Unternehmen

Lieferdienst Getir ist vom Markt: Wie es bei den Lebensmittel-Lieferanten weitergeht

Der Weg zum nächsten Supermarkt ist in Deutschland meist kurz. Trotzdem bestellen viele Menschen Brot, Käse, Obst und Gemüse längst auch online. Doch der Markt für Lebensmittel-Lieferungen ist im Umbruch - das hat auch Folgen für die Verbraucher.
25.05.2024 14:31
Lesezeit: 3 min

Klingeling, Achtung, aufgepasst! Mit dicken Packtaschen und einer großen Box auf dem Gepäckträger saust mal wieder ein sogenannter Rider auf seinem Elektrorad an einem vorbei. Er hat es eilig. Irgendwo wartet ein Kunde auf seine Bestellung: möglicherweise eine vergessene Packung Eier oder gleich der komplette Wocheneinkauf. Die Fahrerinnen und Fahrer der Lebensmittel- und Restaurant-Lieferdienste prägen seit Jahren vor allem in Städten das Straßenbild. In pinker, blauer oder orangener Arbeitskleidung sind sie gut sichtbar unterwegs. Während der Corona-Krise erlebten die Anbieter einen Boom - inzwischen hat sich der Markt abgekühlt.

Das gilt vor allem für das sogenannte Quick-Commerce-Geschäft, also für das Liefern von Supermarktprodukten innerhalb weniger Minuten. Erst vor wenigen Tagen hat etwa das türkische Unternehmen Getir seine deutschen Standorte aufgegeben. Der Lieferdienst will sich künftig ausschließlich auf den Heimatmarkt in der Türkei konzentrieren. Eigenen Angaben zufolge machte das Unternehmen außerhalb der Türkei nur sieben Prozent des Umsatzes.

Abschied nicht nur vom deutschen Markt

Getir hatte Ende 2022 den angeschlagenen Berliner Konkurrenten Gorillas übernommen. Gemeinsam mit dem Wettbewerber Flink galt Gorillas in Deutschland als Quick-Commerce-Pionier. Mit aggressiven Marketing-Kampagnen und einem rasanten Lieferzeitversprechen waren beide Unternehmen im Jahr 2020 angetreten und hatten vor allem in der Corona-Krise einen Höhenflug erlebt.

Aber gerade Gorillas kämpfte schnell mit wirtschaftlichen Problemen und mit Kritik an den Arbeitsbedingungen seiner Fahrerinnen und Fahrer. Im Mai 2022 entließ das Unternehmen zunächst Hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und wurde schließlich vom Konkurrenten Getir geschluckt. Doch auch der türkische Wettbewerber kam bald darauf ins Straucheln. Nun ist Schluss in Deutschland, in Großbritannien, den USA und den Niederlanden.

„Verwunderlich war, dass der Markt doppelt bespielt wurde und Synergien nicht genutzt wurden“, sagt Eva Stüber, Lebensmittelmarkt-Expertin beim Institut für Handelsforschung in Köln (IFH Köln). „Getir hat sich zwar von Standorten zurückgezogen, aber konsequent wäre es gewesen, die Märkte zwischen Getir und Gorillas aufzuteilen.“ Für beide Marken habe das Unternehmen jeweils eine eigene aufwendige Lagerinfrastruktur an den gleichen Standorten betrieben, anstatt die Lager zusammenzulegen.

Mit dem Rückzug von Getir ist das Berliner Start-up Flink, an dem auch die Supermarktkette Rewe beteiligt ist, nahezu der einzige reine Quick-Commerce-Anbieter in Deutschland. Zu nennen wäre noch der Getränke-Lieferant Flaschenpost aus Münster, der sein Sortiment derzeit immer weiter ausbaut.

Auf die Absätze von Flink dürfte sich die Aufgabe des einstigen Konkurrenten zunächst positiv auswirken. „Wir konnten zuletzt zusätzliches Wachstum in den Städten beobachten, aus denen sich Gorillas und Getir zurückgezogen haben und sind optimistisch, weitere Teile der Kundschaft für Flink gewinnen zu können“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Das Unternehmen prüfe derzeit eine Übernahme von Räumlichkeiten des einstigen Konkurrenten Gorillas.

Experte: Preise bei Flink dürften anziehen

Aber Flink werde die Chance nutzen müssen, „um das Geschäftsmodell sehr schnell und sehr deutlich in Richtung Profitabilität zu entwickeln“, sagt Christoph Krauss von der Unternehmensberatung Roll & Pastuch. „Dies wird verschiedene Maßnahmen beinhalten, die auf die Themen Größe des Warenkorbs, Effizienz der Lieferung sowie Durchsetzen höherer Preise einzahlen.“ Kunden müssen demnach mit Preissteigerungen rechnen.

Trotz der Turbulenzen in der Branche halten Fachleute den Markt für Lebensmittellieferungen für längst nicht ausgeschöpft. Dem Handelsverband Deutschland zufolge (HDE) wurde im vergangenen Jahr lediglich knapp drei Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes online erzielt. Es gebe also viel Potenzial nach oben, teilte der Verband vor wenigen Tagen mit. Das Segment ist demnach zwischen 2020 und 2023 um knapp 16 Prozent gewachsen und damit so stark wie kein anderer Online-Bereich.

Stärker engagieren könnten sich vor allem etablierte Supermarktketten. Insbesondere Edeka und Rewe sind schon länger im Bereich Lebensmittel-Lieferungen tätig. Rewe betreibt neben der Beteiligung an Flink ein eigenes Online-Liefergeschäft mit längeren Lieferzeiten und baut eine speziell darauf ausgerichtete Lagerinfrastruktur auf. Edeka wiederum ist beim Lieferdienst Picnic beteiligt, der derzeit in großer Zahl neue Standorte erschließt. Zudem sind laut Stüber vom IFH Köln einzelne Regionalgesellschaften des Handelsriesen bei Lebensmittel-Lieferungen aktiv.

Die rasant schnellen Lieferzeiten der ersten Jahre sind bei diesen Wettbewerbern allerdings nicht drin. Stüber geht davon aus, dass diese Methode vor allem dazu diente, die Dienste bekannt zu machen. Inzwischen funktionierten Angebote wie von Picnic auch ohne dieses Versprechen. Das Unternehmen fährt anders als Flink feste Routen ab und beliefert die Kundinnen und Kunden entlang dieses Wegs.

Am Ende ist der Online-Lebensmittelhandel also trotz des Getir-Rückzugs noch lange nicht. „Es werden mit Sicherheit neue Unternehmen auftauchen, neue Start-ups entstehen“, sagt Stüber. Zwar sei derzeit am Horizont kein neuer Wettbewerber in Sicht. „Die Dynamik wird aber bleiben.“ In welchen Farben die Fahrerinnen und Fahrer dann durch die Städte flitzen werden, bleibt abzuwarten.

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