Unternehmen

Bildungskrise bedroht Mittelstand

Fast 70 Prozent der mittelständischen Unternehmen haben 2023 einen Qualitätseinbruch bei Bewerbungen von Schulabgängern verzeichnet. Das geht aus einer Studie des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft (BVMW) hervor. Für den Mittelstand ist die mangelnde Qualifikation der Bewerber eine weitere schwere Belastung.
09.02.2024 09:24
Lesezeit: 4 min

„Ich freue mich unglaublich, dass Sie da sind." Mit diesen Worten eröffnete Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) am 14. März 2023 den Bildungsgipfel in Berlin. Warum die Freude der Ministerin so „unglaublich“ war, ist nicht bekannt. Schließlich saßen von den 16 Kultusministerinnen und -ministern nur zwei im Saal des Berliner Congress Centers: Astrid-Sabine Busse, die Berliner Bildungssenatorin und damalige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, und Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (beide SPD).

Es scheint, als sei die Hoffnung auf Veränderung, die im Titel des ersten Bildungsgipfels seit 2008 mitschwang („Chance Bildung“), bei den Bildungspolitikerinnen und -politikern der Länder auf taube Ohren gestoßen. Klar ist: Die Krise der deutschen Bildungspolitik hält auch im Jahr 2024 an, wie eine aktuelle Studie des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) zeigt.

Demnach befindet sich das Bildungsniveau der Bewerbungen von Schulabgängern im freien Fall. Fast 70 Prozent der vom BVMW befragten mittelständischen Unternehmen gaben an, dass 2023 die Qualität der Bewerberinnen und Bewerber, die gerade die Schule beendet haben, gesunken sei. „Das Ergebnis der Umfrage ist erschreckend und zeigt, dass die Anstrengungen, die Schul- und Ausbildungsqualität in Deutschland zu steigern, nicht ausreichend sind, um einen dringend benötigten Qualitätsschub in der Bildung zu erreichen“, warnt BVMW-Chef Christoph Ahlhaus.

Veraltete Ausbildung, katastrophale Infrastruktur

Das Problem ist nicht neu. Seit Jahren kritisieren Unternehmen die mangelnden Grundkenntnisse des Nachwuchses, vor allem in Mathematik und Rechtschreibung, die eine betriebliche Ausbildung erschweren oder gar unmöglich machen.

Für Martin Wortmann, Generalsekretär der Allianz für Bildung, eine Initiative des BVMW für eine Qualitätswende in der Bildungspolitik, sind die Studienergebnisse ein Beleg dafür, dass sich das deutsche Bildungssystem in einem Ausnahmezustand befindet. „Die Leistungen der Schüler sinken, die Ausbildung von Fachkräften ist zunehmend veraltet, die Verbindung von Wirtschaft und Schule ist schlecht und der Zustand der Bildungsinfrastruktur katastrophal", kritisiert Wortmann in den DWN: „Das ist nicht nur eine Tragödie für jeden einzelnen Schüler, sondern auch eine massive Gefahr für die Wirtschaft und den Wohlstand unseres Landes.“

Mit dieser Einschätzung ist Bildungsexperte Wortmann nicht allein, denn sie betrifft in gleichem Maße allgemeinbildende Schulen und berufsbildende Schulen. So bewerten im Ausbildungsreport 2023 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) fast vier von zehn Auszubildenden die digitale Ausstattung ihrer Berufsschule mit „ausreichend“ oder „mangelhaft“. Nur jeder Dritte fühle sich „gut“ oder gar „sehr gut“ auf die Nutzung digitaler Medien vorbereitet.

„Deutsches Schulsystem ist von der Realität abgekoppelt“

Zudem zeigen Studien wie der Jahresmonitor 2022 der Stiftung Familienunternehmen, dass das mangelhafte Ausbildungsniveau in direktem Zusammenhang mit der sinkenden Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen stehe.

