Technologie

LNG-Flüssiggas: Terminals als Lichtblick am deutschen Energie-Horizont

Das waren noch die raren Tage des Ruhms, als der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck sich erfolgreich als Krisen-Manager in Szene setzen können. So schnell hatte Vater Staat, lange nicht mehr reagiert wie beim Genehmigungsverfahren für die ersten Flüssiggas-Terminals an Nord- und Ostsee. Aller Kritik von Umweltschützern und Vertretern der Tourismus-Branche zum Trotz zeigt sich, das LNG für die deutsche Wirtschaft ein Erfolgsmodell ist. Die deutsche Küste entwickelt sich zum veritablen Energie-Drehkreuz für Mitteleuropa.
05.12.2023 15:18
Aktualisiert: 05.12.2023 15:18
Lesezeit: 2 min
LNG-Flüssiggas: Terminals als Lichtblick am deutschen Energie-Horizont
Ein Schiff fährt im Hafen Mukran auf der Insel Rügen ein. Die Firmen Regas und Gascade planen dort ein Terminal für Flüssig-Erdgas (LNG). (Foto: dpa) Foto: Stefan Sauer

So ist es der Bundesrepublik erst vor wenigen Tagen gelungen, ein umfangreiches Gasgeschäft mit Tschechien abzuschließen. Unser östliches Nachbarland hat sich demnach erhebliche Kapazitäten von zwei Milliarden Kubikmetern Erdgas im neu geplanten Flüssiggas-Terminal im niedersächsischen Stade, dem Hanseatic Energy Hub, gesichert, So soll mit Hilfe des LNG-Flüssiggases für die nächsten Jahre der Transformation der offenkundige Mangel an regenerativer Energie überbrückt werden.

Tschechien sichert sich Kapazitäten am Hub in Stade

Ein ganz erheblicher Teil der tschechischen Gasversorgung wird damit für die nächsten 15 Jahre über Deutschland abgewickelt - eine Vertragsverlängerung auf bis zu 25 Jahren ist optional möglich. Der liberalkonservative Ministerpräsident Petr Fiala äußerte sich zufrieden. Für sein Land ist dies „ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Energiesicherheit und Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland“.

Damit spricht vieles dafür, dass auch das geplante Erdgas-Terminal vor Mukran auf der Insel Rügen zum Einsatz kommt. Die Deutsche Umwelthilfe hatte mit Hinweis auf ein von ihr Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) beauftragtes Gutachten argumentiert, angesichts der gut gefüllten Speicherstände sei die Versorgung mit LNG ausreichend und das Mukran-Projekt entbehrlich. „Es gibt weder energiewirtschaftliche noch industriepolitische Argumente“, hieß es in der im September veröffentlichten DIW-Studie.

Versorgungskonzept geht über Deutschland hinaus

Wirtschaftsminister Robert Habeck verweist hingegen auf die günstige Netzanbindung im vorpommerschen Lubmin, wo bislang Nord Stream 1 und 2 anlanden. Vorhandene Leitungen erlaubten nur bedingt den Gastransport von West- nach Ostdeutschland. Die Infrastruktur im Norden und Westen des Landes sei ausgelastet. Einspeisekapazitäten im Osten fehlten bislang.

Mit dem Interesse Tschechiens an einem LNG-Transport über Deutschland hat sich die wirtschaftspolitische Gemengelage indessen nachhaltig verschoben. Ein Blick auf die Europa-Karte zeigt, wie die deutschen Küstenstandorte an Nord- und Ostsee sich strategisch in ein Versorgungskonzept einreihen, dass bis nach Griechenland reicht. Dies ermöglicht allmählich auch die letzten russischen Erdgas-Importe über die Turkstream-Pipeline nach Bulgarien und damit weiter bis nach Ungarn zu ersetzen und endlich die EU-Sanktionen durchzusetzen.

US-Studie: Importiertes LNG klimaschädlicher als Kohle

Das Argument des DIW-Wirtschaftswissenschaftlers Christian von Hirschhausen, der die Sorge vor einer Gasmangellage als rein hypothetisch einstuft und damit der Deutschen Umhilfe die Stichworte ihrer vermeintlichen „Gespenster-Debatte“ zuliefert. Bei dem Experten handelt es sich um den Bruder des bekannten Fernseh-Comedians Eckart von Hirschhausen.

Damit gibt es gewichtige Stimmen, die vor einem potenziellen LNG-Schock in Deutschland warnen. Markus Krebber, Vorstandschef des Energieversorgers RWE, vermisst ein hinreichendes „Puffersystem“ mit Reserven für die derzeit extrem kalten Temperaturen, an denen sich die Gasstände sichtbar zügig leeren.

