Unternehmen

Deutsche Unternehmen glauben nicht mehr an Energiewende

Laut einer aktuellen Umfrage der DIHK haben die deutschen Unternehmen den Glauben an die Energiewende verloren und planen verstärkt Produktionsverlagerungen ins Ausland. Denn das Projekt hat ihren Geschäften geschadet.
29.08.2023 10:37
Aktualisiert: 29.08.2023 10:37
Lesezeit: 2 min

Die deutschen Unternehmen verlieren zunehmend ihren Glauben in die Energiewende und planen immer öfter Produktionsverlagerungen ins Ausland. "Nie waren die Sorgen um die eigene Wettbewerbsfähigkeit größer", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Achim Dercks, am Dienstag in Berlin.

Der Verband berief sich auf eine aktuelle Umfrage auf Basis der Antworten von knapp 3600 Betrieben. 52 Prozent der Firmen gaben dabei an, die Energiewende hin zur Klimaneutralität wirke sich bei ihnen negativ oder sogar sehr negativ auf das eigene Geschäft aus. Nur 13 Prozent machen eine positive oder sehr positive Wirkung aus. In der energieintensiven Industrie sehen sich sogar drei Viertel der Betriebe negativ oder sehr negativ betroffen.

Auf einer Skala von minus 100 bis plus 100 Punkten ergibt sich im Energiewende-Barometer der DIHK, das seit 2012 erhoben wird, derzeit ein Wert von minus 27 Zählern. "In den letzten beiden Jahren lag der Wert nur bei minus sieben, der bisherige Tiefstand von minus 13 im Jahr 2014 war die Folge von zusätzlichen Energie-Umlagen und Abgaben", so der Verband.

"Während früher die Unternehmen auch Chancen in der Energiewende gesehen haben, überwiegen nun in der Einschätzung der gesamten Wirtschaft die Risiken", sagte Dercks. Weite Teile der Wirtschaft treibe stark die Sorge um, dass es auch mittel- und langfristig eine mangelhafte Energieversorgung geben könne. "Das ist eine insgesamt besorgniserregende Entwicklung."

In der Industrie gab fast ein Drittel der Betriebe an, die Verlagerung von Kapazitäten ins Ausland oder die Einschränkung der Produktion im Inland zu planen beziehungsweise schon umzusetzen. "Dies ist eine Verdopplung gegenüber dem letzten Jahr", so die DIHK. Gut die Hälfte seien erst Planungen, der andere Teil bereits abgeschlossen oder laufende Maßnahmen. "Eine Stärkung des Standorts ist vor dem Hintergrund dieser Zahlen dringend notwendig." Dercks sprach von einem schleichenden Prozess. Die Industrie ziehe es verstärkt in die USA. Aber auch Frankreich habe wegen staatlicher Strompreishilfen eine Anziehungskraft.

Große Konzerne wandern am ehesten ab

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bekräftigte in der ARD sein Plädoyer für einen Industriestrompreis, eine Subvention zur Dämpfung der Strompreise bis 2030. Seine Pläne richteten sich an rund 2500 energieintensive Firmen. Sie würden sonst nicht sofort abwandern, aber nicht mehr in Deutschland investieren. "Die Grundsatzfrage ist: Wollen wir in Zukunft in Deutschland energieintensive Industrie haben? Und ich sage: Ja." Kanzler Olaf Scholz (SPD) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) sind aber gegen das Konzept, das in etwa fünf Milliarden Euro pro Jahr kosten würde.

Laut DIHK sind die Abwanderungstendenzen bei den größeren Industrieunternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern am stärksten ausgeprägt. Hier planen oder verlagern in dieser Hinsicht bereits 43 Prozent. "Diese Unternehmen sind häufig eng verflochten mit dem Ausland und stehen in einem besonders ausgeprägten Standortwettbewerb."

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar 2022 sind die Energiekosten deutlich gestiegen. Deutschland hat dies wegen seiner lange starken Abhängigkeit von Gas- und Öllieferungen aus Russland besonders zu spüren bekommen. Dercks sagte, fehlende Planbarkeit und Verlässlichkeit in der Energiepolitik seien das größte Hemmnis. Drei Viertel der Unternehmen würden auch deswegen ihre Investitionstätigkeiten zurückfahren.

Entscheidende Ursache für die jetzigen Probleme sei der Krieg in der Ukraine. "Das kann man der Ampel nicht ankreiden." Viele richtige Maßnahmen der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP kämen vor Ort aber noch nicht richtig an. Dercks forderte eine Entlastung der Strompreise für alle Unternehmen und weniger Bürokratie. Zudem müsse Wasserstoff - ein Schlüssel für klimaneutrale Industrieprozesse - schnell verfügbar gemacht werden. (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen US-Regulierungspläne lösen Turbulenzen am Kryptomarkt aus: XRP legt kräftig zu – Investoren suchen neue Anlagestrategien

Frankfurt/London, Februar 2026 – Der Kryptomarkt befindet sich erneut in einer Phase erhöhter Schwankungen. Makroökonomische...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie: Drei Lehren aus den Ergebnissen von Nvidia
27.02.2026

Nvidia wächst in Dimensionen, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar schienen. Das KI-Geschäft boomt, Milliarden fließen an...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Start-up DM Technologies entwickelt KI-Plattform für den Großhandel: Neue Verkaufspotenziale für KMU
27.02.2026

Viele Großhändler haben jede Menge Daten – nutzen sie aber kaum. Das Berliner Start-up DM Technologies schließt diese Lücke mit...

DWN
Politik
Politik Russland im Schatten der Iran-Krise: Gerät Moskaus Macht ins Wanken?
27.02.2026

Die strategische Partnerschaft zwischen Russland und dem Iran steht angesichts wachsender Spannungen mit den USA unter Druck. Welche Folgen...

DWN
Finanzen
Finanzen Netflix-Aktie hebt ab: Netflix gibt Bieterstreit um Warner Bros verloren – was heißt das für Paramount?
27.02.2026

Die Netflix-Aktie reagiert mit einem Kurssprung auf das Aus im milliardenschweren Bieterstreit um Warner Brothers. Während Paramount zum...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft US-Börsen im Realitätscheck: Hohe Bewertungen, sinkende Dynamik
27.02.2026

Die US-Börsen stehen nach Jahren starker Kursgewinne unter Druck, während Kapital zwischen Technologie, Energie und internationalen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflationsrate sinkt unter zwei Prozent: Energie günstiger – jedoch keine Entwarnung in Sicht
27.02.2026

Die Inflationsrate in Deutschland fällt unter die Marke von zwei Prozent – doch Entwarnung ist nicht in Sicht. Während Energie...

DWN
Finanzen
Finanzen Kaffeepreise in Europa steigen immer weiter: Wo es am teuersten ist
27.02.2026

Kaffee gilt als alltägliches Genussmittel, doch der Kaffeepreis entwickelt sich in vielen europäischen Ländern zum Luxusfaktor. Zwischen...

DWN
Panorama
Panorama Warnstreik bei Bussen und Bahnen: So kommen Sportfans ins Stadion – trotz ÖPNV-Streik
27.02.2026

Der Warnstreik im Nahverkehr trifft nicht nur Pendler, sondern auch tausende Sportfans in ganz Deutschland. Rund um große Spiele und...