Technologie

BYD baut erstes Werk in der EU: Eine Gefahr für Deutschlands Autobauer?

Bereits seit Dezember 2023 steht fest, dass BYD, Chinas wichtigste und staatlich geförderte Marke für Elektroautos, ein Werk in Szeged in Ungarn errichten wird. Damit unterstreicht die Volksrepublik ihren Anspruch, denselben Zugang zum europäischen Markt zu erhalten, den Europa derzeit in China hat. Wie groß ist die Gefahr für deutsche Autobauer durch diese Offensive?
20.05.2024 09:13
Lesezeit: 4 min

Dieser Tage könnte man an die Veröffentlichung des Tata Nano denken. Das Billigauto aus Indien wurde im Jahr 2009 für nur 1.500 Euro auf den Markt gebracht. Nicht wenige Stimmen vermuteten damals, Tata Nano würde zum neuen VW Golf avancieren und den deutschen Automarkt komplett revolutionieren. Doch dergleichen geschah nach den ersten vernichtenden Tests durch den ADAC nicht. Die Deutschen blieben ihren Pkw treu und die indische Expansion auf dem deutschen Automarkt blieb aus.

Seit dem Ende der Covid-Pandemie versucht China, ebenfalls mit günstigen Pkw den europäischen Markt für sich zu erobern. Nur könnte es diesmal klappen, denn für die Chinesen sprechen massive staatliche Unterstützungen, technologisches Know-how und günstige Preise. Bedroht die erste BYD Produktionsstätte auf europäischem Boden die lokalen Autobauer, allen voran VW aus Deutschland?

VW und BYD: Wider dem Handelskrieg

Der volatile Kurs der US-Automarke Tesla zeigt, dass ein Handelskrieg sich auch für deutsche Autobauer äußerst kritisch erweisen könnte. Zwar konnte sich die US-amerikanische Autoindustrie durch den Inflation Reduction Act (IRA) vor der Flut billiger chinesischer E-Autos retten. Doch Chinas harte Gegenmaßnahmen führen indessen dazu, dass der Verkauf insbesondere von Modellen der Marke Tesla in China rapide abnimmt.

Eine ähnliche Entwicklung will man aufseiten deutscher Autobauer unbedingt vermeiden. Bis 2023 war VW Marktführer in China, etwa 50 Millionen Chinesen führen einen VW. Doch BYD stieß das deutsche Unternehmen vom Thron und verkaufte letztes Jahr erstmals mehr Autos in China. Dieser Trend dürfte sich verstärken, da China die Energiewende energisch vorantreibt und Elektrofahrzeuge fördert. Nur ist das Elektrosegment nicht die Stärke VWs, während chinesische Fabrikanten wie BYD und NIO ausschließlich auf hochmoderne Elektroautos setzen.

VW will in China aufschließen

Der Konzern reagiert auf den harten Technologie- und Preiswettbewerb in der Volksrepublik mit Anpassungen seiner Modelle. So soll in einer Kooperation VWs mit dem chinesischen Start-up Xpeng in allen chinesischen VW-Modellen ab 2026 ein neues Betriebssystem der Firma eingesetzt werden. Mit dieser Einarbeitung chinesischer Technologie sollen Produktionskosten gesenkt und chinesische Kundenwünsche bedient werden.

Die gängigen Modelle des Wolfsburger Konzerns sind in China ohnehin schon deutlich günstiger als in Deutschland, mit der von Ralf Brandstätter, Mitglied des Markenvorstands von VW, angekündigten Kooperation könnte sich diese Preiskluft noch erweitern. Um das Einstiegs- und Mittelklassesegment für sich zu gewinnen, will VW zudem neue Modelle entwerfen, die besonders preisgünstig auf den Markt gebracht werden können. Etwa soll der neue VW ID.3 als neues Flaggschiff im Niedrigpreissegment der Chinesen rangieren. Doch steht das deutsche Unternehmen einem Konkurrenten gegenüber, der nicht nur technologisch gleichwertig produziert, sondern auch massive Subventionen vom chinesischen Staat erhält.

