Finanzen

China an der Schwelle zur Finanzkrise

Die chinesischen Finanzmärkte befinden sich in einer Abwärtsspirale. Peking greift deshalb zu immer mehr und schnelleren Gegenmaßnahmen. Aber ob diese angesichts der gegenwärtigen Vertrauenskrise ihre beabsichtigte Wirkung entfalten?
08.09.2023 16:42
Aktualisiert: 08.09.2023 16:42
Lesezeit: 5 min
China an der Schwelle zur Finanzkrise
Chinesische Aktien-Investoren hatten zuletzt eine schwere Zeit. (Foto: dpa)

China befindet sich an der Schwelle zur Finanzkrise. Der Immobilienmarkt, welcher ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht, ist eingebrochen und die Preise purzeln. Große Baufinanzierer wie jüngst die Gesellschaft „Country Garden“ sind in Schieflage geraten. Aber auch Kommunen sind zunehmend überschuldet. Währenddessen bereiten die Rekord-Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen und die nachlassende Auslandsnachfrage große Sorgen für die Wirtschaft. „Wir glauben, dass sich die chinesische Wirtschaft in einer Abwärtsspirale befindet, das Schlimmste kommt noch“, schreiben Analysten des Bankhauses Nomura in einem Kommentar.

Chinas Finanzmärkte auf Talfahrt

An den Kapitalmärkten sieht es ähnlich schlecht aus. Während die ganze Welt über eine kommende durch Gold oder Rohstoffe gedeckte BRICS-Währung diskutiert, ist die chinesische Währung auf Tiefständen. Der Yuan ist im Vergleich zum Dollar seit Jahresauftakt um 6 Prozent gefallen und nun so billig wie zuletzt vor 15 Jahren.

Es ist eine nicht enden wollende Abwärtsspirale im Gang. „Der strauchelnde Yuan offenbart die Komplexität und Fülle von Chinas zugrundeliegenden wirtschaftlichen Stresspunkten inmitten eines Vertrauensdefizits“, erklärt Vishnu Varathan, leitender Analyst bei der Mizuho Bank.

Chinas Währung hat seit Februar kontinuierlich an Wert verloren. Hauptgründe sind die unerwartet schwache Konjunktur und die großen Probleme im Immobiliensektor. Aber auch die wachsende Zinsdifferenz zwischen China und anderen Volkswirtschaften, insbesondere den USA, spielt hier eine Rolle. Eine Geldanlage in den USA nach den zahlreichen Zinserhöhungen der amerikanischen Zentralbank wieder attraktiver geworden.

Unterdessen hat Peking mehrfach die wichtigsten Referenz-Zinssätze wie die „Loan Prime Rate“ (Kreditzins, den Geschäftsbanken ihren Kunden mit der höchsten Bonität gewähren) gesenkt, um den Immobiliensektor zu stützen. Zuletzt wurde der fünfjährige Zins auf 4,20 Prozent und der einjährige Zins auf 3,45 Prozent gesenkt. Finanzexperten gehen davon aus, dass die chinesische Notenbank ihre Geldpolitik noch weiter lockern wird, auch wenn das den Druck auf die Landeswährung erhöhen dürfte. Zumindest erlauben die im globalen Vergleich extrem niedrigen Preissteigerungsraten (Im Juli sogar leicht negativ) weitere geldpolitische Maßnahmen, ohne eine hohe Inflation zu riskieren. Gleichzeitig reflektiert das deflationäre Umfeld die geringe Wirtschaftsdynamik.

Um die Immobilien-Nachfrage zu stimulieren, wurden noch eine Reihe weiterer Maßnahmen ergriffen. Die Metropolen Peking, Shanghai, Shenzhen und Guangzhou haben angekündigt, die bislang geltenden Regeln für die Vergabe von Hypotheken zu lockern. Hauskäufer könnten nun auch unabhängig von ihrer bisherigen Kreditwürdigkeit in den Genuss von Vorzugsdarlehen kommen, wie die Stadtregierungen mitteilten. Die notwendigen Anzahlungen für Erst- und Zweit-Immobilien wurden reduziert. Zudem haben mehrere Staatsbanken die Zinsen für bereits bestehende Hypotheken gesenkt – von der Entscheidung profitieren Kreditnehmer, die sich mit dem geliehenen Geld ihre erste Immobilie finanzieren.

Derweil fehlt es den Banken selbst teilweise an Liquidität. Die chinesische Volksbank verringerte deshalb im August unerwartet den einjährigen Zinssatz für mittelfristige Kreditspritzen an Geschäftsbanken (MLF) um 0,15 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent. Die Zinssenkung sei erfolgt, „um die Liquidität im Bankensystem auf einem angemessenen Niveau zu halten“, teilte die Notenbank zu ihrer Entscheidung mit.

