Wirtschaft

Die versteckten Kosten der Globalisierungsverlangsamung

Die Entstehung eines offenen multilateralen Handelssystems, das den Handel von der Geopolitik trennte, spielte eine entscheidende Rolle als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit. Doch angesichts einer zunehmend durch geopolitische Überlegungen geprägten Handelspolitik zeichnet sich nun ein neues Paradigma ab.
Autor
avtor
14.04.2024 11:51
Lesezeit: 3 min

Dieser Trend begann mit den vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump 2018 verhängten Zöllen auf chinesische Importe, die die Regierung von Präsident Joe Biden beibehalten hat und die China veranlasst haben, seinerseits Zölle auf Importe aus den USA zu verhängen. Die G7-Länder und die Europäische Union verhängten nach dem Einmarsch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine dann 2022 weitreichende Wirtschaftssanktionen gegen Russland, die den Export nach Russland und die Einfuhr russischer Waren faktisch verboten.

Statt zu einem von vielen erwarteten Rückgang des Welthandels jedoch führten diese Handelsbarrieren und Beschränkungen lediglich zu einer Verlangsamung der Globalisierung. Bemerkenswerterweise erreichte der Anteil des Handels am BIP trotz des Kriegs in der Ukraine und der Störungen der Lieferketten der Vorjahre 2022 einen Rekordwert. Dies unterstreicht die Widerstandsfähigkeit des internationalen Handelssystems. Tatsächlich lässt sich der Kostenanstieg bei Containerfracht seit 2022 auf einen unerwarteten Anstieg der Menge an weltweit verschifften Waren zurückführen.

Geopolitische Spannungen und ihre Auswirkungen auf den Handel

Es mag also verführerisch sein, zu argumentieren, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen geopolitisch motivierter Maßnahmen bisher zu vernachlässigen waren. Doch kann das Bild der Resilienz des Welthandels irreführend sein. Auch wenn die jüngsten Handelsbarrieren zu höheren Handelsvolumina führten, sind viele mit beträchtlichen Kosten verbunden.

Auf den ersten Blick mag die Vorstellung, dass ein Zoll den Handel steigern kann, paradox erscheinen. Doch richteten sich fast alle von den USA seit 2018 verhängten Zölle und Handelsbeschränkungen speziell gegen China und ließen die Importe aus anderen Ländern unberührt. Entsprechend sind die Importe aus China steil zurückgegangen, während sich die Importe aus Ländern wie Vietnam erhöhten. Viele in die USA verschiffte Konsumprodukte werden heute in Vietnam und anderen südostasiatischen Ländern zusammengebaut.

Doch sind diese Importe nach wie vor auf Vorprodukte aus China angewiesen. Entsprechend sind die Handelsvolumina gewachsen, denn während die US-Importe von Konsumgütern aus Asien gleich hoch geblieben sind, haben sich Chinas Exporte von Vorprodukten in seine asiatischen Nachbarländer erhöht. In ähnlicher Weise hat Mexiko China als führender Exporteur von Waren in die USA überholt, doch seine eigenen Importe aus China sind seit 2018 um fast 40 Prozent gestiegen.

Der Markt für Elektrofahrzeuge zeigt, wie diskriminierende Praktiken den Handel ankurbeln können. Die US-Zölle auf chinesische Elektrofahrzeuge betragen fast 30 Prozent, und die US-Bestimmungen schließen Elektrofahrzeuge, die von sogenannten „Entities of Concern“ [in etwa: „bedenkliche Unternehmen“] produzierte oder montierte Komponenten enthalten, von Steuererleichterungen aus. Das versperrt chinesischen Herstellern faktisch den Zugang zum US-Markt.

Europäische Elektrofahrzeuge dagegen unterliegen einem deutlich niedrigeren Zoll von 2,5 Prozent und sind bei Leasing-Verträgen im Rahmen des Inflation Reduction Act für eine Subvention in Höhe von 7.500 Dollar qualifiziert. Entsprechend haben sich die Exporte chinesischer Elektrofahrzeuge auf Europa verlagert, während die europäischen Autohersteller in den USA erfolgreich sind.

Die Rolle der EU im neuen Handelsumfeld

In der EU vollzieht sich derzeit ein ähnlicher Wandel. Im Gefolge der westlichen Sanktionen gegenüber Russland sind die europäischen Exporte in die Türkei und in zentralasiatische Länder wie Kasachstan und Kirgisistan steil gestiegen. Zugleich sind die Handelsvolumina zwischen diesen Ländern und Russland in die Höhe geschossen.

Diese Methoden zur Umgehung von Sanktionen oder diskriminierenden Zöllen erhöhen die Produktions- und Logistikkosten, weil die Waren nun in Mittlerländer versandt werden müssen, bevor sie beispielsweise in die USA transportiert werden. Sanktionen und diskriminierende Zölle können daher den Handel ankurbeln und zugleich den Wohlstand verringern.

