Wirtschaft

Krieg in Nahost birgt energiepolitische Risiken für Europa

Der Krieg in Nahost hat direkte Konsequenzen für die Energieversorgung Israels und Ägyptens - und indirekt auch für andere Staaten. Für Europa offenbaren sich neben energiepolitischen auch geopolitische Risiken.
15.11.2023 16:02
Aktualisiert: 15.11.2023 16:02
Lesezeit: 4 min
Krieg in Nahost birgt energiepolitische Risiken für Europa
Ein LNG-Frachter. Der Nahost-Krieg birgt Risiken für Europa. (Foto: istockphoto.com/Suphanat Khumsap) Foto: Suphanat Khumsap

Der Krieg zwischen der Hamas und Israel beeinträchtigt die Energieversorgung sowohl Israels als auch Ägyptens und darüber hinaus indirekt auch jene anderer Länder im Nahen Osten und Europa.

Für die Europäer, die sich von russischen Energieprodukten unabhängiger aufstellen wollen, kommt der Krieg und das damit verbundene Eskalationspotenzial zur Unzeit.

Israel friert Produktion auf Tamar-Feld zeitweise ein

Infolge des Überfalls der Hamas und der anschließenden Offensive der israelischen Armee im Gazastreifen hatten die israelischen Behörden Anfang Oktober die Gasförderung im vor der Küste des Landes gelegenen Tamar-Feld eingestellt, berichtet Oilprice.

Das Tamar-Feld ist für Israels Energieversorgung bedeutsam, trug es bislang doch rund 40 Prozent zur gesamten Gasförderung des Landes bei. Darüber hinaus spiel es eine wichtige Rolle in der Stromerzeugung.

Um die von der Tamar-Schließung verursachten Förderausfälle auszugleichen, wurde Gas aus den Feldern Leviathan und Karisch daraufhin zum allergrößten Teil für den eigenen Bedarf verwendet und nur noch ein kleiner Teil an Ägypten verkauft. Rund 20 Prozent der Tamar-Produktion verkaufte Israel in der Vergangenheit an Ägypten und an Jordanien.

Ägypten stoppt LNG-Exporte

Ägyptens Regierung wiederum hat den Export von Flüssiggas (LNG) aus heimischer Produktion gestoppt – nicht zuletzt, weil die Ausfälle israelischer Lieferungen die eigene Energieversorgung beeinträchtigen.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, hatten Ägypten und Israel ihre Zusammenarbeit auf dem Gasmarkt Ende August ausgebaut. Ägypten sollte, so die Abmachung, fortan mehr Gas aus dem Tamar-Feld beziehen können.

Angesichts der fehlenden Importe beschloss Kairo, die Exporte von LNG über die Terminals Idku und Damietta auszusetzen. Davon sind besonders Abnehmer in Europa und der Türkei betroffen: rund drei Viertel der ägyptischen LNG-Ausfuhren im laufenden Jahr wurden an diese Märkte geliefert.

Ausfälle kommen zur Unzeit

Die Ausfälle kommen für viele europäische Länder zur Unzeit, welche infolge des Ukraine-Krieges versuchen, sich schrittweise von Gas und Öl aus Russland zu emanzipieren.

Medienberichten zufolge ist die Führung des italienischen Eni-Konzerns, der an mehreren ägyptischen Förderprojekten beteiligt ist, zuversichtlich, dass das nordafrikanische Land seine Exporte bald wieder aufnehmen könne.

Ägyptens Energieversorgung – und hier insbesondere die Stromversorgung – ist in den vergangenen Monaten unter Druck geraten und Stromausfälle sind zu einem alltäglichen Phänomen geworden

„Heute würde die Nachricht, dass ein großer LNG-Exporteur aus dem Mittelmeerraum zu einem Importeur wird, schon alleine ausreichen, um Befürchtungen in einem Markt zu schüren, der bereits mit zahlreichen Versorgungsengpässen zu kämpfen hat. Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen im Nahen Osten hatten die TTF-Terminpreise (der wichtigste Terminpreis für europäische Kunden auf dem Gasmarkt – der Verfasser) Anfang des Monats den höchsten Stand seit neun Monaten erreicht. Dennoch sind Marktbeobachter weiterhin zuversichtlich, dass die arabischen Führer, einschließlich der Hisbollah, einen pragmatischen Ansatz in dem Konflikt beibehalten und eine Eskalation verhindern werden“, schreibt Francesco Sassi auf Oilprice.