Staatsbanken kämpfen gegen Yuan-Schwäche

Die Behörden steuern gegen die Yuan-Schwäche. Große Staatsbanken wie die „Industrial and Commercial Bank of China kaufen vermehrt Yuan gegen Dollar auf, um die chinesische Währung zu stützen. Das berichtet Reuters unter Berufung auf Insider vor Ort. Chinas staatliche Finanzhäuser handeln oft auf Geheiß der Zentralbank, wenn der Yuan unter Druck steht. „Die Dollarverkäufe der Staatsbanken sind zu einer neuen Normalität geworden, um das Tempo der Yuan-Abwertung zu verlangsamen“, sagte ein Händler in Shanghai.

Die People's Bank of China kündigte an, dass der vorgeschriebenen Anteil an Fremdwährungen, die Finanzinstitute in Reserve halten müssen, von 6 Prozent auf 4 Prozent gesenkt wird – die neue Regelung soll ab dem 15. September gelten. Das offizielle Ziel lautet, „die Fähigkeit der Finanzinstitute zur Verwendung von Devisenmitteln zu verbessern.“ Inoffiziell geht es darum, dass die Geschäftsbanken dann niedrigere Zinssätze auf Dollar-Einlagen bieten können und es somit für Chinesen unattraktiver wird, Yuan in Dollar umzutauschen. Becky Liu, Leiterin der China-Makro-Strategie bei Standard Chartered, schätzt, dass dadurch nur etwa 16 Milliarden US-Dollar an Liquidität freigesetzt würden. Es gehe vor allem darum, dass die Zentralbank ihre Entschlossenheit signalisiere, den Yuan zu stützen, so die Analystin gegenüber der Financial Times.

Bisher unbestätigten Berichten zufolge hat die Zentralbank darüber hinaus die heimischen Banken aufgefordert, ihre Investitionen in ausländische Anleihen zu reduzieren. Damit solle die Verfügbarkeit von Yuan im Ausland begrenzt werden.

Die Talfahrt wird zusätzlich durch Chinas langjährige Wechselkurspolitik gebremst. Der Yuan ist nicht komplett frei konvertibel und fungiert seit 2005 in einem einzigartigen Währungsregime („managed floating rate“), welches pro Tag nur eine maximale Schwankungsbreite von zwei Prozent um einen von der Zentralbank festgelegten Mittelwert zulässt. Die Notenbank hat in den vergangenen Wochen den Mittelkurs des Yuan stets deutlich höher fixiert, als es Marktteilnehmern erwartet hatten.

Verzweifelte Versuche zur Stützung des Aktienmarkts

Inmitten der Währungsschwäche und konjunkturellen Sorgen hat es auch den Aktienmarkt erwischt. China-Aktien straucheln auf breiter Front, sodass der Aktienindex „CSI 300“ inzwischen wieder fast so tief steht wie im Herbst 2022.

Der Markt ist nicht überzeugt, die Stimmung schlecht und das Vertrauen angeschlagen. Genauso wie chinesischen Investoren dem Westen den Rücken kehren, ziehen westliche Investoren in großem Stil Kapital aus dem Reich der Mitte ab. Im zweiten Quartal wurde netto mit umgerechnet rund 30 Milliarden Dollar so viel Kapital abgezogen wie zuletzt 1998. Ausländer investierten nur noch 5 Milliarden Dollar in China, während Chinesen 34 Milliarden Dollar an Direktinvestitionen im Ausland tätigten. Laut Financial Times verkauften ausländische Investoren alleine im August China-Aktien im Rekordwert von 12 Milliarden Dollar.

Aktuell ist es in erster Linie ein wirtschaftlicher getriebener Abwärtstrend, während im Herbst letzten Jahres noch politische Risiken die größte Sorge der Anleger war. US-Handelsministerin Gina Raimondo warnte bei ihrem letzten Chinabesuch, dass amerikanische Unternehmen China allmählich als „uninvestierbar“ ansehen, und forderte die chinesische Regierung dazu auf, das Risiko von Geschäften im Land zu verringern.

Peking beschloss zuletzt schnelle Gegenmaßnahmen, die zunehmend verzweifelt wirken. So wurden etwa die Handelsgebühren auf in China notierte Aktien durch eine Halbierung der Stempelsteuer auf 0,05 Prozent erheblich gesenkt. Experten zweifelten im Vorfeld an einer langfristigen Wirkung und die bisherige Kursentwicklung gibt ihnen recht.

Unterdessen genehmigte die Wertpapieraufsicht an einem einzigen Tag 17 börsengehandelte Fonds (ETFs) in einem beschleunigten Verfahren, in dessen Rahmen über 30 Publikumsfonds zum Verkauf zugelassen wurden. Die Zulassung der passiven Finanzprodukte erfolgte nur zwei Wochen, nachdem die ersten Anträge bei der Aufsichtsbehörde eingegangen waren. Von den neuen Index-Fonds orientieren sich zehn am erst vor kurzem ins Leben gerufenen „CSI 2000-Index“ für chinesische Small-Cap-Aktien, während die übrigen sieben ähnliche, auf Technologie-Startups fokussierte Indizes nachbilden werden.

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Jakob Schmidt

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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