Finanzen

Volkswirt: Die Phase hoher Inflation ist beendet

Sinkende Preise bei Nahrung und Energie bringen Erleichterung: Inflationsrate auf tiefstem Stand seit Jahren. Was bedeutet das für die Kaufkraft?
12.04.2024 07:39
Aktualisiert: 12.04.2024 12:53
Lesezeit: 2 min

Billigere Nahrungsmittel und gesunkene Energiepreise machen Verbraucherinnen und Verbrauchern in Deutschland nach den vergangenen Preissprüngen Hoffnung. Im März sank die Inflationsrate auf 2,2 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit rund drei Jahren.

Das Statistische Bundesamt bestätigte vorläufige Daten. „Die Preissituation bei Energie und Nahrungsmitteln dämpfte die Inflationsrate bereits im zweiten Monat in Folge“, erläuterte Behördenchefin Ruth Brand. „Im März 2024 waren Nahrungsmittel für Verbraucherinnen und Verbraucher erstmals seit Februar 2015 günstiger als ein Jahr zuvor.“

Die Teuerungsrate insgesamt war im März so niedrig wie zuletzt im Mai 2021 mit damals ebenfalls 2,2 Prozent. Niedriger war der Wert davor im April 2021 mit 2,0 Prozent. Im Februar des laufenden Jahres hatte die Inflation noch bei 2,5 Prozent und im Januar bei 2,9 Prozent gelegen. Die große Inflationswelle ist nach Einschätzung von Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater vorbei. „Die regelrechte Inflationspanik, die in Teilen der Bevölkerung durchaus zu Recht herrschte, liegt hinter uns“, sagte der Ökonom der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX jüngst.

Einige Nahrungsmittel sogar günstiger

Für Nahrungsmittel zahlten die Menschen im März 0,7 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Vor allem frisches Gemüse (minus 20,1 Prozent) und Molkereiprodukte (minus 5,5 Prozent) wurden günstiger. Teurer binnen Jahresfrist wurden unter anderem Zucker, Marmelade, Honig und anderen Süßwaren (plus 8,4 Prozent) sowie Obst (plus 4,2 Prozent).

Energie verbilligte sich trotz der zu Jahresanfang ausgelaufenen Energie-Preisbremsen und der Anhebung des CO2-Preises auf 45 Euro je Tonne Kohlendioxid (CO2) um 2,7 Prozent. Günstiger waren unter anderem Erdgas (minus 9,2 Prozent) und Strom (minus 8,1 Prozent). Fernwärme kostetet dagegen 20,6 Prozent mehr.

Dienstleistungen verteuerten sich um 3,7 Prozent. Deutlich mehr als ein Jahr zuvor mussten Verbraucherinnen und Verbraucher unter anderem für Versicherungen (plus 11,0 Prozent) zahlen. Der Gaststätten-Besuch kostete 6,9 Prozent mehr. Seit dem 1. Januar 2024 gilt für Speisen in der Gastronomie wieder der reguläre Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent.

Gegenüber dem Vormonat Februar stiegen die Verbraucherpreise im März um 0,4 Prozent.

Abschwächung der Inflation erwartet

Im Jahresschnitt erwarten führende Wirtschaftsforschungsinstitute eine deutliche Abschwächung der Inflation auf 2,3 Prozent nach 5,9 Prozent im vergangenen Jahr. Auf den letzten Metern könnte es allerdings noch holprig werden, sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib unlängst. „Schon im April ist durch das Ende der Mehrwertsteuerabsenkung mit einem Preisschub bei der Gas- und Wärmeversorgung zu rechnen.“

Höhere Teuerungsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern. Die Menschen können sich für einen Euro weniger leisten. Im vergangenen Jahr setzten viele Verbraucher daher den Rotstift an. Der Privatkonsum fiel als wichtige Konjunkturstütze aus.

Zinssenkung im Euroraum im Sommer erwartet

Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt für den Euroraum und Deutschland mittelfristig Preisstabilität bei einer Teuerungsrate von zwei Prozent an. Nach einer Serie von Zinserhöhungen im Kampf gegen die zeitweise hohe Inflation rechnen Volkswirte allgemein mit einer Senkung der Zinsen im Juni. Höhere Zinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage bremsen und hohen Inflationsraten entgegenwirken kann. Teurere Finanzierungen sind aber zugleich eine Last für Unternehmen und private Investoren.

Im März lag der sogenannte HVPI, den die EZB für ihre Geldpolitik heranzieht, in Deutschland bei 2,3 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. HVPI steht für Harmonisierter Verbraucherpreisindex und dient dazu, Preisänderungen in der Eurozone international vergleichbar zu machen

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie Jede siebte Firma lässt KI Arbeitszeugnisse schreiben
19.08.2026

Künstliche Intelligenz schreibt längst nicht mehr nur Texte – sie erstellt inzwischen auch Arbeitszeugnisse und unterstützt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IW: Deutschland müsste fünfmal produktiver werden, um den Wohlstand zu erhalten
19.08.2026

Deutschlands Produktivitätswachstum reicht laut IW nicht mehr aus, um den Wohlstand zu sichern. Der demografische Wandel verschärft den...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Nvidia, Marvell und Micron ziehen Wall Street nach unten
18.08.2026

Spannung an der Wall Street: Warum sich das Blatt für Anleger jetzt wenden könnte.

DWN
Finanzen
Finanzen Echtzeit-Bezahldienst Wero: Gelingt Europas Angriff auf PayPal & Co.?
18.08.2026

Jahrelang haben US-Konzerne den digitalen Zahlungsverkehr in Europa geprägt – jetzt wollen Europas Banken die Kontrolle zurückgewinnen,...

DWN
Finanzen
Finanzen Euribor auf höchstem Stand seit fast zwei Jahren, der Markt erwartet weiteren Anstieg
18.08.2026

Der sechsmonatige Euribor ist auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahren gestiegen. Für Kreditnehmer mit variabler Verzinsung und neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ferrari Luce: Erst verspottet, jetzt reißen sich Käufer um den Elektro-Ferrari
18.08.2026

Der Ferrari Luce provozierte Fans, verunsicherte Anleger und ließ Zweifel an Ferraris Elektrostrategie wachsen. Nun ist das Verkaufsziel...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsbau legt zu: Stärkster Halbjahresanstieg seit 2016
18.08.2026

Die Baugenehmigungen steigen so stark wie seit Jahren nicht mehr – doch vom Ende der Wohnungsnot kann keine Rede sein. Warum der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dürre ohne Panik: Warum Trockenheit kein Freibrief für allgemeine Preissteigerungen ist
18.08.2026

Fünf Gründe, warum niedrige Flüsse und trockene Felder nicht zu einem neuen Inflationsschock werden dürfen.