Wirtschaft

Protest aus Afrika: EU testet neue Klima-Abgabe im Handelsverkehr

Seit Oktober testet die EU eine spezielle Klima-Abgabe, den CO2-Ausgleichsmechanismus, im Handel mit der restlichen Welt. Entwicklungsländer kritisieren den Mechanismus. Auch der deutschen Wirtschaft drohen langfristig Folgen.
15.10.2023 09:31
Aktualisiert: 15.10.2023 09:31
Lesezeit: 4 min
Protest aus Afrika: EU testet neue Klima-Abgabe im Handelsverkehr
Seit Oktober testet die EU eine spezielle Klima-Abgabe, den CO2-Ausgleichsmechanismus. (Bild: istockphoto.com/peshkov) Foto: peshkov

Die Europäische Union hat zum 1. Oktober für Importe aus dem Rest der Welt einen sogenannten CO2-Grenzausgleichsmechanismus „Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM)“ eingeführt. Der Mechanismus wird vorerst nur als Testlauf geprobt, ab dem Jahr 2026 jedoch sollen die im Rahmen der Maßnahme geplanten Abgaben erhoben werden.

Aus den Entwicklungsländern erhebt sich allerdings schon jetzt Einspruch gegen den Mechanismus, der faktisch eine Ausweitung europäischer Klima-Sonderabgaben und -restriktionen im Wirtschaftsgeschehen auf den Rest der Welt bedeutet.

Warum ein CO2-Grenzausgleich?

Mit dem Grenzausgleich will die EU außereuropäische Zulieferer von Rohstoffen oder energieintensiv hergestellten Produkten dazu zwingen, eine Sonderabgabe zu bezahlen. Faktisch handelt es sich also um einen Importzoll, dessen Verhängung Brüssel mit dem „Klimaschutz“ begründet.

Der Grund für den Mechanismus ist folgender: Die Unternehmen der EU müssen seit einigen Jahren immer mehr Geld aufwenden, um die zunehmend teurer werdenden Emissionszertifikate zu erwerben. Weil sie dadurch an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Firmen aus Ländern einbüßen, die sich an dem in Europa etablierten Emissionszertifikatehandel nicht beteiligen, versucht die EU-Kommission mit dem CO2-Grenzausgleich nun faktisch, die eigenen Industrien nach außen hin vor der günstigeren Konkurrenz zu schützen und einen Teil der vom Emissionshandel ausgelösten Sonderkosten den ausländischen Zulieferern aufzubürden.

Wie deutlich die Preisanstiege im europäischen Zertifikatehandel sind, berichtet der Blog German Foreign Policy. Demnach kosteten Zertifikate für den Ausstoß von einer Tonne des lebenswichtigen Naturgases Kohlenstoffdioxid (CO2) Mitte des vergangenen Jahrzehnts fünf Euro. Derzeit müssen Unternehmen rund 80 Euro bezahlen, um eine Tonne CO2 in Europa legal emittieren zu dürfen.

Tatsächlich haben viele energieintensiv arbeitende Konzerne aber weitaus weniger bezahlt, weil die EU in großem Umfang Gratis-Zertifikate verteilt hat. Ab 2026 jedoch sollen diese nicht mehr ausgegeben werden – und genau deshalb kommt dann der Grenzausgleich ins Spiel, der faktisch wie ein industriepolitisches Schutzprogramm gegenüber der außereuropäischen Konkurrenz fungieren soll.

Hoffnung auf Nachahmung

Daneben hofft man in Brüssel offenbar auch, dass der Grenzausgleich den Aufbau „klimaneutraler“ Industrien und Produktionsprozesse außerhalb Europas anstoßen wird. Denn führt ein außereuropäischer Staat selbst ein Emissionssystem ein oder de-karbonisiert seine Volkswirtschaft, würden die daraus resultierenden Kosten auf den Grenzausgleich der EU angerechnet und in vielen Fällen wohl ganz neutralisiert, wenn ein Unternehmen aus diesem Land Waren nach Europa exportiert.

