Technologie

Produktivitäts-Krise: Deutschland braucht den KI-Boom

Die Produktivität stagniert, zuletzt ist sie in Deutschland sogar gesunken. Künstliche Intelligenz hat laut Studien das Potenzial, dieses Problem zu lösen und einen großen Wirtschaftsboom einzuleiten. Welche Branchen werden am meisten profitieren und was sind die Folgen für Arbeitnehmer?
03.08.2023 12:34
Aktualisiert: 03.08.2023 12:34
Lesezeit: 5 min
Produktivitäts-Krise: Deutschland braucht den KI-Boom
Der Einsatz von KI könnte einen globalen Wirtschaftsboom anfachen. (Foto: Pixabay)

Künstliche Intelligenz könnte die Arbeits-Produktivität deutlich erhöhen und somit die Wirtschaftsleistung in vielen Branchen steigern. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung McKinsey, in welcher das wirtschaftliche Potential von „generativen“ KIs beleuchtet wird. Mit generativer Künstlicher Intelligenz sind etwa der omnipräsente Textbot „ChatGPT“ und Googles „Bard“-KI oder Bildgeneratoren wie „Midjourney“ und „Stable“ gemeint. Also KI-Programme, die auf Nutzeranfragen Inhalte wie Texte, Bilder und Audio generieren.

Doppelt so viel Wirtschaftswachstum dank KI möglich

Die Studie klammert also sogar teilweise den Effekt von KI-Entwicklungen in anderen Bereichen, wie etwa der Automatisierung von industriellen Produktionsprozessen und der Robotik, aus. Alleine in generativer KI steckt laut den Studienautoren ein Wertschöpfungs-Potential in Höhe von mehreren Billionen. Global gesehen soll durch generative KI pro Jahr zwischen 2,6 bis 4,1 Billionen Dollar mehr an Wirtschaftsleistung möglich werden.

Zum Vergleich: Das entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Großbritannien. Aktuell würde das einem massiven Mehrwachstum von 2 bis 3 Prozent für die Weltwirtschaft gleichkommen, was fast genauso hoch ist wie das durchschnittliche Wachstum von 3,47 Prozent in den letzten 60 Jahren.

Und würde man das Potential von „eingebetteten generativen“ KI-Systemen berücksichtigen, könne sich der Effekt mehr als verdoppeln, weil KI dann direkt in Software und Hardware eingebaut wäre. „Embedded Generative AI“ ist generative KI, die Aufgaben ausführen kann, ohne externe Datenquellen (wie cloudbasierte Dienste) zu benötigen. Das Anwendungs-System ist zum Beispiel eine Maschine oder eine Smartphone-App. Das KI-Modell generiert dann selbstständig - oftmals in Echtzeit - neue Inhalte und Daten und ist nicht statisch, sondern wird durch das System selbst weiter trainiert und damit weiterentwickelt. Insgesamt würde so noch mehr menschliche Arbeitszeit für andere Tätigkeiten übrig bleiben.

Auf den ersten Blick wirken die Ergebnisse sehr beeindruckend. Und sie sind nicht erst in einer vagen Zukunft relevant, sondern im Hier und Jetzt. Ein kleiner KI-Hype hat die Welt erfasst und Unternehmen wollen so schnell wie möglich KI-Systeme in ihre Prozesse integrieren. Jedes zweite Startup in Deutschland nutzt bereits generative KI-Programme wie ChatGPT. Gerade Deutschland mit seiner rezessiven Wirtschaft inklusive stagnierender, zuletzt sogar rückläufiger Produktivität könnte einen KI-induzierten Wirtschaftsaufschwung gut gebrauchen.

Grund genug, sich tiefer mit der Studie und deren Argumentation auseinanderzusetzen. Was ist der Grund für den enormen Wirtschaftsschub durch automatisierte Inhalte wie Texte, Bilder und Videos? Die Antwort ist wenig überraschend: Kosteneinsparungen und Produktivitäts-Steigerungen.

Interessanter wird es im Detail. Drei Viertel des ökonomischen Mehrwertes entsteht laut McKinsey in vier Unternehmens-Bereichen: Kundenbetrieb, Marketing und Vertrieb, Softwareentwicklung sowie Forschung und Entwicklung. Dort bietet sich der Einsatz von generativer KI etwa zur Vereinfachung der Kundeninteraktion, dem Erstellen kreativer Inhalte im Marketing oder der Entwicklung von Programmiercode auf Basis eines einfachen Textbefehls an.

Was Sektoren angeht, so kristallisieren sich für die Autoren hier einige klare „Gewinner“ heraus, deren Umsatzentwicklung besonders positiv durch generative KI beeinflusst werden dürfte. Dazu zählen das Bankwesen, der Einzelhandel und die Techindustrie. Das Wort Gewinner wurde bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn es bleibt natürlich die Frage, was dann mit den Beschäftigten in diesen Sektoren passieren wird.

Von ChatGPT profitierende Sektoren nach Ansicht von ChatGPT

ChatGPT ist ja derzeit in aller Munde. Deshalb haben die DWN einfach den Textbot selbst (Version 3.5) befragt, welche Branchen in Deutschland explizit von der Implementierung von ChatGPT in Bezug auf eine höhere Arbeitsproduktivität profitieren dürften. Im Folgenden die Antwort, welche wir ungekürzt wiedergeben:

„Die Implementierung von ChatGPT, einem KI-Modell für Konversationen, kann Produktivitätssteigerungen und Effizienzgewinne in Sektoren bringen, die stark auf Kundensupport, Informationsbeschaffung und sich wiederholende Kommunikationsaufgaben angewiesen sind. Einige der Branchen in Deutschland, die am meisten von der Implementierung von ChatGPT zur Steigerung der Arbeitsproduktivität profitieren könnten, sind:

- Kundenbetreuung und Service: ChatGPT kann routinemäßige Kundenanfragen bearbeiten, sofortige Antworten liefern und Kunden durch gängige Verfahren zur Fehlerbehebung führen, wodurch die Arbeitsbelastung der menschlichen Supportmitarbeiter verringert und die Reaktionszeiten verbessert werden.

