Finanzen

EZB droht Märkten mit noch höheren Zinsen

Lesezeit: 4 min
23.11.2023 16:35  Aktualisiert: 23.11.2023 16:35
Die Märkte wetten derzeit - entgegen allen Beteuerungen der EZB - auf baldige Zinssenkungen. Dies könnte die Notenbank dazu zwingen, noch „straffer“ zu agieren.
EZB droht Märkten mit noch höheren Zinsen
Die EZB droht den widerspenstigen Märkten, die Zinsen noch weiter anzuheben. (Foto: dpa)

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Wenn Anleger das Vertrauen in die Zentralbanken verlieren und sogar gegen sie wetten, wie es zuletzt der Fall war, so kann sich dies zu einer erheblichen Herausforderung für die Geldpolitik entwickeln. Aktuell bedeutet dies, dass die geldpolitische Straffung voraussichtlich noch härter ausfallen muss, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen.

Die Zentralbanken „straffen“ die Geldpolitik, das heißt, sie heben die Zinsen an und verringern die Geldmenge, um auf diese Weise die finanziellen Bedingungen auf den Märkten zu verschärfen. Sie wollen höhere langfristige Renditen herbeiführen und größere Spreads zwischen als sicher geltenden Staatsanleihen und riskanteren Anleihen.

Mit einer geldpolitischen „Straffung“ verfolgen die Zentralbanken das Ziel, die Inflation zu bekämpfen, wenn sie infolge geldpolitischer „Lockerung“ zu hoch geworden ist. Die strengeren finanziellen Bedingungen sollen die Kreditkosten für Unternehmen und Verbraucher erhöhen, was das Wirtschaftswachstum und den Konsum bremst.

Doch die „Straffung“ erzielt nur dann die gewünschte Wirkung, wenn die Investoren der Zentralbank glauben, dass sie es ernst meint. Wenn der Markt hingegen darauf wettet, dass die Zentralbank die „Straffung“ bald wieder einstellt und umkehrt, dann lockern sich die finanziellen Bedingungen, die langfristigen Zinssätze sinken und die Spreads verringern sich.

EZB-Ratsmitglied droht den Märkten

Dieser Zusammenhang hat nun das belgische EZB-Ratsmitglied Pierre Wunsch veranlasst, die drohende Folge deutlich zu benennen, dass nämlich die Wetten des Marktes auf eine „Lockerung“ das genaue Gegenteil bewirken könnten. Die Europäische Zentralbank könnte sich gezwungen sehen, die Zinsen noch weiter zu erhöhen.

Genau dies geschah Anfang November in Australien, als die dortigen Zentralbank ihren Leitzins zum ersten Mal seit fünf Monaten wieder anhob, um einen weiteren Rückgang der Inflation sicherzustellen. Die Reserve Bank of Australia erhöhte den Leitzins um 25 Basispunkte auf 4,35 Prozent, das ist der höchste Stand seit zwölf Jahren.

Die Märkte nehmen eine „optimistische“ Sichtweise im Hinblick auf die EZB ein, so Wunsch. „Sie schließen die Möglichkeit aus, dass wir mehr tun müssen oder dass wir länger bei 4 Prozent bleiben müssen“, sagte der belgische Zentralbankchef in einem Interview in Frankfurt. Die Märkte erwarten indes bereits im April wieder eine Zinssenkung.

„Ist es ein Problem, wenn jeder glaubt, dass wir den Zinssatz senken werden?“, zitiert Bloomberg den Belgier, der zu den restriktiveren EZB-Ratsmitgliedern gehört. „Dann haben wir eine weniger restriktive Geldpolitik. Und ich bin mir nicht sicher, ob sie dann restriktiv genug sein wird. Das erhöht also das Risiko, dass man in die andere Richtung korrigieren muss.“

Seit die Zentralbank angeführt von der Federal Reserve in den USA Anfang letzten Jahres mit der geldpolitischen „Straffung“ begannen, haben die Märkte dagegen gewettet. Doch in letzter Zeit haben diese Wetten an Fahrt aufgenommen, sodass sich die finanziellen Bedingungen stark gelockert haben, anstatt sich zu straffen.

Die Märkte verweigern den Zentralbanken die Gefolgschaft und wetten gegen sie. Die daraus sich ergebende Lockerung der finanziellen Bedingungen treibt die Inflation weiter voran. Je stärker die Märkte gegen die Zentralbanken wetten, desto mehr riskieren sie, dass die Zinssätze für eine noch längere Zeit noch höher ausfallen werden.

