Technologie

KI-Revolution: Mehr Wohlstand für Alle oder Verteilungskonflikte?

Künstliche Intelligenz ermöglicht der deutschen Wirtschaft lang ersehnte Produktivitäts-Zuwächse. Es drohen jedoch Kollateralschäden. Bringt KI mehr Wohlstand für Alle oder gigantische Verteilungskonflikte?
05.08.2023 09:09
Aktualisiert: 05.08.2023 09:09
Lesezeit: 5 min
KI-Revolution: Mehr Wohlstand für Alle oder Verteilungskonflikte?
KI wird viele heutige Arbeitsplätze überflüssig machen. (Foto: Pixabay)

KI hat das Potential, einen Wirtschaftsboom anzufachen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Allein „generative“ KI wie ChatGPT und Midjourney (Systeme, die auf Nutzeranfragen Texte, Bilder, Audio oder Videos generieren) soll Kosteneinsparungen und Produktivitäts-Steigerungen ermöglichen, sodass global gemessen eine zusätzliche Wertschöpfung in Höhe von 2,6 bis 4,1 Billionen Dollar pro Jahr entsteht. Aktuell würde das einem massiven Mehrwachstum von 2 bis 3 Prozent für die Weltwirtschaft gleichkommen, was fast genauso hoch ist wie das durchschnittliche Wachstum von 3,47 Prozent in den letzten 60 Jahren.

Schätzungen von McKinsey ergeben, dass grob die Hälfte der heutigen Arbeitstätigkeiten zwischen 2030 und 2060 automatisiert werden könnte. Die Investmentbank Goldman Sachs schlägt in die gleiche Kerbe. Deren Chefvolkswirt Jan Hatzius meinte jüngst: „Es gibt viel Unsicherheit, aber es ist davon auszugehen, dass 25 Prozent der aktuellen Arbeitsleistungen in 10 bis 15 Jahren von KI ersetzt werden.“ Dieser Prozess werden die Arbeitsproduktivität deutlich erhöhen. Der Ökonom vergleicht Künstliche Intelligenz mit den Umwälzungen, die die Erfindung der Elektrizität oder auch das Internet mit sich brachten.

Produktivitäts-Explosion durch KI

Das KI-Thema ist nicht erst in einer vagen Zukunft relevant. Es ist auch kein mittelfristiger Trend mehr. Die Umwälzungen finden gerade in diesem Moment statt. Ein KI-Hype hat die Welt erfasst und Unternehmen wollen so schnell wie möglich intelligente Systeme in ihre Prozesse integrieren. Jedes zweite Startup in Deutschland nutzt bereits generative KI-Programme wie ChatGPT.

Produktivitäts-Zuwächse durch Künstliche Intelligenz sind in erster Linie auf zwei Faktoren zurückzuführen. Einerseits werden banale Tätigkeiten automatisiert, weshalb entsprechende Mitarbeiter teilweise überflüssig werden. Das erhöht direkt den Output pro Arbeitskraft. Aber bei weitem nicht jeder Mitarbeiter wird vollständig durch eine KI ersetzt werden. Für die übrig bleibenden Angestellten wird wertvolle Arbeitszeit freigeschaufelt, die sie produktiveren Tätigkeiten widmen können, bei denen sie durch den komplementären Einsatz von KI wiederum produktiver werden.

Unsere Wirtschaft könnte eine KI-Revolution eigentlich gut gebrauchen. Deutschland befindet sich bereits jetzt in einer milden Rezession. Das hat viele Gründe, die brandaktuell sind, vor allem die Energiekosten und ein Einbruch der Investitionen. Wie man am folgenden Chart erkennen kann, ist die Lage in der energieintensiven Industrieproduktion absolut prekär.

Ein Faktor jedoch ist fundamentaler Natur und lähmt das Wachstum seit Jahrzehnten. Eine stagnierende Produktivität. Man würde erwarten, dass der Output je Arbeitsstunde durch den technischen Fortschritt relativ stetig wächst. Das ist etwa in den USA noch der Fall, wobei der Trend hier rückläufig ist. In Deutschland hingegen ist sie in den letzten 15 Jahren sogar gesunken. 2008 war die Produktivität höher als heute.

Warum steigt die Produktivität kaum noch? Das hat viele Gründe. Deutschland ist mit einem Medianalter von 47 Jahren eine überalterte Gesellschaft, die durchschnittliche Intelligenz sinkt, es besteht ein Fachkräftemangel und das Bildungssystem verliert international an Boden. Hinzu kommt eine mangelhafte Digitalisierung und der große Einfluss des Staatsapparats mit all seinen Regulierungen und bürokratischen Vorschriften, welche die Wirtschaft lähmen.

All dies führt zu weniger Innovation, weniger Dynamik in der Wirtschaft und letztlich weniger Produktivität. Viele dieser Problem kann Künstliche Intelligenz aber nicht lösen. KI kann zwar Prozesse in der öffentlichen Verwaltung und die Digitalisierung beschleunigen, aber nicht den Staat zurückdrängen oder die demografischen Probleme lösen. Auch wird KI keine der zahlreichen offenen Stellen für Handwerker und Elektriker besetzen können.

Ein entscheidender Faktor ist zudem der alternde Kapitalstock und die modernisierungsbedürftige Infrastruktur. Deutschland lebt seit 20 Jahren de facto von der Substanz. Eine Investitions-Offensive wäre nötig und KI kann hier höchstens bei der Analyse unterstützen.

