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Startup-Szene Stuttgart überholt Berlin an Attraktivität

Lesezeit: 5 min
20.09.2023 08:59  Aktualisiert: 20.09.2023 08:59
Stuttgart entwickelt gerade eine eigene Dynamik bei der Start-up Vernetzung. Neue Gruppen sind entstanden und führen bereits zu eigenständigen Kooperationen und weiteren Gründungen. Der Standort punktet auch in anderen Dingen und hängt teilweise Berlin ab.
Startup-Szene Stuttgart überholt Berlin an Attraktivität
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg (Foto: dpa)

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Aktuell weht ein frischer Gründergeist durch die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart. Neue Gruppen und Netzwerke sind entstanden und nehmen im Bereich Networking mächtig Fahrtwind auf. Das „Ökosystem“ für Startups wird gerade durch zwei junge Männer geboostet. Svetoslav Sultani und Anastas Mavrodiev sind die Gründer der Gruppe „Entrepreneurs Stuttgart“. Mavrodiev ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie und hat nicht nur beruflich mit Menschen zu tun. „In meiner Freizeit lege ich großen Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen, Networking und den Austausch mit inspirierenden Persönlichkeiten aus verschiedenen Fachrichtungen, um meinen Horizont ständig zu erweitern“, erzählt Mavrodiev.

Im Herbst 2021 gegründet, ist das Business-Netzwerk in kurzer Zeit rasant gewachsen und zählt bereits über 800 Mitglieder. Das frische Netzwerk selbst hat auch im Leben der Gründer etwas bewegt. „Dank der Gruppe fand ich den Mut und die Expertise, mich aus den Komfortzonen der Konzernstrukturen zu lösen und 2022 meine Holdingunternehmensstruktur zu gründen. 2023 habe ich meine Leidenschaft für Innovation genutzt, um die Sinergy GmbH ins Leben zu rufen“, berichtet der Elektroingenieur Sultani. Das Unternehmen vereint sein Fachwissen in erneuerbaren Energien und Stromsystemen, vor allem in Photovoltaik-Lösungen und moderner Ladeinfrastruktur.

Dynamisches Wachstum lässt bereits weitere Gruppen entstehen

Mittlerweile ist es nicht bei dieser einen Gruppe geblieben. Es sind Untergruppen wie „Coaches in Stuttgart“ oder „Female Entrepreneurs Stuttgart“ für Frauen entstanden. Die jüngsten Projekte „Entrepreneurs Karlsruhe“ "Entrepreneurs Nürnberg" und "Entrepreneurs Zürich" sind aktuell am Entstehen. Der Zulauf der Veranstaltungen bestätigt sie in ihrem Vorhaben. Waren es zu Beginn der ersten Netzwerktreffen noch eine Handvoll Menschen, die kamen, so standen beim letzten Treffen Ende August bereits knapp 80 Leute vor dem reservierten Lokal in der Innenstadt. Ungezwungen und locker kommen die jungen Unternehmensgründer oder Interessierte hier zusammen, um sich austauschen, oder kennenzulernen. Wertvolle Kontakte entstehen und ergänzen die Kommunikation über die What’s App Gruppen, die täglich neue Mitglieder hinzugewinnt. Die Gruppe wurde ins Leben gerufen, um Gleichgesinnte zu finden und Menschen zu motivieren, inspirieren und zu vernetzen. „Ziel war es, die "Wie geht es?"-Kultur statt der "Geht nicht"-Mentalität zu fördern. Dies ermöglicht vielen, ihren Traum von Unabhängigkeit zu verwirklichen, da sie von positiven Beispielen anderer Menschen lernen können“, erklären die beiden Gründer ihre Motivation. Das schnelle Wachstum der Gruppen gibt ihnen recht.