Diese schädlichen Folgen unterstreichen die Bedeutung des „Meistbegünstigungsprinzips“, das seit langem den Eckstein des Welthandelssystems bildet. Die gemeinsamen Bemühungen zur Handelsliberalisierung – erst durch das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) und dann durch die Welthandelsorganisation – erhöhten dank ihres diskriminierungsfreien Ansatzes die Handelsvolumina und den Wohlstand insgesamt. Die heutigen geopolitisch bedingten diskriminierenden Zölle und Handelsbarrieren dagegen richten sich ausdrücklich gegen bestimmte, als feindselig oder als potenzielle Bedrohung eingestufte Länder.

Die Zukunft des Welthandels: Wege zur Stärkung der Resilienz

Wer zahlt den Preis dafür? Die Wirtschaftstheorie (und der gesunde Menschenverstand) geben darauf eine eindeutige Antwort: Länder, die diskriminierende Handelsbeschränkungen verhängen, tragen letztlich die Kosten, während die übrige Welt profitiert. Folglich leiden die USA und China unter ihrem Handelskrieg, während Vietnam und Mexiko durch ihre Mittlerrolle profitieren. In ähnlicher Weise profitieren die Türkei und die zentralasiatischen Länder von den Sanktionen gegen Russland, während die EU die Zeche zahlt.

Diese Kosten-Nutzen-Verteilung hilft, den begrenzten internationalen Widerstand gegen Trumps Chinazölle zu erklären. Schließlich haben die EU, Mexiko oder Vietnam kaum Anreize, gegen eine US-Politik zu protestieren, von der ihre eigene Industrie profitiert. Folglich ist es unwahrscheinlich, dass internationaler Druck Großmächte wie die USA oder China abhält, geopolitischen Strategien Vorrang vor der Handelsliberalisierung einzuräumen. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, ist es wichtig, bei führenden Politikern ein Bewusstsein für die negativen Folgen von Handelsbarrieren zu wecken.

Als offenste und geopolitisch am wenigsten ehrgeizige bedeutende Wirtschaftsmacht dürfte die EU dies vermutlich als Erste erkennen. Doch für die USA und China geht es um viel mehr. Die USA haben am meisten zu verlieren, wenn sie ihren Handelskrieg mit China fortsetzen. Um ein derartiges Ergebnis zu verhindern, müssen sie Kurs wechseln und zu den diskriminierungsfreien Prinzipien zurückkehren, die lange Zeit die Grundlage der Welthandelspolitik bildeten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Daniel Gros

                                                                            ***

Daniel Gros ist Direktor des europapolitischen Instituts der Università Commerciale Luigi Bocconi.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Opel-Chef Florian Huettl: Kann sein leiser Kurs die Traditionsmarke retten?
18.07.2026

Andere Automanager inszenieren sich, Florian Huettl hört lieber Kunden und Händlern zu. Der Opel-Chef soll eine deutsche Traditionsmarke...

DWN
Technologie
Technologie CATL: Europa baut Ladestationen, China Batteriewechselstationen
18.07.2026

Das chinesische Unternehmen CATL will bis 2030 80 Prozent des chinesischen Güterverkehrs mit einem Netz von Batteriewechselstationen...

DWN
Finanzen
Finanzen Experten-Interview: Wein ist eine interessante alternative Investition – vor allem auf lange Sicht
18.07.2026

Wein kann als alternative Geldanlage interessant sein, besonders über längere Zeiträume. Entscheidend sind Herkunft, Lagerung,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Škoda Peaq im Test: Wenn die Reichweite ihrem Namen alle Ehre macht
18.07.2026

Mit dem Škoda Peaq stellt die Marke ihr bislang größtes Elektroauto vor. Der SUV setzt auf hohe Reichweite, viel Innenraum, starke...

DWN
Finanzen
Finanzen Euro-Stablecoins: Wie Europa die Kontrolle über seine Währung verlieren könnte
18.07.2026

Der Euro ist die zweitwichtigste Währung der Welt, doch in der digitalen Finanzwelt spielt er bislang kaum eine Rolle. Während nahezu...

DWN
Politik
Politik NATO-Verteidigungsausgaben: Wer für das neue Fünf-Prozent-Ziel zahlt
18.07.2026

Die NATO rüstet auf wie seit Jahrzehnten nicht mehr, doch zwischen den Mitgliedstaaten liegen Welten. Während Polen und die baltischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Das Maschinenherz Deutschlands kommt zum Stillstand: Das Problem ist größer als in der Automobilbranche
18.07.2026

In den meisten Ländern der Europäischen Union wächst die Maschinenproduktion dank einer Investitionswelle. Nicht so in Deutschland. Der...

DWN
Finanzen
Finanzen Marktbericht: „Böse Überraschung“, während der KI-Ausverkauf anhält
17.07.2026

Turbulenzen an den Märkten: Erfahren Sie, welche Kräfte den Technologiesektor jetzt bewegen und wie Experten die Lage einschätzen.