Unternehmen

25 Jahre Thyssenkrupp: Ein Konzern im Dauerumbruch

1999 gingen die Stahl- und Industriekonzerne Thyssen und Krupp-Hoesch zusammen. Damals ging es um bessere Zukunftsaussichten. Das Thema hat nichts an Aktualität verloren.
17.03.2024 10:28
Lesezeit: 3 min

Mit dem Versuch einer «feindlichen Übernahme» fängt es an: Am Abend des 17. März 1997 wird bekannt, dass der Stahlkonzern Krupp-Hoesch den Branchenprimus Thyssen übernehmen will. Das Thyssen-Management selbst macht dies öffentlich - und lässt keinen Zweifel an seiner Ablehnung: Es handele sich um einen «unbegreiflichen Vorgang». Von «Wildwestmanieren», die völlig inakzeptabel seien, ist die Rede. Nach einigen Wendungen und Hindernissen kommt es anders: Exakt zwei Jahre später wird die fusionierte Thyssen Krupp AG ins Handelsregister eingetragen.

Eierwerfen gegen den Krupp-Chef

Die Pläne sorgen zunächst für heftige Proteste. Zehntausende Arbeitsplätze seien durch eine Fusion gefährdet, schreibt der Thyssen-Vorstand am Folgetag in einem Brief an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Tausende Stahlarbeiter beider Unternehmen machen sich daraufhin auf nach Essen zur Krupp-Konzernzentrale. Krupp-Chef Gerhard Cromme spricht dagegen von «reiner Panikmache» - und wird von aufgebrachten Arbeitern mit Eiern beworfen. «Wir lassen uns nicht verramschen», sagt ein Gewerkschafter. «Es geht nicht um die Geldbörse oder Almosen, sondern schlicht um unsern Arsch.» Thyssen-Chef Dieter Vogel will zunächst nicht mit Cromme sprechen.

Die Politik ist alarmiert: Eine für diesen Tag angesetzte gemeinsame Kabinettssitzung der Regierungen von Brandenburg und Nordrhein-Westfalen wird kurzerhand abgeblasen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau erklärt, die Landesregierung könne «eine solche feindliche Übernahme keinesfalls billigen». Bundeskanzler Helmut Kohl fordert einige Tage später die Führung beider Unternehmen auf, eine Lösung im Interesse der Beschäftigten und des wirtschaftlichen und sozialen Klimas im Lande zu finden. Auch an den folgenden Tagen protestieren zahlreiche Beschäftigte und organisieren Mahnwachen.

Betriebsrat: Arbeitskampf ebnete Weg

Die Konzerne finden dann doch zueinander. In einem ersten Schritt schließen sich die unter Absatzschwierigkeiten leidenden Stahlsparten, später dann die Gesamtkonzerne zusammen. Die Arbeitnehmervertreter hätten dabei eine wichtige Rolle gespielt, betont der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Tekin Nasikkol. «Unser Arbeitskampf und unsere Solidarität haben den Weg zu einer freundlichen Fusion geebnet», erklärte er anlässlich des Jahrestages.

Nach Beschwerden mehrerer Aktionäre kann die Fusion erst ein halbes Jahr nach Unterzeichnung des Verschmelzungsvertrags tatsächlich ins Handelsregister eingetragen werden - rückwirkend zum 1. Oktober 1998. Der neue Konzern geht mit 174.600 Beschäftigten und einem Umsatz von 67 Milliarden Mark (34 Milliarden Euro) an den Start. Nach der Fusion steht zweieinhalb Jahre lang eine Doppelspitze aus Cromme und Thyssen-Manager Ekkehard Schulz an der Spitze des Konzerns. Nach einem Wechsel Crommes an die Spitze des Aufsichtsrats steht Stahlexperte Schulz allein am Ruder.

Aufzuggeschäft verkauft

Seitdem ist viel geschehen, vor allem in der stark konjunkturabhängigen Stahlsparte: Börsenpläne dieser Sparte werden wieder abgesagt, Fehlinvestitionen in neue Stahlwerke in Brasilien und den USA kosten Milliarden. Eine Fusion der Stahlsparte mit dem indischen Konkurrenten Tata scheitert. Später wird ein geplanter Verkauf an Liberty Steel abgesagt. Luft verschafft sich Thyssenkrupp 2020 mit dem Verkauf der Aufzugsparte mit mehr als 50 000 Beschäftigten. Der Konzern erhält dafür mehr als 17 Milliarden Euro.

Derzeit ist der Konzern auch in den Sparten Autoteile, Werkstoffe, Militärschiffbau und neuerdings Dekarbonisierungs-Technologien tätig. Die Sparten Stahl und Militärschiffbau sollen verselbstständigt werden. Die Stahlherstellung soll gleichzeitig in Richtung Klimaneutralität umgebaut werden. Dazu sollen die klassischen Hochöfen nach und nach durch umweltfreundlichere Anlagen ersetzt werden. Darin soll klimaneutral erzeugter Wasserstoff zum Einsatz kommen und nicht mehr Koks.