Nathanael Schäfer ist eines der Mitglieder, das bereits positiv vom Netzwerk profitiert hat. Nach 13 Jahren als Angestellter in der Bau- und Immobilienbranche, ist er seit einem Jahr selbstständig. Dafür hat er sich breit aufgestellt und vier Geschäftsbereiche definiert unter anderem im Werbeumfeld B2B. In der Gruppe Entrepreneurs Stuttgart hat er schnell den passenden Partner aus dem Video- und Image-Fotografie-Bereich gefunden. „Wir haben unterschiedliche Ziele vereinbart, die jeder erreichen soll. Wenn wir diese erreichen, dann spalten wir den Bereich ab und gründen daraus ein eigenes Unternehmen“, so seine Idee. Auch Jara López hat bereits die Vorteile der Gruppe kennengelernt. Sie ist spezialisiert auf den Verkauf von Immobilien in Spanien. „Ich habe andere lokale Makler aus Stuttgart persönlich kennengelernt. Sie helfen mir bei Kooperationsgeschäften, sodass meine Kunden sich schneller von ihren Immobilien in Deutschland lösen können, um freies Kapital für die Ferienimmobilie zu schaffen“, erzählt sie. Die Gruppe funktioniert wie ein Multiplikator. Durch die Vernetzung entstehen im besten Fall neue Unternehmen, wie die Beispiele zeigen.

Tüftler, Bastler und Unternehmer gab es im Süden der Republik schon immer. Daraus hervorgegangen sind Weltunternehmen wie Ritter Sport, Daimler, Bosch oder Stihl. Ihre Wurzeln hat die Stuttgarter Industrialisierung im Stadtteil Bad Cannstatt. Hier vollzog sich schnell der Wandel von der Badestadt zur Fabrikstadt. Die Nähe zum Neckar war ein günstiger Standort für die Ansiedlung von Unternehmen. Auch Alfred Kärcher oder die prickelnde Ahoj-Brause haben ihren Ursprung im sogenannten „Ländle“. Einen Schwerpunkt bis heute ist die Automobilindustrie geblieben, die im 20. Jahrhundert durch Daimler gegründet und durch Bosch und Porsche erweitert wurde. Der Vorteil der Region sind die Kunden aus der Industrie und die guten Hochschulen, die insbesondere für B2B-Geschäfte ideale Standortbedingungen schaffen.

Start-ups in den frühen Gründungsphasen bevorzugen Baden-Württemberg

Rahmenbedingungen, Entwicklungschancen und Förderpolitik scheinen aktuell gut zusammen zu passen. Insbesondere junge Unternehmen im Hightech-Bereich siedeln sich bevorzugt in Baden-Württemberg an. Ganze 9,3 Prozent aller Neugründungen in dem genannten Bereich waren es zwischen 2018 und 2021 geht aus der Standortanalyse „Gründungen in Baden-Württemberg“, die im Auftrag der L-Bank durchgeführt wurde, hervor. Im bundesweiten Durschnitt liegt die Quote bei 7,5 Prozent. Allein im Jahr 2020 wurden knapp 31 Prozent mehr Start-ups im Ländle gegründet als im Jahr zuvor und das trotz der erschwerten Bedingungen durch die Pandemie, so die Zahlen aus dem Start-up Atlas Baden-Württemberg 2021. Die Neugründungen haben auch mehr Marktneuheiten hervorgebracht als im Jahr zuvor und als der Anteil von jungen Unternehmen mit Marktneuheiten in den restlichen Bundesländern, wo er hingegen um einen Prozentpunkt gesunken ist.

Insbesondere für junge Unternehmen, die noch keine vier Jahre Gründungserfahrung haben, wird Baden-Württemberg als Gründungsland bevorzugt. Hier finden sich vorwiegend Start-ups in den frühen Entwicklungsphasen sogenannten „Pre-Seed oder Seed“. Eine passende Finanzierung gibt es durch das Instrument „Start-up BW Pre-Seed“ Frühphasenförderung bei Eignung gleich dazu. Besonders stark vertreten sind unter diesen aufblühenden Unternehmen akademische Spin-offs mit starkem inhaltlichen und personellen Wissenschaftsbezug. Im Fokus liegen vor allem die beiden Bereiche Software und Medizin, dicht gefolgt von Industrie und E-Commerce. Das industriestarke Bundesland braucht neue Softwarelösungen, um mit der zunehmenden Digitalisierung Schritt zu halten. Hier sehen viele Start-ups aus der Tech-Szene ihr Potential und ihre Chance.

