Sommer 2019 – belasten den guten Ruf. Wie bei vielen Neobanken gibt es auch bei Revolut immer wieder Berichte über fragwürdige Support-Prozesse, die Kunden manchmal bei technischen Fehlern, Betrugsfällen oder automatischen Kontoschließungen im Regen stehen lassen.

Revolut ist in Litauen registriert und hat weltweit 27 Millionen Kunden in 36 Ländern, davon 500.000 in Deutschland. Seit etwa einem Jahr besitzt das Fintech eine richtige europäische Banklizenz, wodurch deutsche Kunden nun auch eine deutsche IBAN erhalten und Einlagen bis zu 100.000 Euro versichert sind.

In der Heimat Großbritannien steht die Lizenz noch aus. Neben Bedenken in Bezug auf Finanzkriminalität dürfte das unter anderem mit Bilanzproblemen im Rahmen des Jahresabschluss 2021 zusammenhängen, der monatelang hinausgezögert wurde. Die Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft BDO konnte zwei Drittel der gesamten Einnahmen (636 Millionen Pfund), insbesondere im Geschäfte mit Devisenumtausch und Kryptowährungen, nicht eindeutig zurückverfolgen. Die Verluste im Zusammenhang mit den Diebstählen wurde im verspäteten Abschlussbericht übrigens nicht gesondert ausgewiesen.

Die Wirtschaftsprüfer unterzeichneten den Abschlussbericht trotzdem, nachdem die internen Buchhaltungssysteme von Revolut überarbeitet und von den Aufsichtsbehörden genau geprüft wurden – und ruderten danach teilweise zurück.

Im Jahresbericht wird BDO mit der Aussage zitiert, dass der Abschluss ein „wahrheitsgetreues und angemessenes Bild der Lage der Gruppe“ vermittelt, obwohl man zugleich davor warnt, dass die Einnahmen von Revolut „wesentlich falsch dargestellt“ sein könnten. Dass sie mit ihren Verfahren nicht in der Lage waren, 477 Millionen Pfund an Erträgen aus Abonnements, Karten-Dienstleistungen, Devisenhandel und Vermögensverwaltung mit „ausreichender, angemessener Sicherheit“ zu beweisen, stellen die Prüfer als bedenklich dar. „Es besteht kein Zweifel an der Vollständigkeit der Bilanz, was wiederum logischerweise bedeutet, dass auch die Gesamteinnahmen korrekt sind“, kommentierte Revoluts Finanzvorstand Mikko Salovaara.

2021 wies Revolut zum ersten Mal in der Firmengeschichte einen Profit aus. Die Umsätze haben sich grob verdreifacht. Interessanterweise ist es also prinzipiell genau das Umsatzwachstum, welches die Wirtschaftsprüfer nicht zweifelsfrei verifizieren konnten. Eine Umsatz-Verdreifachung per se – gerade im Börsenhype-Jahr 2021 – ist jedoch in dieser Branche nichts ungewöhnliches.

2020 waren noch hohe Verluste in Höhe von 223 Millionen Pfund angefallen. Das war die Zeit, bevor das Online-Banking und damit verbunden auch Broker-Dienstleistungen im Aktien- und Krypto-Bereich einen neuen Boom erlebten. Monatlich mehr als 300 Millionen Transaktionen über alle Produktbereiche hinweg sprechen dafür, dass die ertragreichen Produkte und Leistungen, tatsächlich intensiv genutzt werden.

Die Einnahmen stiegen im vergangenen Jahr erneut um 33 % auf mehr als 850 Millionen Pfund. Dem Finanzchef Salovaar zufolge lag das vor allem an mehr Abonnements, einem Anstieg der gebührenpflichtigen Geschäftskonten und mehr Umtausch von Fremdwährungen, während das wichtige Geschäft mit Kryptowährungen zurückging.

Der Konkurrent N26 wies für 2021 hingegen einen Verlust von 172 Millionen Euro aus. Nicht zuletzt nach dem Wirecard-Debakel rund um Luftbuchungen und nicht vorhandene Vermögenswerte ist bei guten Zahlen in Kombination mit buchhalterischen Problemen eine gesunde Skepsis angebracht. Wirecard war in derselben Branche tätig und verfügte sogar über eine deutsche Banklizenz.

N26 im Visier der Bafin

Bei der Online-Bank N26, mittlerweile mit 8 Millionen Kunden hinter ING die bedeutendste seiner Art in Deutschland, sind Skandale auch keine Seltenheit. Wie bei Revolut kam es 2019 zu Diebstählen von Kundengeldern. Zudem ist N26 wegen angeblich unzureichender Geldwäsche-Prävention ins Visier der deutschen Finanzaufsicht geraten.

Zeitweise sollen tausende betrügerische Konten (zum Beispiel für Fake-Onlineshops) bei N26 aktiv gewesen seien, wie das Handelsblatt berichtete. Die Bafin war der Ansicht, dass ein zu schnelles Wachstum entscheidend zu den Problemen beigetragen hatte und entsandte im November 2021 einen Sonderbeauftragten, der anordnete, dass N26 pro Monat maximal 50.000 Neukunden aufnehmen darf – nicht nur in Deutschland sondern weltweit.

Das Unternehmen reagierte überstürzt und ließ zahlreiche Konten fristlos sperren. Später gab Co-Chef Maximilian Tayenthal zu, dass bei der Aufräumaktion einige Konten fälschlicherweise geschlossen worden waren. Dem Wirtschaftsjournalisten Norbert Häring zufolge fragt die Online-Bank mittlerweile sogar einige Kunden unter Berufung auf das Geldwäsche-Gesetz nach ihrem Gesamtvermögen. Wer eine Auskunft verweigert, dem werde einfach das Konto gesperrt.

Überhaupt scheint aktuell so etwas wie die Zeit der kleineren Banken-Skandale zu sein – nachdem es bezüglich der größeren Verwerfungen rund um SVB, Silvergate und Credit Suisse wieder merklich ruhiger geworden ist. Auch die klassischen Banken haben regelmäßig technische Probleme, wie der jüngste Datendiebstahl bei „Kontowechsel24“ zeigt. Davon betroffen sind unter anderem Deutsche Bank, Postbank, ING und Comdirect.

Lesen Sie in Kürze, warum die Neobanken in einer großen wirtschaftlichen Krise stecken und wer die wenigen Gewinner in der Branche sind.

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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