Krebber befürchtet abgesehen von neuen Preisspitzen auch mit möglichen Unterbrechungen der Erdgasversorgung. Er rät Deutschland „trotz erheblicher Fortschritte“ dringend dazu, weiterhin konsequent in den Ausbau der Gas-Infrastruktur zu investieren. Auch der Chef des deutschen Energie-Versorgers Unier, Michael Lewis, pflichtet Krebber bei und spricht von volatile Turbulenzen, die die derzeitige Ruhe auf dem LNG-Markt stören könnten. Experten der deutschen Initiative Erdgasspeicher (INES) gehen davon aus, dass diese Lage mindestens bis 2027 anhält.

Umwelthilfe fordert strengere EU-Regeln für LNG

Gute Argumente trägt die Deutsche Umwelthilfe derweil bei ihrem Widerstand gegen den Bau weiterer Terminals mit Verweis auf eine neue Studie der New Yorker Cornell-Universität vor. Gemäß Studie ist importiertes Flüssiggas viel klimaschädlicher als das Verfeuern von Kohle. Der amerikanische Methan-Forscher Robert W. Howarth verweist darauf, dass es beim Fracking in den USA immer wieder zum unbeabsichtigten Ausweichen von Methan-Gas in die Umwelt kommt. Auch beim Weitertransport ließen sich Leckagen nicht völlig verhindern. Weil Methan ein besonders aggressives Treibhausgas ist, seien die Emissionen (selbst bei Nutzung modernster Schiffe und kurzen Transport-Routen) „um gut ein Viertel höher, als wenn Steinkohle verwendet würde", so die Berechnungen Howarths.

Die Umwelthilfe sieht dadurch den Handlungsdruck sowohl auf die Bundesregierung als auch die Europäische Union gestiegen. In Brüssel wird über schärfere Regeln für Methan-Emissionen aus der Öl- und Gaswirtschaft abgestimmt. Constantin Zerger, Leiter Energie und Klimaschutz bei der Umwelthilfe, fordert die Bundesregierung auf, in Brüssel „für eine ambitionierte Ausgestaltung der Methan-Verordnung“ zu sorgen. Entscheidend sei, dass Emissionen in der Lieferkette berücksichtigt und Gasnetzbetreiber „zu strengen Kontrollen verpflichtet“ werden. Dass Methan langfristig keine Alternative zu regenerativen Energien besteht, bleibt unbestritten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Finanzen
Finanzen 800 Milliarden Dollar für KI: Was passiert mit der Börse, wenn das größte Technologierennen langsamer wird?
04.10.2026

Die größten US-Techkonzerne investieren in diesem Jahr fast 800 Milliarden Dollar, vor allem in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur...

DWN
Politik
Politik „Auf dünnem Eis“: Weltenergie-Chef warnt, drei neue Schocks könnten Europas Preise in die Höhe treiben
04.10.2026

Europa könnte vor einem schwierigen Winter stehen. Nach Einschätzung von IEA-Chef Fatih Birol laufen gleich drei Faktoren aus, die die...

DWN
Panorama
Panorama Sie bezahlte ein Croissant mit Karte und tippte ihre PIN ins Trinkgeldfeld
04.10.2026

Ein gewöhnlicher Einkauf in einer Bäckerei am Bahnhof von Winterthur endete für eine Seniorin mit einer Abbuchung von rund 1.707 Euro....

DWN
Politik
Politik Bundesregierung sucht Erfolgsgeschichten: Klingbeils schwierige Mission
04.10.2026

Lars Klingbeil will zeigen, dass die milliardenschweren Investitionen der Bundesregierung inzwischen auf Baustellen oder in der Forschung...

DWN
Panorama
Panorama In Polen wächst die Zahl der Ultrareichen weltweit am schnellsten. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?
04.10.2026

In keinem anderen untersuchten Land ist die Zahl der Ultrareichen zuletzt so stark gestiegen wie in Polen. Dahinter stehen ein stärkerer...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Geleakter Prospekt enthüllt die Milliardenrisiken hinter Claude
03.10.2026

Anthropic gilt als einer der heißesten Kandidaten für den nächsten großen KI-Börsengang. Doch ein geleakter Prospekt zeigt, welchen...

DWN
Panorama
Panorama Notstromversorgung: Warum ein Generator im Ernstfall nicht reicht
03.10.2026

Ein Stromausfall von wenigen Minuten ist lästig. Dauert er mehrere Tage, kann er für Unternehmen existenzbedrohend werden. Erfahrungen...

DWN
Immobilien
Immobilien Hitzeschutz: So bewahren Sie auch ohne Klimaanlage einen kühlen Kopf 
03.10.2026

Deutschland hat einen der heißesten Sommer hinter sich - und es wird nicht der letzte gewesen sein. Um sich in Gegenwart und Zukunft gegen...