Politik

Ifo-Chef: Fachkräftemangel und Energiewende bremsen die Wirtschaft

Fachkräftemangel und Energiewende bedrohen langfristig das Wirtschaftswachstum in Deutschland, warnt Ifo-Chef Fuest. Kritisch sieht er insbesondere das Stromangebot und die EZB.
02.10.2023 15:05
Aktualisiert: 02.10.2023 15:05
Lesezeit: 2 min

Die Arbeitskräfteknappheit und die Energiewende werden nach Einschätzung des Präsidenten des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, das Wirtschaftswachstum längerfristig belasten. "In Deutschland wird das Wachstum künftig schwächer ausfallen", sagte Fuest der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX in Frankfurt. Er verwies auf die demografische Entwicklung, die zu einem schrumpfenden Angebot an Arbeitskräften führt. Zudem dürfte die Energiewende die wirtschaftliche Entwicklung belasten, was von der Politik unterschätzt werde. "Die Verknappung des Stromangebots in Deutschland war ein Fehler", sagte Fuest. Unter anderem waren im Frühjahr die letzten deutschen Atomkraftwerke vom Netz gegangen.

Zuletzt gab es von Unternehmen aus der chemischen Industrie Warnungen, Teile der Produktion wegen hoher Energiekosten ins Ausland zu verlagern. "Die Abwanderungspläne von Firmen der chemischen Industrie sind ernst zu nehmen", sagte Fuest. Zu einer Verbesserung der Situation könne beitragen, mehr Energie bereitzustellen. Eine Strompreisbremse lehnt Fuest allerdings ab. "Ich erwarte, dass die Strompreise in Deutschland dauerhaft höher bleiben als in anderen Ländern", sagte Fuest. Die Kosten für eine Strompreisbremse würden langfristig belasten. Es brauche vielmehr eine grundlegende Lösung in Form einer Strommarktordnung, bei der Strom bei einer knappen Versorgungslage teuer und bei einer ausreichenden Versorgung günstig sei.

Die größte Belastung sieht der Ökonom aber in dem Mangel an Arbeitskräften in vielen Bereichen der Wirtschaft. "Die Arbeitskräfteknappheit wird das Wachstum auch in den kommenden Jahren bremsen", sagte Fuest. Nach Einschätzung von Fuest können durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz Fortschritte erzielt werden. Darüber hinaus müsse die Kinderbetreuung verbessert werden, was etwa durch bessere Bezahlung erzielt werden könne. Generell verspricht sich Fuest Verbesserungen, wenn das Steuer- und Transfersystem es attraktiver mache, statt Teilzeit- eher Vollzeitstellen anzunehmen. Ein weiterer wirtschaftlicher Belastungsfaktor ist laut Fuest die immer noch hohe Inflation in der Eurozone. Dennoch werde die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen voraussichtlich nicht weiter anheben. "Schließlich sind die Konjunkturaussichten für die Eurozone nicht so toll", sagte Fuest. Zudem würden eine Reihe von Indikatoren auf eine Abschwächung der Inflation hindeuten. Er erwarte vielmehr, dass die EZB ihre Zinsen für längere Zeit auf dem aktuellen Niveau belassen könne.

"Für Deutschland sind die höheren Zinsen besonders schmerzhaft, da sich die Wirtschaft hier besonders schwach entwickelt", sagte Fuest. "Die EZB macht die Geldpolitik aber für der Eurozone insgesamt." Fuest verweist auf einen möglichen plötzlichen Anstieg der Energiepreise. "Zudem besteht die Gefahr, dass die EZB die Zinsen zu lange zu hoch hält, nachdem sie zunächst die Inflation unterschätzt hatte", sagte der Ifo-Chef. Es dürfte nach den deutlichen Anhebungen schwer werden, eine Rezession in der Eurozone zu vermeiden. (dpa-AFX)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spritpreis-Frust: Tankstellenpächter wehren sich gegen Kunden-Wut
06.03.2026

Steigende Preise an den Zapfsäulen sorgen für schlechte Stimmung an Deutschlands Tankstellen. Doch während Autofahrer tief in die Tasche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Boomenden Nachfrage nach Waffen: Rüstungszulieferer Vincorion strebt an die Börse
06.03.2026

Die Waffenschmiede Rheinmetall ist längst an der Börse, die Sensorenfirma Hensoldt und der Getriebefabrikant Renk sind es auch....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Betriebsratswahl 2026: Millionen Beschäftigte wählen – Gewerkschaften unter Druck
06.03.2026

Der Wahlkampf um neue Betriebsräte läuft auf Hochtouren: Sie gehören zu den größten Abstimmungen in Deutschland. Doch was können die...

DWN
Politik
Politik Krankenhausreform 2.0: Was das neue Anpassungsgesetz für Patienten bedeutet
06.03.2026

Die schwarz-rote Bundesregierung korrigiert ihren Kurs in der Klinikpolitik und bringt am Freitag das sogenannte...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 10: Die wichtigsten Analysen der Woche
06.03.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 10 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mehr Unternehmergeist: Zahl wirtschaftlich bedeutender Neugründungen steigt deutlich
06.03.2026

Trotz konjunktureller Unsicherheiten wagen in Deutschland wieder mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit. Besonders bei...

DWN
Politik
Politik Machtwechsel im Südwesten? Worauf es bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg ankommt
06.03.2026

In Baden-Württemberg steht eine politische Zäsur bevor. Nach 15 Jahren endet die Ära von Winfried Kretschmann, der seit 2011 für...

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Investition in Berlin: Google investiert 5,5 Milliarden Euro
06.03.2026

Google eröffnet in Berlin ein KI-Zentrum und bündelt Forschung, Politik und Industrie unter einem Dach. Das Projekt soll offenbar...