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Kommentar

Der Chefredakteur kommentiert: Eine rauschende Ballnacht! Wirklich?

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch emotional diskutieren. An dieser Stelle lasse ich Sie jeden Freitag an meinem Standpunkt teilhaben - immer kritisch, selbstverständlich unabhängig, meist unbequem. Lesen Sie, was in dieser Woche auf meinem Schreibtisch lag!
12.04.2024 16:30
Lesezeit: 3 min
Der Chefredakteur kommentiert: Eine rauschende Ballnacht! Wirklich?
Bundespräsident Steinmeier tanzt mit seiner Frau beim 70. Bundespresseball (Foto: dpa). Foto: Monika Skolimowska

Der Bundespresseball ist nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis, sondern auch ein Symbol für die Beziehung zwischen der Presse und der Politik. Die Veranstaltung bietet eine Gelegenheit zum informellen Austausch – und vor allem zu einem gemeinsamen Fest. Ein AfD-Sprecher wünschte den Teilnehmern im Vorfeld „von Herzen eine rauschende Ballnacht“.

Damit könnte dieser Kommentar eigentlich schon zu Ende sein, alle feiern und haben Spaß – Friede, Freude, Eierkuchen!

Doch die Geschichte ist hier alles andere als zu Ende. Spätestens mit dem Gruß des AfD-Sprechers an alle Teilnehmenden des Balls, nimmt die Geschichte erst richtig Fahrt auf. Denn, das haben Sie sicher mitbekommen, die AfD ist vom diesjährigen Bundespresseball ausgeschlossen worden – und zwar erstmals, seit die Partei 2017 in den Bundestag eingezogen ist.

Ein mutiger, vielleicht sogar befreiender Schritt! Den Ausschluss einer rechtspopulistischen Partei von einer Veranstaltung, die unter dem Motto „Für die Pressefreiheit. Demokratie schützen“ steht, klingt folgerichtig. Und viele Menschen in Deutschland dürften dies als längst überfälliges Zeichen gegen Intoleranz und Hetze empfinden. Endlich, könnte man sagen, zeigt die Presse Rückgrat gegenüber einer Partei, deren Vertreter allzu oft mit xenophoben und demokratiefeindlichen Aussagen provozieren. Ist es nicht erfrischend zu sehen, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen?

Fühlen Sie auch dieses Unbehagen?

Doch an dieser Stelle sollten wir innehalten und kritisch hinterfragen: Sind wir Medien und auch wir als Gesellschaft mit solchen Entscheidungen auf dem besten Weg?

Betrachten wir die Sache doch einmal aus einer anderen Perspektive. Die Presse, unser Fenster zur Welt, sollte ein Ort des Austauschs aller Meinungen sein, ein Forum, das selbst die unpopulären Stimmen einlädt. Die Presse sollte auch demokratiefeindliche Meinungen akzeptieren – und sie besser in einen entsprechenden Kontext stellen, sie ehrlich kommentieren und gegebenenfalls auch hart kritisieren. Journalisten sollten die Schwächen einer demokratiefeindlichen Position aufzeigen – und sie nicht grundsätzlich verbieten (wollen).

Ja, der Bundespresseball ist eine Veranstaltung von Journalisten – und selbstverständlich können die Veranstalter entscheiden, wer rein darf und wer nicht. Doch ist dieser Ausschluss klug? Gerade durch den Ausschluss einer Partei, die von Millionen Bürgern gewählt wurde und gewählt wird, laufen wir Gefahr, das Vertrauen in unsere Medien weiter zu erschüttern. Fühlen Sie nicht auch dieses Unbehagen, dass wir vielleicht gerade dabei sind, das Prinzip der offenen Diskussion zu untergraben?

Und hier liegt die bittere Ironie: Indem wir der AfD die Tür vor der Nase zuschlagen, könnten wir Medien ihr auf perfide Weise in die Karten spielen. Stellen Sie sich vor, wie diese Entscheidung als Munition für weiteres selbstmitleidiges Narrativ dieser Partei dient. „Seht her“, werden sie sagen, „wieder einmal werden wir ausgegrenzt, wieder einmal will man uns mundtot machen.“ Dies verstärkt nur ihre Opferrolle, gießt Öl ins Feuer derer, die sich ohnehin schon von den etablierten Medien abgewandt haben.

Wir stehen an einem Scheideweg der Demokratie

Lassen Sie uns also nicht vorschnell jubeln oder verzweifeln. Der Ausschluss der AfD vom Bundespresseball ist ein starkes, emotionales Signal, das sowohl Befreiung als auch Besorgnis in mir – und vielleicht auch in Ihnen – weckt. Ja, es fühlt sich zunächst vielleicht gut an, Standhaftigkeit zu demonstrieren. Aber es schmerzt auch, zu sehen, wie wir möglicherweise genau die Werte kompromittieren, für die wir zu stehen glauben. Es ist schade, dass wir die politischen Vertreter von Millionen Bürgern in diesem Lande einfach ausschließen, denn damit schließen wir auch die Wähler der AfD aus. Klüger wäre es doch, bessere Alternativen zu bieten, ihre Sorgen ernst zu nehmen – ganz ohne populistische Töne und vor allem ganz ohne arrogante Überheblichkeit. Auch wenn das der mühsamere Weg ist!

Klar, für eine politische Alternative zur AfD sind nicht die Hauptstadtjournalisten auf dem Bundespresseball verantwortlich. Die bessere Politik müssen SPD, CDU & Co. liefern. Doch offenbar hat die heutzutage manchmal etwas abgehobene Politik, die oft weit an den wirklichen Problemen der Menschen in diesem Lande vorbeigeht, bereits auf viele Pressevertreter abgefärbt. So verspielen die Medien – gerade in den Augen der Menschen abseits des Mainstreams – weiter ihre Glaubwürdigkeit und ihre Unabhängigkeit!

Wir stehen an einem Scheideweg: Einerseits wollen und müssen wir klare Grenzen gegenüber denen ziehen, die unsere Gesellschaft spalten wollen. Andererseits dürfen wir die Brücken nicht abreißen, die in einer Demokratie unerlässlich sind, um auch mit denen im Dialog zu bleiben, die uns herausfordern.

Liebe Leserinnen und Leser, was meinen Sie? Ist der Ausschluss ein Schritt zur Verteidigung unserer Werte oder ein gefährliches Spiel mit dem Feuer der Freiheit? Ihre Meinung ist jetzt wichtiger denn je.

Ihr Markus Gentner (DWN-Chefredakteur)

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Markus Gentner

Markus Gentner ist seit 1. Januar 2024 Chefredakteur bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war er zwölf Jahre lang für Deutschlands größtes Börsenportal finanzen.net tätig, unter anderem als Redaktionsleiter des Ratgeber-Bereichs sowie als Online-Redakteur in der News-Redaktion. Er arbeitete außerdem für das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF), für die Tageszeitung Rheinpfalz und für die Burda-Tochter Stegenwaller, bei der er auch volontierte. Markus Gentner ist studierter Journalist und besitzt einen Master-Abschluss in Germanistik.

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