Politik

Die Zukunft der EU als Wirtschaftsstandort: DIHK-Befragung zeigt Stimmungstief

Wie beurteilen Unternehmen die Lage der Europäischen Union? Eine Befragung der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) gibt Einblicke in die aktuelle Stimmungslage unter deutschen Industriebetrieben und identifiziert Faktoren, die als Hindernisse für Europa wahrgenommen werden. Es gibt klare Forderungen an die Politik!
17.04.2024 14:01
Aktualisiert: 17.04.2024 14:01
Lesezeit: 3 min
Die Zukunft der EU als Wirtschaftsstandort: DIHK-Befragung zeigt Stimmungstief
Die Europawahl findet vom 6. bis 9. Juni 2024 statt. (Foto: dpa). Foto: Jens Kalaene

Die Ergebnisse des DIHK-Unternehmensbarometers sprechen eine deutliche Sprache: Die Stimmung der Unternehmer zur Europäischen Union ist vor der Europawahl im Juni 2024 deutlich getrübt. Mit einer erkennbaren Tendenz zur Kritik zeigt die Umfrage die schlechteste Bewertung unter deutschen Industriebetrieben seit Jahren – nur ein Viertel der befragten Unternehmen ist mit der Entwicklung der EU zufrieden. Besonders die Positionierung der EU als Geschäftsstandort bereitet Sorge.

Die Barometerergebnisse sind eindeutig: Zwei Drittel (66-Prozent) der befragten Unternehmen vermerken einen Attraktivitätsverlust der EU als Wirtschaftsstandort in den letzten fünf Jahren. Nur ein verschwindend geringer Anteil von 5-Prozent verzeichnet Verbesserungen. Betrachtet man alle Wirtschaftszweige, fühlen 56-Prozent eine abnehmende und lediglich 7-Prozent eine zunehmende Anziehungskraft der EU als Geschäftsstandort. In die Befragung flossen die Meinungen von 3.000 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen und Sektoren ein.

Rückläufige Wettbewerbsfähigkeit: Industrie sieht EU kritisch

Unternehmen haben vermehrt Bedenken zur EU, vor allem wegen steigender Kosten, insbesondere im Energiebereich, einer wachsenden Bürokratie und zunehmenden Handelsbarrieren.

Dr. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), warnt: „Europa läuft trotz der grundlegend guten Ausgangslage Gefahr, im internationalen Wettbewerb an Boden zu verlieren.“. Es gilt, diesem Trend entschlossen entgegenzuwirken, so sein Appell. Die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft steht auf dem Spiel und ist dringend zu stärken.

Unternehmer fordern mehr Entbürokratisierung!

„Bürokratie und die Bearbeitung von Berichtspflichten im Unternehmen verschlingen Zeit, Geld und andere wesentliche Ressourcen im Unternehmen. Die überbordende Bürokratie ist (…) der Hemmschuh - die Bremse für erfolgreiches unternehmerisches Handeln.‘‘, lautet eine Stellungnahme aus der Umfrage.

Ein Beispiel ist das mittelständische Bauunternehmen Baumuster GmbH, das sich durch die Umstellung auf die Berichterstattung gemäß den neuen EU-Nachhaltigkeitsstandards mit hohen bürokratischen Anforderungen konfrontiert sieht. Mit begrenzten Ressourcen und einem kleinen Team hat das Unternehmen Schwierigkeiten, die nötigen Daten zu sammeln, die Berichte zu erstellen und dabei den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten.

Die neue EU-Kommission und das Europäische Parlament sollten daher als vordringliche Aufgabe den Bürokratieabbau in Angriff nehmen - so die Meinung der befragten Unternehmen! Mit 95-Prozent hält eine überwiegende Mehrheit dieses Thema für vorrangig.

Weitere Forderungen: Energiepreise und Sicherheit im Fokus

Die Energieversorgung steht mit 68-Prozent an zweiter Stelle der Dringlichkeiten, wobei energieintensive Sektoren wie Industrie und Bauwesen mit 76- bzw. 75-Prozent dem Thema sogar noch höhere Priorität einräumen. Auch der Schutz vor Cyber- und anderen Bedrohungen wird großgeschrieben – jede zweite Firma sieht hierin eine Hauptaufgabe der EU, die Sicherheit von Unternehmen zu unterstützen.

Ein weiteres drängendes Thema ist die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit durch qualifizierte Arbeitskräfte. Besonders in Anbetracht des Fachkräftemangels wird die Bedeutung der Aus- und Weiterbildung betont. Vor allem das Baugewerbe, das stark unter Personalmangel leidet, erachtet mit 58-Prozent die Fachkräftesicherung als essenzielle EU-Priorität. Nicht zuletzt sehen die Hälfte der Unternehmen die Notwendigkeit einer Agenda, die eine ganzheitliche Verstärkung der Wettbewerbsfähigkeit anvisiert.

Die jüngsten Initiativen des Europäischen Parlaments standen ebenfalls auf dem Prüfstand: Fördern sie die Wettbewerbsfähigkeit oder stellen sie eine Bürde dar? Die Bilanz der Unternehmensbefragung ist gemischt: Einige Maßnahmen wurden als wettbewerbsschädigend eingestuft, wie beispielsweise Nachhaltigkeitskriterien, die Einführung von Sorgfaltspflichten in der Wertschöpfungskette oder die Einführung kostenintensiver CO2-Zertifikate. Hier ist eine Kurskorrektur gefordert, die nach der Europawahl mit Nachdruck vorangetrieben werden sollte.

EU unter der Lupe: Zwischen Wettbewerbsimpuls und Belastungsprobe

Aber es gibt auch positive Ergebnisse: Die Harmonisierung von Normen und Standards, der freie Marktzugang, verringerte Wettbewerbsverzerrungen und der Austausch von Fachkräften innerhalb der Mitgliedsstaaten werden als wertvolle Säulen der EU anerkannt. Der gesicherte Zugang zu kritischen Rohstoffen wird ebenfalls als wettbewerbsfördernd eingestuft. Des Weiteren bewerten die Betriebe die Anhebung der Schwellenwerte in der öffentlichen Auftragsvergabe überwiegend als positiven Schritt.

Insgesamt ist die Resonanz der Unternehmenswelt auf die Europäische Union geteilt, wobei aktuell noch eine leichte Tendenz zum Positiven besteht. Eine deutliche Mehrheit der Betriebe würdigt die Errungenschaften der EU – namentlich die politische Stabilität, die für 82-Prozent von essenzieller Bedeutung ist und die solide Gemeinschaftswährung, die 76-Prozent als Gewinn betrachten.

Allerdings zeigt das Unternehmensbarometer 2024 deutlich, dass die EU-Politik aus Unternehmersicht nachsteuern muss. „Wir müssen Europa wieder attraktiver für Unternehmen sowie die besten Fach- und Führungskräfte gestalten“, so Wansleben und adressiert dabei die zentralen Herausforderungen: Abbau von Überregulierung, stärkere globale Integration, Förderung von Innovationen, Senkung der Energiepreise, Effizienzsteigerung administrativer Prozesse und die Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte. „Diese Themen müssen wir unverzüglich angehen, um die Wirtschaft in Europa wieder stark zu machen.“

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Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
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