Eine Ursache dafür sieht Bildungsallianz-Chef Wortmann in der Abkoppelung des deutschen Schulsystems von den Realitäten seines Umfelds, was dieser auf die Trägheit der Bildungspolitik zurückführt: „Unsere Gesellschaft befindet sich in einem beschleunigten Wandel. Technologische Entwicklungen verändern Kommunikation, kulturelle Rahmenbedingungen und Rollenverständnisse. Die Gatekeeper-Funktion der Lehrerinnen und Lehrer geht zunehmend verloren, da die Schülerinnen und Schüler digitale Medien nutzen und sich je nach sozialem Hintergrund dem direkten Einfluss der Schule entziehen“.

Für den Bildungsexperten hängen die anhaltende Rezession und die sinkende Produktivität und Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen deshalb direkt mit den Bildungs- und Ausbildungsproblemen hierzulande zusammen: „Wer weniger weiß und weniger kann, ist auch weniger in der Lage, bewusst Risiken einzugehen, Neues zu schaffen und innovative Lösungen für den Zukunftserfolg der deutschen Wirtschaft zu entwickeln.“

Gesunkene Leistungsbereitschaft bei Schulabgängern

Auf der anderen Seite registrieren Unternehmen und Ausbildungsbetriebe, dass sich die Erwartungshaltung potenzieller Auszubildender und Bewerber/innen in den letzten Jahren stark verändert hat. „Nicht nur die Leistungen sind gesunken, auch die Leistungs- und Risikobereitschaft nimmt immer mehr ab, mit weniger Verpflichtungen gegenüber dem Arbeitgeber, aber mehr beruflicher Sicherheit“, kritisiert Wortmann. Er warnt davor, dass diese Verschiebung der Werte sich negativ auf die Arbeits- und Innovationsmilieus in den Unternehmen auswirken werde. Das beeinträchtige die Kreativität, Lösungsorientierung und Risikobereitschaft der Firmen, was wiederum deren Wettbewerbsfähigkeit untergrabe.

„Die Folgen sind ein direkter Einfluss auf die Leistungserbringung, Bewältigung von Unsicherheit und Problemlösung, auf reflektiertes Denken sowie Kreativität und Innovationsfähigkeit“, fasst Wortmann den Status Quo zusammen. „Sollte sich dieser Trend fortsetzen, werden Wertschöpfungsprozesse und Wettbewerbsfähigkeit abgebaut.“ Die benötigte Produktivitätssteigerung würde ausbleiben, der Wohlstandsverlust für unsere Gesellschaft wäre vorprogrammiert.

Neuer Bildungspakt soll Besserung schaffen

Das Grundproblem der beruflichen Bildung sei ihre reine fachliche Ausrichtung und überzogene Lehrpläne, so der Experte. Zudem mangele es an Allgemeinbildung und reflektiertem Arbeiten, was wiederum unmittelbaren Einfluss auf die innovativen Milieus in den Unternehmen habe. Dabei sollen gerade die Berufsschulen die Innovationsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland sichern und ausbauen.

Ein neues Bildungsbündnis soll nun dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen. Der bundesweite Pakt für berufliche Schulen soll nach Informationen des Handelsblatts im Frühsommer dieses Jahres Realität werden. Unter Federführung von Kultusministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) und der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Christiane Streichert-Clivot (SPD), soll das Bündnis die Mängel der Berufsschulen in den Bereichen Digitalisierung, Ausbildung und Gewinnung von Fach- und Lehrkräften angehen – ohne einen zusätzlichen Euro des Bundes.

Bereits 1960 wurde in Deutschland der Bildungsnotstand ausgerufen. Für Bildungsexperte Wortmann liegt die Verantwortung für die Misere deshalb bei Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen. Bildungspolitik ist im Wesentlichen Ländersache, mit Ausnahme der Bereiche Forschung und berufliche Bildung. Der Bund könne lediglich flankierende Maßnahmen wie den Digitalpakt oder den nun angekündigten Berufsschulpakt auf den Weg bringen und versuchen, einen politischen Konsens mit den Ländern zu finden.

