Unternehmen

Die deutsche Sprache ist nicht unternehmerfreundlich

Lesezeit: 5 min
26.08.2023 09:37  Aktualisiert: 26.08.2023 09:37
Als Unternehmer hat man es in Deutschland nicht einfach. Dies zeigt sich bereits an der Bezeichnung „Unternehmer“. Kolumnist Ronald Barazon zeigt Alternativen.
Die deutsche Sprache ist nicht unternehmerfreundlich
Wie wenig Deutschland seine Unternehmer wertschätzt, zeigt bereits die Etymologie. (Foto: dpa)
Foto: Markus Scholz

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Die mittelständischen Unternehmer sind frustriert. Sie bilden zwar das Rückgrat der europäischen Wirtschaft, doch wird diese Leistung nicht honoriert. Ständig werden die Betriebe mit neuen Belastungen und bürokratischen Ärgernissen gequält, die die Freude am Unternehmer sein schmälern. Man vermag kein Hauptproblem zu orten, ob in der Rechnungslegung oder bei den Steuern, den Finanzierungen, den einschlägigen Gesetzen oder den technischen Auflagen, der Erfindungsreichtum der Quälgeister kennt keine Grenzen.

Worüber man nicht reden kann, darüber wird geschwiegen

Erstaunlich ist, dass die deutsche Sprache selbst nicht mit den Unternehmern umzugehen weiß. Bei vielen Berufen gibt es eine klare Vorstellung, die mit der Bezeichnung verbunden ist. Das gilt für Feuerwehrmann, Krankenschwester, Lehrer, Ärztin und andere, die auch von den Jugendlichen als Berufsziele genannt werden. Unternehmer oder Unternehmerin ist ein Begriff, unter dem sich viele nichts Genaues vorstellen können, bei Umfragen sagen auch kaum Jugendliche „ich möchte Unternehmer werden“. Wie problematisch Sprachlosigkeit ist, hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein 1898 -1951 auf den Punkt gebracht „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Und tatsächlich wird über den Unternehmer und seine Bedeutung geschwiegen.

Der Begriff „Unternehmer“ beruht auf einem Übersetzungsfehler

Das Urwort ist das französische „entreprise“. Entre heißt nicht unter, auch wenn es ähnlich klingt. Entre heißt zwischen. entreprise und entreprendre, prendre heißt tatsächlich nehmen. Ein entrepreneuer ist jemand, der etwas zwischen die Hände nimmt, also zupackt. Statt „Unter-nehmer“ wäre also die Übersetzung „Zu-packer“ oder „in die Hand Nehmer“ korrekter. Im italienischen heißt es auch in-Nehmer, impresa von in-und prendere. Der beste Härtetest für ein Wort ist immer sein Gegenteil, Obernehmer und Obergeber sind auch nicht hilfreich.

Der englische undertaker ist ein Bestatter

Der Exkurs führt nicht nur in die französische Sprache. Der Begriff des Unternehmers findet sich auch im Englischen und da wortgleich. Da bedeutet allerdings undertaker nicht wie im Deutschen Unternehmer, sondern nur Bestatter und im weiteren Sinn Sargtischler. Weder der französische Begriff entrepreneur noch das englische Wort undertaker stützen den deutschen Unternehmer-Begriff.

Managen kommt von manu agere, ein Manager ist also ein Handwerker

Wenn Führungskräfte der Wirtschaft angesprochen werden, dann genießt der „Unternehmer/ die Unternehmerin“ nicht das höchste Prestige. Da trauen viele den Managern besondere Fähigkeiten zu. Dies, obwohl Manager oft Organisationsmodelle aus Lehrbüchern umsetzen, vor allem Einsparungen forcieren und sich bemühen, die Gewinne aus bestehenden Strukturen zu steigern. Da kommt nicht selten die Kreativität zu kurz. Auf die Frage, mit welchen Produkten und Dienstleistungen wird die Firma in einigen Jahren Umsätze und Gewinne generieren, wissen Führungskräfte, die vor allem Management-Techniken anwenden, oft keine Antwort.

Der Begriff des Managers entspricht auch in etwa dem Experten, der die Dinge unter Beachtung von Vorgaben und Gebrauchsanweisungen erledigt. Manu und agere sind zwei lateinische Wörter, die „mit der Hand“ und „handeln“ bedeuten. Wörtlich übersetzt ist also der Manager ein Handwerker. Der Unternehmer hätte demgegenüber die Rolle, kreativ einen Betrieb zu gründen und in der Folge immer wieder mit neuen Ideen zu beleben und konkurrenzfähig zu machen. Dieses schöpferische Element findet sich erstaunlicher Weise in einer in Misskredit geratenen Bezeichnung für Führungskräfte.

Der Begriff „Verwalter“ ist zu Unrecht in Misskredit geraten

Im Begriff „Verwalter“ steckt das Wort „walten“. Im Althochdeutschen war walten dem schöpferisch in allen Bereichen wirkenden Gott zugeordnet. „Waltant Got“ heißt es im Hildebrandslied. Der Unternehmer sollte in seinem Bereich ein Schöpfer, ein Waltender sein.

Das Präfix ver erinnert an das lateinische per, das abschließen, zu Ende führen bedeutet und in Wort perfekt erhalten ist. Ein Unternehmer, eine Unternehmerin ist aufgerufen, den Betrieb zu schaffen und zum Erfolg zu führen, zu per-fektionieren.