- E-Commerce und Einzelhandel: Die Implementierung von ChatGPT als virtueller Einkaufsassistent kann das Einkaufserlebnis der Kunden verbessern, personalisierte Produktempfehlungen geben und Fragen zu Produkten beantworten und so die Kundenzufriedenheit und den Umsatz steigern.

- Bankwesen und Finanzen: ChatGPT kann bei grundlegenden Kontoanfragen, Finanzberatungen und allgemeinen Bankvorgängen helfen und ermöglicht es Banken, ein größeres Volumen an Kundeninteraktionen effizient zu bearbeiten.

- Personalwesen: ChatGPT kann die Personalabteilung durch die Beantwortung häufig gestellter Fragen, die Unterstützung bei Einführungsprozessen und die Bereitstellung von Informationen über Unternehmensrichtlinien und -leistungen rationalisieren.

- Informations- und Wissensabfrage: ChatGPT kann in Websites und Datenbanken integriert werden, um Benutzern bei der Suche nach relevanten Informationen zu helfen, häufig gestellte Fragen zu beantworten und Erklärungen zu komplexen Themen zu liefern.

- Gesundheitswesen und Telemedizin: In unkritischen Situationen kann ChatGPT Patienten mit medizinischen Vorabinformationen, Terminvereinbarungen und allgemeinen gesundheitsbezogenen Fragen helfen und so die Zeit des medizinischen Personals für kritischere Fälle freimachen.

- Reisen und Tourismus: ChatGPT kann als virtueller Reiseassistent dienen, der Reiseempfehlungen gibt, bei der Reiseplanung hilft und Fragen zu Reisezielen beantwortet.

- Bildung und E-Learning: ChatGPT kann bei personalisierten Lernerfahrungen helfen, Fragen von Schülern beantworten und zusätzliches Lehrmaterial zur Verfügung stellen, um so Lehrkräfte zu unterstützen und selbstbestimmtes Lernen zu ermöglichen.

- Behörden und öffentliche Dienste: Die Implementierung von ChatGPT auf Behörden-Websites kann Bürgern bei grundlegenden Anfragen, beim Ausfüllen von Formularen und beim Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen helfen und so die Zugänglichkeit und Effizienz verbessern.

- IT und technische Unterstützung: ChatGPT kann technische Unterstützung bieten, häufige Softwareprobleme beheben und bei der Einrichtung und Konfiguration helfen, wodurch die Belastung der IT-Hilfsabteilung verringert wird.

Für all diese Bereiche erfordert die erfolgreiche Implementierung von ChatGPT eine kontinuierliche Verbesserung, effektive Trainingsdaten und eine Überwachung, um genaue und zuverlässige Antworten zu gewährleisten. Darüber hinaus ist es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen Automatisierung und menschlicher Unterstützung zu finden, um eine nahtlose Kundenerfahrung zu gewährleisten und die menschliche Note zu erhalten, sofern dies notwendig ist.“

Produktivitätsschub durch Automatisierungswelle

Die Studie von McKinsey stellt den KI-Effekt vordergründig positiv dar. Durch generative KI könnten Arbeitstätigkeiten automatisiert werden, die „heute 60 bis 70 Prozent der Zeit der Beschäftigten in Anspruch nehmen.“ Die Arbeitnehmer könnten demnach deutlich mehr Zeit produktiveren Tätigkeiten widmen, kreativere Aufgaben übernehmen und sich nützliches neues Wissen aneignen.

ChatGPT, Midjourney und vergleichbare Systeme könnten laut McKinsey zu einer erheblich höheren Arbeitsproduktivität in der gesamten Wirtschaft beitragen. Automatisierungs-Effekte durch generative KI kombiniert mit anderen modernen Technologien könnten das jährliche Produktivitäts-Wachstum um 0,2 bis 3,3 Prozent steigern. Dazu müssten die Firmen und der Staat allerdings ausreichend Investitionen tätigen, um die Arbeitnehmer bei der Verlagerung von Arbeitstätigkeiten, dem Erlernen neuer Fähigkeiten oder einem nötigen Jobwechsel zu unterstützen.

Anpassungsprozesse seien dabei unvermeidbar. „Angesichts des zunehmenden Potenzials der technischen Automatisierung wird sich das Tempo des Arbeitskräftewandels wahrscheinlich beschleunigen“, heißt es in der Studie. Schätzungen von McKinsey ergeben, dass grob die Hälfte der heutigen Arbeitstätigkeiten zwischen 2030 und 2060 automatisiert werden könnte. Arbeitstätigkeit ist nicht mit Arbeitsplatz gleichzusetzen, denn die Arbeitnehmer werden ja zum Teil nur von repetitiven Tätigkeiten befreit. „Wissensarbeit“, die vor allem in Berufen mit höheren Bildungsanforderungen und besserer Bezahlung verrichtet wird, dürfte wesentlich stärker betroffen sein als etwa körperliche und handwerkliche Arbeit.

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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