„Allerdings“, so Wortmann, „ist die Kultusministerkonferenz jetzt in der Pflicht zu Liefern.“

Ob diese ihrer Verantwortung mit dem jetzt angekündigten Berufsschulpakt allerdings gerecht wird, bleibt abzuwarten. Schließlich laufen bereits seit Ende 2022 die Verhandlungen über eine Nachfolgeregelung für den Mitte Mai auslaufenden Digitalpakt Schule.

Nationaler Bildungsaufbruch gefordert

Grundsätzlich sollten alle Beteiligten aufeinander zugehen und die Kultusministerkonferenz ihr Motto „Einheit in Vielfalt“ endlich ernst nehmen und das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern gelockert werden, so Bildungsexperte Wortmann. „Außerdem brauchen die Lehrkräfte mehr Gestaltungsspielraum und Eigenverantwortung vor Ort, mehr Partnerschaften mit der Wirtschaft, gegenseitiges Verständnis und vertrauensbildende Maßnahmen.“

Die Bildungsallianz des BVMW schlägt deshalb eine bundesweite Initiative vor, um Austauschforen zu etablieren, die dazu dienen, die Verbindung zwischen Schule und Wirtschaft zu stärken und gegenseitiges Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von Schulsystem und Mittelstand zu schaffen. „Unser Ziel ist es, die Zukunftschancen unserer Schüler und damit unserer Gesellschaft zu sichern. Wir brauchen einen nationalen Bildungsaufbruch“, so Wortmann.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Der moderne CEO: Warum klassische Karrierewege nicht mehr ausreichen
06.04.2026

Immer mehr Vorstandschefs großer Konzerne werden ausgewechselt, während sich zugleich die Anforderungen an die Rolle deutlich...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung: Welche Hilfe das Finanzamt wirklich leisten darf
06.04.2026

Das Finanzamt gilt für viele als erste Anlaufstelle bei Steuerfragen. Doch nicht jede Antwort ist erlaubt oder verbindlich. Welche Hilfe...

DWN
Technologie
Technologie KI im E-Learning: Wie ChatGPT Kursanbieter entlarvt
06.04.2026

Was früher niemand las, prüft heute eine Maschine in Sekunden. Kunden lassen Verträge, E-Books und Onlinekurse von KI analysieren und...

DWN
Panorama
Panorama Die unsichtbaren Schatzkammern der Welt: 10 Rohstoffquellen unter dem Radar
06.04.2026

Rohstoffe sind zurück im Zentrum der Weltpolitik – doch die größten Konflikte entstehen nicht in Venezuela, Iran oder China. Tiefsee,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektrischer Mercedes GLC: Preise, Technik und Reichweite im Überblick
06.04.2026

Mit dem elektrischen GLC will Mercedes den Umstieg in die Elektromobilität attraktiver machen und kombiniert moderne Technik mit...

DWN
Politik
Politik AfD-Erfolg im Westen: Trotz Skandalen ist die Partei auf dem Vormarsch
06.04.2026

Trotz Vetternwirtschaftsdebatten, Extremismus-Vorwürfen und interner Konflikte gewinnt die AfD weiter an Zustimmung, auch im Westen. Das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Techpreise steigen: Günstige PCs und Smartphones vor dem Aus
06.04.2026

Günstige Technik verschwindet schleichend aus dem Markt. Chipmangel, geopolitische Krisen und der KI-Boom treiben die Preise nach oben....

DWN
Politik
Politik Ehegattensplitting vorm Aus? "Fiktives Realsplitting": Institution Ehe soll tiefgreifend verändert werden
05.04.2026

Beim Ehegattensplitting wird das Einkommen beider Ehe- oder Lebenspartner gemeinsam versteuert, was sich lohnt, wenn einer deutlich weniger...