Startbedingungen für Start-ups sind besser als in Berlin

Mittlerweile hat die schwäbische Hauptstadt Berlin an Attraktivität für Gründungen überholt, so die Ergebnisse der Untersuchung von Business Name Generator. Zumindest was die Startbedingungen für junge Gründer betrifft. Mit dem zweitgünstigsten Gewerbesteuersatz (14,7 Prozent) nach Berlin (verglichen wurden 10 Städte) und dem höchsten Durchschnittsgehalt pro Monat platzierte sich die Landeshauptstadt in diesem Ranking auf Platz eins. Auch eine breite Unterstützung durch unterschiedliche Wirtschaftsakteure sowie das Innovationsnetzwerk „Gründermotor“ fördern das Gründungsklima im Land. Aufgabe des Netzwerks ist es, Startup-Gründungen aus den Hochschulen zu fördern und zu begleiten. Dazu hat das Land einen neuen Risikokapitalfond „Mätch VC“ mit der L-Bank als Investor und einem Volumen von zunächst 16 Millionen Euro ins Leben gerufen. Ziel ist es, durch Beteiligung von Unternehmen den Fond auf über 30 Millionen Euro anzureichern, um vor allem Seed- und Pre-Seed-Phasen junger Unternehmen zu finanzieren. Denn das ist im Allgemeinen noch ein Schwachpunkt des Standorts. Die schwäbische Hauptstadt bleibt im Mittelfeld des Ranking im Vergleich zu anderen Städten, wenn es sich um die Anzahl der Finanzierungsrunden oder die Verteilung des Investitionskapitals handelt. Auch beim Thema Wagniskapital gibt es noch Aufholbedarf, zumindest was größere Summen angeht. Hier fehlt es noch an visionären Investoren, die bereit sind größere Summen in die Hand zu nehmen. Themen wie Quantencomputer, Raumfahrt oder KI werden meist unter Beteiligung internationaler Investoren gefördert.

Es scheint, als ob gerade mit den neuen Gruppen der beiden Gründer eine eigene Dynamik das schwäbische Gründungsland erfasst. „Wir werden spontan von Menschen aus anderen Städten kontaktiert, die als ehrenamtliche Unterstützer unser Netzwerk in ihren Heimatstädten ausweiten möchten, um unser positives Vorbild vielen weiteren Menschen zugänglich zu machen. Zudem planen wir Kooperationen mit örtlichen Netzwerkorganisatoren wie BRYCKE, Startup-Stuttgart oder sogar der Stadt Stuttgart, um unsere Reichweite zu erhöhen und mehr Menschen zu vernetzen. Wir schließen auch nicht aus, in Zukunft einen Verein zu gründen. Unsere bisherigen Bemühungen sind vollständig ehrenamtlich, und jeder, der unsere Idee und Vision unterstützen möchte, ist herzlich eingeladen, uns zu kontaktieren“, fordert Sultani auf.

Laut ihren Erkenntnissen gibt es nicht viele Netzwerkevents für gründungsunerfahrene Menschen. Die meisten Veranstaltungen werden über geschlossene Gruppen und Vereine abgehalten. Diese Tatsache hat sie motiviert, die Gruppen weiter auszubauen und allen interessierten Menschen Zugang zu diesem Netzwerk zu ermöglichen. Hier finden Start-ups Experten, können Kooperationen eingehen, sich austauschen und von Mentoren lernen. Dies fördere nicht nur das Wachstum, sondern auch die Marktvalidierung und die Sichtbarkeit. Letztlich bieten Vernetzungsgruppen eine wertvolle Plattform für alle Mitglieder, um sich zu vernetzen und einen Standort nach vorne zu bringen.

 

Sofia Delgado ist freie Journalistin und arbeitet seit 2021 in Stuttgart, nachdem sie viereinhalb Jahre lang in Peking gelebt hat. Sie widmet sich gesellschaftskritischen Themen und schreibt für verschiedene Auftraggeber. Persönlich priorisiert sie die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit, als dringendste Herausforderung für die Menschheit.

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