KI kann die Produktivität erhöhen, aber Deutschland sollte keine nachhaltigen Wunder erwarten, solange man die fundamentalen Probleme nicht angeht. Und man muss sich auch die Verteilungsfrage stellen, also ob die KI-basierten Produktivitätszuwächse überhaupt zu höheren realen Löhnen führen werden – ein Zustand höheren Wohlstands, der früher ganz normal war, aber den deutschen Bürgern seit vielen Jahren kaum noch vergönnt ist.

Mehr Wohlstand für Alle oder Verteilungskonflikte?

Wenn man sich die heutige Wirtschaftslandschaft mit den mächtigen Big-Tech-Konzernen, oligopolistischen Tendenzen in vielen Branchen und der lähmenden Staatswirtschaft anschaut, ist es nicht gesichert, dass der KI-Fortschritt auch der breiten Masse proportional zu Gute kommt. In Ermangelung stabilen Geldes besteht darüber hinaus immer das Risiko, dass der Mehrlohn von der Inflation aufgefressen wird. Der breitgefächerte Einsatz von KI sollte eigentlich zu sinkenden Preisen führen, aber Staat und Zentralbanken verhindern schon seit mehr als 100 Jahren, dass sich der tendenziell deflationäre Effekt des technischen Fortschritts entfaltet.

Den Mensch von „manuellen Routinearbeiten zu befreien“, wie es in der McKinsey-Studie genannt wird, ist schon immer eine Folge des technischen Fortschritts gewesen. Seit der industriellen Revolution hat es stets mahnende Stimmen vor solchen Entwicklungen gegeben. Früher ging es um das Wegfallen von aus heutiger Sicht katastrophalen Fabrikjobs oder um überflüssig werdende Kutscher. Die Geschichte hat gezeigt: Diese Arbeitsplätze wurden durch wesentlich bessere ersetzt.

Heute gelten Mitarbeiter im Kundenservice und der Verwaltung, Kassierer, Buchhalter oder Copywriter als gefährdet. Sind dies also nun „banale“ Jobs der Vergangenheit, die ersetzt werden müssen, um Platz für etwas besseres zu schaffen? Dass diese Jobs über kurz oder lang ersetzt werden, ist nahezu sicher, wobei der Verbraucher hier auch einen gewissen Einfluss hat, wo die KI toleriert wird und wo nicht.

Manchen der obigen Arbeitsplätze dürften die betroffenen Menschen kaum hinterher trauern. Wenn hingegen die Automatisierung durch KI bald so weit ist, dass relativ anspruchsvolle Tätigkeiten ersetzt werden können, dann nützt es womöglich wenig, dass die Arbeitnehmer in der Theorie mehr Zeit für produktivere Aufgaben haben. Denn dann brauchen viele Firmen diese Mitarbeiter womöglich einfach gar nicht mehr oder nur für sehr viel niedrigere Löhne. Alternativ kann man selbst Unternehmer werden, aber das ist vielen Menschen zu risikoreich und es braucht in einer Wirtschaft auch deutlich mehr Angestellte als Firmenchefs.

Firmen beschäftigen aus Kostengründen immer nur gerade so viele Mitarbeiter wie nötig – es ist zu erwarten, dass die Implementierung von KI-Systemen zu einer Rationalisierungswelle führt. Natürlich entstehen auch neue hochqualifizierte Jobs im Bereich Informatik oder Maschinen-Wartung, laut Studien jedoch deutlich weniger als wegfallen. Man kann auch nicht erwarten, dass ältere Leute von heute auf morgen zum Programmierer (die teilweise auch schon als gefährdet gelten) umschulen können und bei weitem nicht jeder ist ein geborener Techniker oder handwerklich begabt.

Der Arbeitsmarkt ist zudem kein typischer Markt wie jeder andere. Er ist intransparent, teils immobil und von Klüngelwirtschaft geprägt. Ältere Arbeitnehmer sind nur begrenzt flexibel, was berufliche Umorientierung angeht. Der Arbeitsmarkt befindet sich nie wirklich in einem Zustand, den man als Gleichgewicht bezeichnen könnte. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz die Arbeitslosigkeit erhöhen wird. Von einem ohnehin schon aufgeblähten Sozialstaat Abhilfe zu erwarten, wäre ziemlich naiv. Genauso naiv ist es, an die heilsbringende Wirkung eines bedingungslosen Grundeinkommens (mit all seinen inhärenten Anreizproblemen und steuerlichen Implikationen) zu glauben.

Nun könnte man argumentieren, dass sich die Menschen in nicht allzu ferner Zukunft ohnehin die meiste Zeit auf ihre wahre Bestimmung fokussieren könnten und ihre jeweilige Expertise dann - im übertragenen Sinne - untereinander tauschen könnten. Aber wie soll sich in einer digitalen KI-dominierten Zukunft ein Großteil der Menschen gegenseitig Coachings verkaufen? Der Markt ist schon jetzt gesättigt. Ähnliches gilt für Kunst und Unterhaltung. In diesen Bereichen gibt es seit jeher einige wenige Gewinner und ganz viele Verlierer, die nahezu nichts mit ihrer Passion verdienen.

Fazit: KI könnte die Produktivitäts-Krise beenden und einen kleinen Wirtschaftsboom anfachen. Nachhaltig ist dieser Aufschwung für Deutschland aber nur dann, wenn die fundamentalen Standort-Probleme gelöst werden und wenn die Nachfrage durch niedrigere Löhne und eine hohe Arbeitslosigkeit nicht kolossal einbricht. Mehr „Wohlstand für Alle“ ist ein hehres Ziel, das KI vermutlich nicht erreichen kann. Die intelligente Gesellschaft der Zukunft steht vor einem massiven Verteilungsproblem.

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Jakob Schmidt

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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