Das entsprechende Land „erkauft“ sich dann gewissermaßen den weiterhin kostenlosen Zugang zum EU-Markt durch die Dekarbonisierung der eigenen Wirtschaft, so die Planspiele.

Mit Blick auf die Exporte europäischer Unternehmen in die Welt bleiben noch viele Fragen offen. „Auch schafft der Grenzzoll zwar bessere Wettbewerbsbedingungen innerhalb Europas, doch auf dem Weltmarkt bleibt der Kostenunterschied. Eine Lösung für die Exporte hat die EU bislang nicht gefunden. Die Voest kritisiert: Das System würde die globale Wettbewerbsfähigkeit der exportierenden EU-Industrie schwächen. Gleichzeitig biete die Entscheidung zumindest ‚deutlich mehr Planungssicherheit für die Umstellung auf CO2-reduzierte Technologien‘. Den Zweck, dass europäische Unternehmen am europäischen Markt geschützt werden, dürfte der Mechanismus erfüllen“, schreibt der Standard.

Proteste aus dem Globalen Süden

Der Mechanismus löst schon jetzt, während der Testphase, Proteste in vielen Entwicklungsländern aus und könnte langfristig zu ernsten Auseinandersetzungen mit anderen großen Wirtschaftsräumen führen, wenn er 2026 tatsächlich in Kraft treten sollte.

„Besonders hart trifft der CBAM die Staaten Afrikas. Weil viele von ihnen vom Export von Rohstoffen wie Eisen sowie von Produkten wie Dünger abhängig sind, steht für sie sehr viel auf dem Spiel. Der CBAM zwingt sie, kostspielige Kapazitäten aufzubauen, um den mit ihren Exportgütern verbundenen CO2-Ausstoß zu berechnen. ‚Das kann den Entwicklungsländern, die schon jetzt einigen der höchsten Handelsbarrieren weltweit gegenüberstehen, Gebühren technischer sowie verwaltungstechnischer Art aufbürden‘, warnt beispielsweise Rim Berahab vom Research for Policy Center for the New South. In Verbindung mit den ab 2026 zu zahlenden Abgaben auf Güter, die mit einem größeren CO2-Verbrauch hergestellt wurden, sei mit Verlusten bei den Ausfuhren aus Afrika nach Europa zu rechnen“, berichtet German Foreign Policy.

Zu den afrikanischen Ländern, die besonders anfällig für die vom Grenzausgleich ausgelösten Zusatzkosten wären, gehören beispielsweise Mosambik, Simbabwe und Guinea. So liefert Simbabwe fast 90 Prozent seiner Eisen- und Stahlexporte in die EU, Mosambik etwa 75 Prozent seiner Aluminiumausfuhren.

Europäische Länder, die vom CO2-Grenzausgleich stark betroffen sein könnten, sind Bosnien-Herzegowina, die Ukraine und Serbien.

Im Juli hatte die Regierung Südafrikas in einem offiziellen Schreiben gegen den Grenzausgleich protestiert. Eigenen Berechnungen zufolge würde die südafrikanische Wirtschaft, deren Exporte zu etwa der Hälfte aus Rohstoffen besteht, jährlich 1,5 Milliarden US-Dollar verlieren, wenn die Maßnahme der EU in Kraft trete.

Viele ärmere Länder warnen, dass sie nicht über die finanziellen und technischen Ressourcen verfügten, um die von den Europäern angestrebte De-Karbonisierung ihrer Volkswirtschaften zu realisieren, welche dutzende Milliarden Euro benötigen würde.

Rückwirkungen auf Deutschland

Noch befindet sich der CO2-Grenzmechanismus, wie bereits erwähnt, im Testmodus. Sollte er 2026 wirklich aktiviert werden, könnte er langfristig Umschichtungen im Welthandel und in den weltumspannenden Liefereketten auslösen und dadurch negative Rückwirkungen auch auf die deutsche Wirtschaft entfalten, welche in den vergangenen Jahrzehnten massiv vom freien Warenverkehr profitiert hat.

