Finanzen

Wirtschaft warnt vor zu früher Zinssenkung

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing, geht auch im nächsten Jahr von einer stagnierenden Wirtschaft aus. Das Wachstum werde nahe Null liegen, so Sewing. Gleichzeitig warnt die Wirtschaft vor einer übereilten Senkung der Zinsen.
29.12.2023 13:10
Aktualisiert: 29.12.2023 13:10
Lesezeit: 2 min

Nach Angaben des Bankenverbands wird die deutsche Wirtschaft 2024 voraussichtlich stagnieren. „Wir erwarten, dass das Wirtschaftswachstum auch im nächsten Jahr nah an der Nulllinie liegen wird", sagte der Präsident des Bankenverbands und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank,, Christian Sewing, in einem Interview. Eine rasche und kräftige wirtschaftliche Erholung sei nicht in Sicht. Doch der private Konsum und die Investitionen könnten wieder anziehen, sollten „die wirtschaftlichen und geopolitischen Risiken im kommenden Jahr allmählich nachlassen und die Inflation weiter sinken“.

Sewing rechnet demnach mit einer Inflationsrate in Deutschland 2024 zwischen 2,5 und 3,0 Prozent. Der Rückgang der Inflationsrate werde sich in den kommenden Monaten allerdings verlangsamen. „Im Dezember und Januar könnte die jährliche Teuerungsrate sogar zeitweilig wieder steigen", sagte der Bankenverbandspräsident. Als Gründe nannte er das Ende der Gas- und Strompreisbremse sowie die Tatsache, dass in der Gastronomie wieder der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben werde.

Ende des Baubooms

Für die Baubranche sagte Sewing schwierige Zeiten voraus: „Der Bauboom der vergangenen Jahre ist zu Ende." Die in kurzer Zeit deutlich gestiegenen Zinsen und die schon seit längerem gestiegenen Baukosten wirkten sich spürbar auf die Baubranche aus. Die Kreditnachfrage bei Banken für Bau- und Sanierungsvorhaben sei deutlich zurückgegangen. Die Nachfrage nach Wohnraum sei jedoch weiterhin hoch: „Die Immobilienpreise dürften sich im Jahr 2024 stabilisieren und im Anschluss wieder anziehen."

Insgesamt zeigt sich die deutsche Wirtschaft bei der Frage nach Zinssenkungen zurückhaltend und warnt vor einer zu frühen Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB). „Von übereilten Senkungen sollte die EZB Abstand nehmen", sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters: „Erst wenn die Inflation sich nachhaltig auf einem niedrigen Niveau stabilisiert, kann Entwarnung gegeben werden und auch erst dann sollte sie ihre Leitzinsen senken." Die Bekämpfung der Inflation sei von zentraler Bedeutung. Denn stabile Preise schafften Verlässlichkeit und Planbarkeit. „Und dies nicht nur für die Bürger, sondern auch für die Unternehmen", sagte Jandura.

Warnung vor Inflation

Ähnlich sehen das die Familienunternehmer. „Bei hoher Inflation neigen alle Euro-Regierungen zu noch mehr wettbewerbsverzerrenden Subventionen und zu höheren Schulden", sagte deren Präsidentin Marie-Christine Ostermann. „Wenn die EZB also ihre Aufgabe der Inflationsbekämpfung ernst nimmt, ist das für den Mittelstand langfristig deutlich besser als eine zu frühe Zinssenkung."

Die EZB hat ihren Leitzins im Kampf gegen die Inflation auf das Rekordniveau von 4,5 Prozent hochgeschraubt - zuletzt aber zwei Mal in Folge die Zinsen nicht mehr geändert. Die Verbraucherpreise in der Währungsunion legten im November nur noch um 2,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu. Damit rückt die EZB-Zielmarke von zwei Prozent in Reichweite. An den Finanzmärkten wird daher teils schon für das kommende Frühjahr mit einer ersten Zinssenkung gerechnet. Dadurch könnten die Finanzierungskosten sinken, was die Wirtschaft ankurbeln dürfte.

„Wenn die Zinsen sinken, dürfte im Handwerk vor allem der Wohnungsbau profitieren, da die private Nachfrage nach Wohnbauten begünstigt werden dürfte", hieß es beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Auch das Investitionsklima im Handwerk sollte von geringeren Finanzierungskosten stimuliert werden.

Der Außenhandelsverband BGH sieht nicht primär die EZB, sondern die Politik in der Verantwortung, für mehr Wirtschaftswachstum zu sorgen. „Für die Belebung der Konjunktur und für mehr wirtschaftliche Dynamik liegt der Ball im Spielfeld der Politik", sagte BGA-Präsident Jandura. Die Unternehmen erwarteten von der Politik einen deutlichen Kurswechsel: Solide Finanzen, wirtschaftliche Impulse durch eine Modernisierung der Unternehmensbesteuerung, wirksamer und massiver Bürokratieabbau, bezahlbare Energiepreise und stabile Sozialversicherungsbeiträge.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Lohnabgaben in Deutschland: Warum nur wenig vom Bruttolohn bleibt
29.04.2026

Deutschland zählt im OECD-Vergleich zu den Ländern mit besonders hohen Abgaben auf Löhne, während steigende Sozialbeiträge den Abstand...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street schließt tiefer, da Schwäche im Tech-Sektor das Anlegervertrauen erschüttert
28.04.2026

Wachsende Unsicherheiten und unerwartete Wendungen halten die Finanzwelt in Atem – was Anleger jetzt über die aktuellen Marktbewegungen...

DWN
Technologie
Technologie USB-C wird Pflicht: EU zwingt Laptop-Hersteller zum neuen Standard
28.04.2026

Die EU schreibt USB-C ab heute als Pflichtanschluss für alle neuen Laptops vor und beendet damit eine jahrelange Übergangsphase. Für...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Atomaktien im Aufwind: Energiekrise setzt US-Börsen unter Druck
28.04.2026

Die US-Börsen stehen trotz geopolitischer Spannungen auf hohem Bewertungsniveau, während Atomaktien durch neue Sorgen um die...

DWN
Politik
Politik Richard Moore sieht globale Risiken: Spannungen setzen Europa unter Druck
28.04.2026

Die Aussagen von Ex-MI6-Chef Richard Moore zeichnen ein ungewöhnlich offenes Bild der aktuellen Weltlage zwischen Ukrainekrieg,...

DWN
Politik
Politik Vereinigte Arabische Emirate verlassen Opec
28.04.2026

Die massiven Einnahmen aus dem Ölexport haben den Emiraten über Jahrzehnte Macht und Wohlstand verschafft. Nun kündigen sie den Austritt...

DWN
Panorama
Panorama Weniger Zuckerbrot, mehr Peitsche: Regierung plant Zuckerabgabe und höhere Steuern
28.04.2026

Die Bundesregierung greift zu neuen Einnahmequellen und plant eine Zuckerabgabe – während Ausgaben und Schulden steigen. Gleichzeitig...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aldi Süd baut mehr als 1.200 Stellen ab
28.04.2026

Aldi Süd treibt den Umbau voran und streicht 1.250 Stellen – vor allem in der IT. Der Einschnitt zeigt, wie hart selbst Discounter...