Neueste Technik und Milliarden an Subventionshilfe für BYD

Denn anstatt es bei der Entwicklung einer elektronischen Plattform und Preiskürzungen zu belassen, fährt Peking größere Geschütze auf. Allein BYD wurde mit umgerechnet 2,1 Milliarden Euro im Jahr 2022 unterstützt. Die Finanzspritze für das traditionsreiche Unternehmen kommt dabei nicht nur der technologischen Raffinesse der hochmodernen Elektroautos zugute. Auch konnte das Unternehmen aus Shenzhen seine Vertriebsaktivitäten global erweitern und errichtete zu Beginn des Jahres 2023 allein in Europa 230 Verkaufsstellen.

So verwundert es nicht, dass der Konzern seinen Gewinn im Jahr 2023 verfünffachen konnte. Hauptmarkt ist zwar weiterhin China, wo ausländische Produzenten schrittweise von chinesischen Firmen verdrängt werden sollen. Doch das Ausland gewinnt immer mehr als Absatzmarkt an Bedeutung. Allein BYD hat bis heute insgesamt 30 Produktionswerke in China, Indien, Japan, Brasilien, den USA und nun auch in Südungarn geschaffen.

Diese Produktionsräume in unmittelbarer Nähe zum Absatzmarkt zum Ziel individuell maßgeschneiderte Fahrzeuge für den jeweiligen Kundenstamm zu produzieren, wie neulich am Beispiel des BYD Dolphin Mini in Chile zu sehen war. Hier veröffentlichte das Unternehmen einen vollelektrischen Kleinwagen für unter 20.000 Dollar und will so die Nachfrage im urbanen Raum Chiles bedienen. Dass diese Taktik auch in Europa aufgehen und somit VW in seinem wichtigsten Gebiet bedrohen könnte, wurde dieser Tage mehr als deutlich.

Chinas Griff nach grünen Technologien

Ungarn ist kein zufällig ausgewählter Standort für die Produktion moderner E-Autos: Hier residieren bereits große chinesische Player wie die Batteriefirma CATL, mit der BYD Autobatterien produziert — wohlgemerkt nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch für die Konkurrenten Tesla, BMW, Mercedes und weitere. Zudem zeigt sich Premierminister Viktor Orbán zu einer weiteren Einflussnahme Chinas in der Region, solange sein Land davon profitiert. Firmen wie VW produzieren in dem mitteleuropäischen Land bereits zu günstigen Bedingungen, BYD möchte nun nachziehen.

Problematisch für die deutschen Unternehmen ist, dass BYD quasi im Auftrag Pekings den europäischen Markt aufwirbeln soll. BYD das Geschäftskonzept kopieren, das VW viele Jahre lang in China zu enormen Absatzzahlen verholfen hat. So haben jüngste Tests des ADAC besonders positive Rückmeldungen zu den neuen E-Autos von BYD gegeben, die Reichweite der Fahrzeuge gilt als enorm hoch und die Qualität mit den deutschen Autos sei weitgehend vergleichbar, während der Preis deutlich geringer ausfällt als hiesige Modelle. China könnte also hier derselbe Streich gelingen, mit dem es schon die europäische Solarindustrie ausgehoben hat: Durch eine stete Lieferung nahezu gleichwertiger und deutlich günstiger Produkte konnte das Land die europäische Produktion zur Erosion bringen und nachhaltig ausschalten. Könnte das auch in der Automobilbranche funktionieren?

Regulierungen: Das letzte Aufgebot gegen Peking?

Um die hauseigene Deflation zu bekämpfen, flutet Peking derzeit die westliche Welt mit günstigen Artikeln, darunter auch E-Autos. In Verbindung mit der Eröffnung der ersten Produktionsstätte auf europäischem Boden könnte Peking durchaus eine disruptive Wirkung in Deutschland erreichen und VW ernsthaft bedrohen. Mit den hauseigenen Premiummarken könnte es dem Unternehmen sogar gelingen, das Hochpreissegment anzugreifen.

Doch die EU-Kommission prüft, wohl auch auf Drängen des VW-Konzerns, die chinesischen Subventionspakete, um notfalls Schutzzölle gegen chinesische Waren einführen zu können. Ob ihr das auch bei einer Produktion durch BYD auf europäischem Boden gelingt, bleibt fraglich. Die Stellung VWs als weltweit beliebte und vergleichsweise günstige Automarke scheint aber in jedem Fall ernsthaft gefährdet, wohl auch, weil man in Wolfsburg keine technologische Antwort auf die Expansionsbestrebungen der ambitionierten Chinesen zu haben scheint.

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Virgil Zólyom

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Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.

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