Unternehmen

Bedarf an Lehrlingen im Handwerk immer größer

Es ist eine gute Nachricht und eine schlechte zugleich: Die Zahl der Ausbildungsverträge im deutschen Handwerk wächst. Aber gleichzeitig nimmt auch die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen im Handwerk dramatisch zu. Ein Grund dafür: der steigende Bedarf an Handwerkern durch die Energie- und Mobilitätswende.
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24.08.2023 10:13
Aktualisiert: 24.08.2023 10:13
Lesezeit: 3 min
Bedarf an Lehrlingen im Handwerk immer größer
Trotz ausgezeichneter Aufstiegschancen fehlen dem Handwerk die Lehrlinge (Foto: dpa) Foto: Julian Stratenschulte

In seinem Halbjahresbericht schlägt das Statistische Bundesamt Alarm: Auch im vergangenen Jahr haben in Deutschland vergleichsweise wenig junge Menschen eine Lehre begonnen. Zwar stieg die Zahl neuer Verträge in der dualen Berufsausbildung im Jahresvergleich minimal um 0,8 Prozent auf 469.000 Verträge. Insgesamt blieb sie aber „auf einem historisch niedrigen Niveau“, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Vor Ausbruch der Coronakrise hatten noch deutlich mehr junge Männer und Frauen in Deutschland eine Lehre begonnen, so wurden 2019 rund 500.000 Ausbildungsverträge abgeschlossen, 2012 waren es sogar noch 544.000.

Deutlich stärker entwickelt sich hingegen die Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk. In der ersten Hälfte dieses Jahres stieg nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge in diesem Bereich um 4,5 Prozent auf 87.550 Verträge. Was allerdings auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht aussieht, hat auch eine Kehrseite. Denn zur gleichen Zeit ist die Zahl der unbesetzt gebliebenen Ausbildungsstellen noch deutlicher gestiegen: nämlich um 6.8 Prozent auf 35.708 Stellen. Ein Grund dafür ist die Energiewende, deren erfolgreiche Umsetzung einen erheblichen Mehrbedarf an ausgebildeten Handwerkern erfordert.

Handwerk fordert Bildungswende

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Jörg Dittrich, mahnt deshalb von der Politik eine dringende „Bildungswende“ an. Es gehe nicht an, erklärt der Präsident, „dass die Bildungsströme inzwischen so deutlich an den künftigen Erfordernissen auf dem Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft und Gesellschaft vorbeifließen“. Dabei bezieht sich Dittrich auf den steigenden Bedarf an Handwerkern für eine erfolgreiche Umsetzung der Energie- und Mobilitätswende. Deshalb sei die „Fachkräftesicherung im Handwerk längst als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verstehen“.

Diese Forderung wird auch vom Dachverband Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg bekräftigt. Der Dachverband, in dem 60 Mitgliedsverbände organisiert sind, hält eine Reform an den Schulen für dringend geboten. Ihr Sprecher Carsten Brönstrup erklärt gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten, dass es dringend geboten sei, dass die Schulen deutlich umfangreicher und auch frühzeitiger über die Möglichkeiten einer Ausbildung im Handwerk informieren. „Wir brauchen eine deutlich bessere Berufsorientierung an den Schulen“, erklärt Brönstrup. Es sei zwingend erforderlich, eine Verpflichtung zur Berufsorientierung in den Lehrplänen fest zu verankern – „und zwar je früher, desto besser“. Nach seiner Erfahrung wüssten vielfach auch die Lehrer nicht, welche Möglichkeiten und Aufstiegschancen das Handwerk biete. Gerade aktuell seien die Aufstiegschancen im Handwerk „so gut wie nie“.

Unterschätzte Aufstiegschancen

Diese Einschätzung wird auch geteilt vom Deutschen Mittelstands-Bund (DMB). Der in Düsseldorf beheimatete Verband, in dem rund 25.000 Unternehmen des Mittelstands aus 26 Branchen organisiert sind, hält eine stärkere Hinwendung zum Handwerk für dringend geboten. Ihr Leiter für Public Affairs, Matthias Bianchi, erklärte gegenüber den DWN, dass junge Menschen vielfach die Aufstiegschancen in akademischen Berufen überschätzen, während sie die Möglichkeiten im Handwerk deutlich unterschätzen. Auch der DMB fordert, dass auf allen Ebenen – durch Schulen, Kammern und Verbände – die Vorzüge und Chancen des Handwerks noch stärker bekannt gemacht werden. Ein besonderes Augenmerk richtet Bianchi auf die jungen Menschen, die ohne jeden Abschluss die Schule verlassen. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung haben 2021 47.500 Jugendliche die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Dieser Gruppe müsse dringend eine neue Perspektive gegeben werden.

Steigender Bedarf

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks schätzt, dass derzeit insgesamt rund 250.000 Fachkräfte im Handwerk fehlen. Und dabei werde sich der Mangel noch weiter verschärfen: Tausende zusätzliche Fachkräfte seien, so der Verband, in naher Zukunft zusätzlich notwendig, um die für die Energie-, Wärme- Mobilitätswende notwendigen Solaranlagen, Wärmepumpen, elektrische Ladestationen zu installieren und die Gebäudedämmungen und energetischen Sanierungen vorzunehmen.

Dieser Trend wird dabei durch zwei Entwicklungen deutlich verschärft: durch eine ungünstige demografische Entwicklung und eine zunehmende Akademisierung der Gesellschaft. So ist seit dem Jahr 2000 der Anteil der Schulabgänger, die ein Studium beginnen, beständig gestiegen. Gleichzeitig ist aber die Bevölkerung im ausbildungsrelevanten Alter in gleichen Zeitraum um 800.000 Menschen zurückgegangen.

Dieser Trend lässt sich auch an der Entwicklung der abgeschlossenen Ausbildungsverträge im deutschen Handwerk ablesen. Im vergangenen Jahr wurden 129.037 Ausbildungsverträge in den 130 handwerklichen Berufen abgeschlossen. Im Jahr 2000 waren es aber noch 204.565.

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