Grüne Transformation

In der neuen Sparte «Decarbon Technologies» hat Thyssenkrupp seine Technologien zur CO2-Verringerung gebündelt, etwa den Anlagenbauer Nucera, der Elektrolyseure für die Wasserstoff-Produktion anbietet. Thyssenkrupp setzt große Hoffnungen auf das Thema Klimaneutralität: «Mit dem klimaneutralen Umbau der globalen Industrie richten wir das Unternehmen auf klimafreundliche Technologien aus und machen Thyssenkrupp zum Wegbereiter der grünen Transformation», erklärt Konzernchef Miguel López auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Größte Einzelaktionärin des Konzerns ist nach wie vor die Krupp-Stiftung mit einem Anteilsbesitz von rund 21 Prozent. Das Unternehmen ist im Börsensegment MDax notiert. Im Geschäftsjahr 2022/2023 lag der Umsatz bei 37,5 Milliarden Euro.

«Wieder in die Spur bringen»

López leitet seit Juni die Geschicke des Konzerns, der vor allem wegen der Konjunkturschwäche unter großem Druck steht. Der Manager will den Konzern «wieder in die Spur bringen» und für profitables Wachstum sorgen. «Wir müssen Ihnen in Zukunft wieder mehr bieten als eine minimale Rendite und einen unbefriedigenden Aktienkurs», sagte er Anfang Februar den Aktionären bei der Hauptversammlung.

Die Zukunft der unter Absatz- und Preisdruck stehenden Stahlsparte steht wieder im Fokus. Von den derzeit 100 000 Konzernbeschäftigten arbeiten 27 000 in der Stahlsparte, davon allein rund 13 000 in Duisburg. Stahl-Aufsichtsratschef Sigmar Gabriel hatte neulich in einem Interview der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung» für Mitte April Vorschläge des Vorstands für eine grundlegende Neustrukturierung angekündigt. Hintergrund seien dauerhafte Absatzrückgänge. Bei Kapazitätsanpassungen könne auch ein Beschäftigungsabbau nicht ausgeschlossen werden.

IG Metall und Betriebsrat sind skeptisch. Den angekündigten Plan des Vorstands werde man «sehr genau unter die Lupe nehmen – sehr sorgfältig und kritisch», hieß es neulich in einem Flugblatt. Man wolle nicht zuschauen, «wie Stahl klein geschrumpft oder kaputtsaniert» werde. Am 30. April soll es eine gemeinsame Betriebsversammlung aller Stahlstandorte in Duisburg geben. (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

 

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wertvollste Marken 2026: Apple ist auf Platz eins, Tesla hat am meisten verloren
07.11.2026

Welche Unternehmen führen das Ranking der wertvollsten Marken 2026 an, welche gewinnen besonders stark und welche verlieren an Bedeutung?...

DWN
Politik
Politik Alterssicherung: Wie viele Ältere nutzen die umstrittene Frührente?
07.11.2026

Die meisten Menschen gehen laut einer neuen Untersuchung früher in Rente. Wie lange das noch in heutiger Form möglich ist, ist in der...

DWN
Politik
Politik Klimapolitik: Zehn Jahre Pariser Klimaabkommen – "unbeherrschbare Zukunft"
07.11.2026

Eigentlich gibt es einen Plan, um die Krise in den Griff zu bekommen: das Pariser Klimaabkommen, das nun seit zehn Jahren in Kraft ist....

DWN
Finanzen
Finanzen Brutale Woche für Tech-Branche endet mit kurzer Verschnaufpause, doch KI-Zweifel bleiben
06.11.2026

Erfahren Sie, wie Schnäppchenjäger die Märkte kurzzeitig stabilisieren und welche unberechenbaren Risiken die Börsen weiterhin bedrohen.

DWN
Politik
Politik Schweden bestätigt Taurus-Lieferung: Marschflugkörper erreicht mehr als 500 Kilometer
06.11.2026

Schweden hat erstmals bestätigt, bereits Taurus-Marschflugkörper erhalten zu haben. Die Waffe kann Ziele in mehr als 500 Kilometern...

DWN
Politik
Politik Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier: Union und SPD für Ilse Aigner als Bundespräsidentin
06.11.2026

Ein Versorgungsposten zwischen den Unionsparteien und der SPD? Es herrscht anscheinend Einigung zwischen Union und SPD, dass Aigner...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt West Transport: Mit 22 Lastwagen gegen die Krise der Transportbranche
06.11.2026

Die Transportbranche kämpft mit steigenden Kosten, Fahrermangel und wachsendem Wettbewerbsdruck. Doch ein kleines Familienunternehmen aus...

DWN
Finanzen
Finanzen Gold vs. Bitcoin: Welcher Vermögenswert schützt in der Krise?
06.11.2026

Ende August bewegten sich Bitcoin und Gold so stark im Gleichlauf wie seit fast sechs Jahren nicht mehr. Dr. André Dragosch, Head of...