Der Sprachgebrauch verbindet mit der Bezeichnung Verwalter eine Führungskraft, die ohne Dynamik und ohne Kreativität ein Unternehmen oder eine Institution in den bestehenden Strukturen unter Beachtung überlieferter Praktiken und Regeln führt. Der Verwalter wäre demnach das Gegenteil eines Unternehmers. Geht man den Feinheiten und ursprünglichen Bedeutungen der Sprache auf den Grund, so wäre es passender, die Unternehmer nicht Unternehmer zu nennen, sondern Verwalter oder nur Walter wie in früheren Jahrhunderten Heerführer und Herrscher genannt wurden.

Unternehmensleiter als Nachfolger der kriegerischen Fürsten

Der Konnex zwischen der Leitung eines Unternehmens und dem Militär ist bereits auf andere Weise zustande gekommen. Im Management hat sich als Bezeichnung für die Nummer 1 in der Firma die Bezeichnung Generaldirektor durchgesetzt und im Alltag wird auch oft diese Person als General oder Generalin bezeichnet. Die Betroffenen agieren nicht selten so als ob sie eine Armee befehligen würden und installieren eine ähnliche Hierarchie mit den verschiedenen, abgestuften Chargen, die Brigadiers, Oberste und Majore heißen dann Direktoren, Abteilungsdirektoren oder Prokuristen. Auch nach außen wird nicht selten militärisch agiert, beliebt sind Firmenübernahmen und Fusionen, die als Eroberungsfeldzüge betrieben werden, um am Ende mehr Umsatz und mehr Gewinn zu erzielen.

Man ist unwillkürlich an Thomas Morus erinnert, der in seinem 1516 erschienenen, kritischen Roman „Utopia“ die Frage stellt, warum Fürsten ständig ihre Nachbarstaaten überfallen, statt sich um die Entwicklung des eigenen Landes zu bemühen. Diese mörderische Praxis führe nur dazu, dass am Ende des Krieges das eigene und das überfallene Land gänzlich ruiniert sind. Nicht viel anders ist der Ablauf bei den in der Gegenwart so beliebten Firmenübernahmen. Studien zeigen, dass jede zweite Fusion ein Misserfolg ist und die fusionierte, größere Unternehmung in eine jahrelange Krise schlittert, die kaum zu bewältigen ist.

Die modernen Fusionen sind meist mit einem größeren Kapitaleinsatz verbunden. Die angreifende Firma versucht, die Eigentümer der angegriffenen Firma auszuzahlen, überfordert dabei die eigene Finanzkraft und hofft, das eingesetzte Geld nach der Fusion aus dem übernommenen Betrieb herausholen zu können. Morus hat vor 500 Jahren gezeigt, dass beide betroffenen Länder mit dem betriebenen Aufwand zu blühenden Regionen mit wohlhabenden, glücklichen Einwohnern entwickelt werden könnten. Man kann getrost „Länder“ durch „Firmen“ ersetzen und bildet die aktuelle Realität der „mergers and acquisitions“ ab. Der kluge Fürst in dem utopischen Land Utopia, das Morus zeichnet, würde schon eher dem schöpferischen, waltenden Unternehmer entsprechen.

Wie die Buchhalter an die Spitze der Theater kamen

Das Militär ist auch auf andere, skurrile Weise in der Unternehmensführung präsent und zwar bei Theatern sowie Rundfunk-und TV-Stationen, wo die Chefs oft als Intendanten bezeichnet werden. Intendant ist ein Begriff aus der französischen Heeresorganisation. Die Intendanten waren für die Verwaltung, die Auszahlung des Solds, die Organisation der Heeresspitäler und die Bekleidung der Truppe zuständig und agierten als Buchhalter. Der Begriff wanderte auch in die Schulen, wo der Intendant neben dem Directeur und dem Censeur die Rolle eines Administrators bekam, der vor allem die Finanzen zu verwalten hat.

Man kann nur vermuten, wieso am Theater der Chef als Intendant bezeichnet wird. Das Schauspiel war lange eine brotlose Kunst, die heute gefeierten Stars mit Millionengagen waren in der Vergangenheit undenkbar. Man musste als Mime stets um den Lohn bangen und hoffen, dass der Theaterdirektor doch irgendwo Geld auftreibt, das dann der Intendant auszahlen kann. So wurde der Theaterleiter primär als Zahlstelle erlebt und mit dem Intendanten identifiziert. Und so ist es bis heute geblieben und jeder Mitarbeiter einer Rundfunk- oder TV-Station oder eines Theaters hat als Chef einen Intendanten.

Eine Lösung der Sprachlosigkeit, die sich im Zusammenhang mit dem Unternehmertum etabliert hat, liegt nicht auf der Hand. Einen Ausweg sollte die Begeisterung vieler junger Menschen für das Abenteuer eröffnen. Wenn es gelingt, den Jungen klar zu machen, dass die traditionellen Abenteuer von der Erschließung unbekannter Regionen bis zur Erkundung neuer Seewege nicht mehr aktuell sind, dass das Abenteuer von heute in der Schaffung eines Betriebes besteht, dass gleichsam vor der Haus- und vor der Schultüre die aufregende Herausforderung wartet. Dann wird der diffuse Begriff Unternehmer zum Synonym für Abenteurer. Verschiedentlich wird versucht, mit dem Begriff „Gründer“ den Weg in die Selbstständigkeit attraktiv zu machen, auch wird, wieder einmal, ein Fremdwort strapaziert und das nicht übersetzbare „Start-up“ verbreitet, das vielleicht sogar einen besseren Klang hat als Undertaker, Entrepreneur oder Manager.

Man könnte es sich auch einfacher machen und das von den Großunternehmen besetzte Wort Industrie für den Mittelstand erobern. Der lateinische Industrius war regsam, aktiv, beharrlich, erfinderisch. Warum sollen die Studien nicht die Siebzehnjähigen künftig fragen: Willst Du ein industrius oder eine industria werden?

 

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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