Allerdings hatten sich die militärischen Auseinandersetzungen in der Region zuletzt geografisch ausgeweitet und griffen zunehmend über den Konflikt zwischen der Hamas und Israel hinaus. So haben pro-iranische Milizen ihre Angriffe auf amerikanische Militärbasen in Syrien und im Irak verstärkt, was von den US-Streitkräften mit Gegenschlägen beantwortet wurde.

Während die amerikanische Luftwaffe und das israelische Militär verstärkt Stellungen dieser Milizen in Syrien bombardieren, griff Israel darüber hinaus auch vermehrt Stellungen der Hisbollah im Südlibanon an.

Geopolitische Risiken

Wie das Beispiel der eingefrorenen Gas-Exporte zeigt, haben die Auseinandersetzungen das Potenzial, die Energieversorgung Europas direkt oder indirekt zu beeinträchtigen – und dies zu einer Zeit, in der die Versorgungslage aufgrund der Sanktionen gegen Russland ohnehin angespannt ist.

Bedeutsam ist darüber hinaus der Umstand, dass die Unterbrechung der Energieströme viele Länder der Region innenpolitisch belastet, was zur Entstehung geopolitischer Risiken in Europas südlicher Nachbarschaft führt.

Das Lagebild stellt sich folgendermaßen dar:

Der Libanon steckt seit Jahren in einer schweren Wirtschafts- und Währungskrise.

Syrien ist seit dem vom Ausland unterstützten Aufstand im Jahr 2011 und den anschließenden Kämpfen Schauplatz eines Stellvertreterkrieges geworden, in dem neben der Türkei, Israel und dem Iran auch die Vereinigten Staaten und Russland direkt militärisch involviert sind.

Ägypten verzeichnet wenige Wochen vor der anstehenden Präsidentschaftswahl eine sehr hohe Inflation und steckt in einer handfesten Wirtschafts- und Währungskrise inklusive regelmäßiger Stromabschaltungen. Zudem hat der Krieg zwischen der Hamas und Israel die Gräben in der ägyptischen Gesellschaft zwischen Anhängern der Moslem-Bruderschaft und Unterstützern des herrschenden Militärapparats wieder aufgerissen.

Ägyptens westlicher Nachbar Libyen verharrt seit der militärischen Intervention Frankreichs, Großbritanniens und der USA im Jahr 2011 und des anschließenden Sturzes der Regierung im Chaos. Das Land, in dem ebenso wie in Syrien ein Stellvertreterkrieg ausländischer Mächte ausgefochten wird, ist überdies zu einer Drehscheibe der irregulären Migration von Afrika nach Europa avanciert.

Israel samt der Palästinensergebiete befinden sich im Kriegszustand und der bislang weitgehend auf Gaza fokussierte Kampf könnte sich auch auf den Libanon und Syrien ausweiten.

Hoffnungszeichen im Tamar-Feld

Medienberichten zufolge haben die israelischen Behörden die Förderung im Tamar-Feld inzwischen wieder erlaubt. Demnach hat der amerikanische Chevron-Konzern, der einen Anteil von 25 Prozent am Projekt hält, die Produktion am 9. November wieder aufgenommen.

Wie AL-Monitor berichtet, sollen auch die Gasexporte Israels nach Ägypten wieder um etwa 60 Prozent hochgefahren worden sein.

„Nichtsdestotrotz demonstriert das Herunterfahren des Tamar-Feldes die weiterhin bestehenden Risiken einer Aktivität in Israel angesichts der geopolitischen Situation. Die Förderung im Feld war bereits im Jahr 2021 wegen des Krieges zwischen Israel und der Hamas gestoppt worden“, schreibt die Zeitung.

Die Europäische Union und Israel wollten ihre Beziehungen im Energiesektor vor Ausbruch des Krieges ausbauen. Israels Premierminister Benjamin Nethanjahu sagte nach einem Treffen mit seinen Kollegen aus Griechenland und Zypern im September, dass er „in den nächsten drei oder sechs Monaten mit Entscheidungen“ rechne.

Es wird entscheidend von der weiteren Entwicklung im Nahost-Krieg abhängen, in welcher Form Europa direkt oder indirekt davon betroffen sein wird.

Am Rande sei angemerkt, dass mit dem Suez-Kanal das für Europa wichtigste Nadelöhr im Seehandel in unmittelbarer geografischer Nachbarschaft der Kämpfe im Gazastreifen liegt.

Der Umstand, dass die US-Regierung zwei Flugzeugträgergruppen ins östliche Mittelmeer entsandt hat, deren Präsenz sowohl von der Türkei, dem Iran als auch von Russland negativ kommentiert wurde, deutet an, welches Eskalationspotenzial in dieser auch für den globalen Ölhandel zentral wichtigen Weltregion inzwischen vorhanden ist.

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