Märkte wetten gegen die EZB

Die EZB hat die Zinssätze im Oktober zum ersten Mal wieder unverändert gelassen und erklärt, dass die Zinssätze für einen „ausreichenden Zeitraum“ unverändert bleiben müssten, um die Inflation wieder auf das Ziel von 2 Prozent abzusenken. Einige Beamte haben zudem angedeutet, dass dies eine Zinssenkung in der ersten Hälfte des nächsten Jahres ausschließt.

Doch die Märkte wetten auf eine Zinssenkung bereits im April. Diese Wetten folgen auf Daten, wonach die Eurozone an Wirtschaftskraft verliert und die Inflation sich überraschend stark verlangsamt hat. Die Beamten sind jedoch nach wie vor besorgt über Lohnsteigerungen und darüber, dass der Konflikt im Nahen Osten die Energiepreise wieder in die Höhe treiben könnte.

Laut den jüngsten Prognosen der EZB wird die Inflation erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 wieder auf ihr erklärtes Ziel von 2 Prozent zurückgehen. Doch zunächst wird die Inflation aufgrund der Volatilität der Energiepreise wahrscheinlich wieder ansteigen, und dies könnte die EZB zu einer weiteren Straffung zurückkehren lassen.

„Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass die Inflation nicht schnell genug zurückgeht, werden wir das in unserer Projektion und in unserer Kommunikation kommunizieren“, so Wunsch. „Wenn die Märkte daraus nicht ableiten, dass die Zinsen länger hoch bleiben, müssen wir unsere Zinsinstrumente einsetzen und die Zinsen anheben, um das gewünschte Ziel zu erreichen.“

Der belgische Beamte erwartet nach den „jüngsten marginalen positiven Überraschungen bei der Inflation“ keine Anhebung der Zinssätze bei den nächsten beiden Sitzungen. „Werden wir wegen der Löhne irgendwann einen Inflationswiderstand bei 3 Prozent oder so erleben“, fragt Wunsch. „Das ist etwas, was wir im Dezember oder Januar noch nicht wissen werden.“

Bundesbank gegen schnelle Zinssenkungen

Auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel bemühte sich am Donnerstag erneut, Erwartungen an baldige Zinssenkungen zu zerstreuen. Diese könnten sich als Fehler erweisen, da die Inflation auf einem erhöhten Niveau bleiben oder sogar wieder an Fahrt gewinnen könne, sagte er laut Redetext auf einer Veranstaltung in Mailand.

„In diesem Fall müssten wir die Geldpolitik erneut straffen und die dämpfende Wirkung auf die Wirtschaft könnte sogar größer sein als sie sonst gewesen wäre“, fügte er hinzu. Forschungen zu früheren Inflationsphasen hätten gezeigt, dass viele Länder voreilig den Sieg über die Inflation feierten. Dies sei eine klare Gefahr, sagte Nagel.

Die EZB hat die Schlüsselsätze im Kampf gegen die Inflation seit Sommer 2022 in zehn Schritten um insgesamt 4,5 Prozentpunkte angehoben. Der am Finanzmarkt maßgebliche Einlagensatz liegt damit aktuell bei 4,00 Prozent - das höchste Niveau seit Beginn der Währungsunion 1999. Der nächste Zinsentscheid der EZB steht am 14. Dezember an.

Laut dem Bundesbankchef ist es zwar ermutigend, dass die Inflation im Euroraum im Oktober auf 2,9 Prozent gesunken ist. Dennoch erwarte er nicht, dass der steile Rückgang in den kommenden Monaten anhalten wird. „Selbst wenn die Energiepreise auf ihrem aktuellen Niveau bleiben, erwarte ich, dass die Inflation wieder etwas ansteigt.“

Der Weg werde in den kommenden Monaten wahrscheinlich holprig sein. Eine schwere Rezession in der Eurozone erwartet Nagel aber nicht. Er sei zuversichtlich, dass die Geldpolitik die Inflation zähmen könne, ohne dass die Wirtschaft dabei eine „harte Landung“ erlebe. Der Arbeitsmarkt zeige sich weiterhin widerstandsfähig, sowohl in Italien als auch in Deutschland.

Das Bundeswirtschaftsministerium von Robert Habeck hat im Oktober schwache Prognosen veröffentlicht, wonach die deutsche Wirtschaft dieses Jahr um 0,4 Prozent schrumpfen wird. Als entscheidender Grund dafür werden die hohen Zinsen genannt. Noch höhere Zinsen für eine noch längere Zeit würden die deutsche Wirtschaft auch 2024 weiter schrumpfen lassen.


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