Entwicklungsländer wie Mosambik oder Simbabwe, die zu den ärmsten Staaten der Welt gehören, könnten dann geneigt sein, ihre Exporte nach Europa drastisch zu verringern und neue Abnehmer für ihre Rohstoffe und Produkte zu finden.

Hierfür bieten sich die schnell wachsenden großen Wirtschaftsmächte des Globalen Südens an, in erster Linie China und Indien, aber auch Länder wie Brasilien, Russland, die Türkei, Indonesien, Vietnam, der Iran, Saudi-Arabien oder Mexiko.

Alle diese Länder beteiligen sich weder am Emissionshandel der EU noch sind ihnen verpflichtende Maßnahmen im Rahmen der globalen Klimaschutz-Vereinbarungen wie etwa dem Pariser Abkommen auferlegt. Selbst die USA haben das Pariser Abkommen zwar formal bestätigt, aber bis heute nie ratifiziert.

Zudem orientieren sich viele von ihnen zunehmend an alternativen Machtstrukturen, etwa dem BRICS-Forum oder suchen Unterstützung bei der Asiatischen Infrastruktur- und Investitionsbank. Eine Umlenkung der Warenströme würde sich demnach zumindest teilweise in einem geopolitisch neuartigen Organisationsrahmen entfalten.

Es besteht also die Gefahr, dass sich die EU mit ihrer zunehmend restriktiveren Klima-Wirtschaft international isoliert und ihre ohnehin schwindende Wettbewerbsfähigkeit weiter einbüßt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: SanDisk und Micron führen Erholung der Chipaktien an, während Großbanken nachgeben
19.10.2026

Verfolgen Sie die entscheidenden Entwicklungen an der Wall Street und entdecken Sie, welche Sektoren die Märkte am Montag bewegten.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Traditionsunternehmen Miele: Mittelständler mit Milliarden-Umsatz - Chef stirbt im Alter von 98 Jahren
19.10.2026

Als Hersteller für Haus- und Gewerbegeräte ist Miele weltweit bekannt. In Westfalen wurde das Traditionsunternehmen 1899 gegründet. Als...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bald treffen die Giganten aufeinander: Die Wette auf Indien könnte lukrativer sein als die auf China
19.10.2026

Wenn nur zehn Prozent der Inder, die heute kein Auto besitzen, in den kommenden Jahrzehnten Eigentümer eines Neuwagens würden, sprächen...

DWN
Politik
Politik Steuerzinsen 2027: Nachzahlungen sollen doppelt verzinst werden
19.10.2026

100.000 Euro Steuernachzahlung, zwei volle Zinsjahre: Heute können daraus 3.600 Euro Zinsen werden. Unter dem geplanten neuen Satz wären...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW ID. Buzz im Test: Übernachten im Elektroauto wird zum Geduldsspiel
19.10.2026

Im Elektroauto schlafen, morgens Kaffee kochen und dabei unabhängig vom Campingplatz bleiben. Der neue Campingmodus des VW ID. Buzz soll...

DWN
Finanzen
Finanzen Was wäre, wenn ich statt des S&P 500 einfach seine Mutter kaufen würde?
19.10.2026

Ohne das Unternehmen S&P Global könnten die Finanzmärkte nur schwer funktionieren. Der Aktienkurs ist in diesem Jahr jedoch auf ein...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin und Co.: Sparkassen starten schrittweise Kryptohandel
19.10.2026

Der Wettbewerb im Kryptohandel nimmt zu: Nun wollen auch die Sparkassen mit einem eigenen Angebot Privatkunden ansprechen. Sie rollen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Anthropic: Milliardenverluste, Millionengehälter und ein gigantischer Börsenplan
19.10.2026

18 Millionen Dollar Vergütung für den Chef, fast 42 Milliarden Dollar Verlust für das Unternehmen: Beim KI-Entwickler Anthropic liegen...