Politik

DWN-Interview mit Fabio De Masi: „Die Sanktionen schaden uns mehr als Russland.“

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten im Gespräch mit Fabio De Masi, Spitzenkandidat des BSW für die Europawahl, über die Cum-Ex-Affäre, Olaf Scholz, die Sprengung der Nordstream-Pipelines und darüber, was er in Brüssel erreichen möchte.
27.05.2024 10:51
Aktualisiert: 27.05.2024 11:38
Lesezeit: 4 min

DWN: Im letzten Sommer haben Sie Strafanzeige gegen Bundeskanzler Olaf Scholz in der Cum-Ex-Affäre gestellt. Können Sie unseren Lesern die Cum-Ex-Affäre in drei Sätzen noch einmal darlegen und erläutern, warum Sie gerade gegen den Kanzler vorgegangen sind?

Fabio De Masi: Bei Cum-Ex wurde von Banken und Fonds die Erstattung von Kapitalertragsteuern beantragt, die nie bezahlt wurden. Man kann sich das vorstellen, wie eine Pfandflasche im Supermarkt abgeben und den Pfandbon auf den Kopierer legen, um dann die Freunde mehrfach an die Supermarktkasse zu schicken, um Pfand zu kassieren.

Im Supermarkt funktioniert das nicht, auf dem Finanzmarkt lief das aber so und verursachte Milliardenschäden. Herr Scholz hat seine Erinnerungslücken an Treffen mit Cum-Ex Bankiers, die über ihn den Einzug der kriminellen Tatbeute verhindern wollten, nur vorgetäuscht und einen Untersuchungsausschuss belogen. Das ist strafbar.

DWN: Wie glauben Sie belegen zu können, dass die Aussage von Kanzler Scholz, er könne sich an diese Treffen nicht erinnern, nicht zutrifft?

Fabio De Masi: Der Hamburger Senat bestritt 2019 zunächst jegliche Treffen zwischen Scholz als ehemaliger Hamburger Bürgermeister und den Warburg Bankiers in einer Anfrage der damaligen Hamburger Linksfraktion. Wie ich später herausfand, war Scholz 2019 als Finanzminister in die Antwort auf diese Anfrage bereits eingebunden. Da fand also schon die erste Lüge statt. Er hat dann eines von drei Treffen mit den Cum-Ex Bankiers im Frühjahr 2020 unter Berufung auf seinen Kalender bestätigt, nachdem ein Tagebucheintrag dazu auftauchte. Er räumte auf meine Nachfrage hin im Bundestag weitere Treffen nicht ein und erfand als Ausrede die Erinnerungslücke, nachdem auch diese weiteren Treffen bekannt wurden. Später stellte sich heraus, dass der zitierte Kalendereintrag nie existiert hat. Scholz muss sich also erinnert haben, um im Frühjahr 2020 eines der drei Treffen zu bestätigen.

DWN: Was ist aus der Strafanzeige geworden? Beziehungsweise: Haben Sie die Hoffnung, dass daraus noch irgendetwas folgt?

Fabio De Masi: Nein. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ist politisch weisungsgebunden und hat in der Warburg-Affäre keinen Finger gekrümmt. Es war immer die Kölner Oberstaatsanwältin Brorhilker, die hier tätig werden musste.

DWN: Und was sagen Sie vor diesem Hintergrund zur Kündigung der Cum-Ex-Chefermittlerin Anne Brorhilker?

Fabio De Masi: Ihr wurde vom grünen Justizminister in NRW Knüppel zwischen die Beine geworfen. Sie prüfte auch Ermittlungen gegen Scholz selbst und musste dann mit der gehobenen Stellung des Kanzlers begründen, dass z. B. beschlagnahmte Kommunikation von Scholz nicht ausermittelt wird. Dabei hat man mir noch in der Schule beigebracht, dass ein Bundeskanzler und ein Straßenfeger vor dem Gesetz gleich seien.

DWN: Nun sind Sie Spitzenkandidat für das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ für die Europa-Wahl. Was genau möchten Sie in Brüssel erreichen?

Fabio De Masi: Wir wollen uns um diplomatische Initiativen im Ukraine-Krieg bemühen und dem militärisch-industriellen Komplex in Europa zivile Investitionen entgegensetzen, das Steuerdumping und die Marktmacht der großen US-Tech Konzerne bekämpfen, um den Mittelstand zu schützen, die Pfizer-Deals von Frau Leyen aufdecken sowie die Kommunen vor dem Druck der EU auf Privatisierungen und Liberalisierungen der öffentlichen Infrastruktur bei Wasser- und Energieversorgung schützen. Auch eine systematische Auswertung der Corona Krise gehört zu unserem Auftrag.

DWN: Einige Faktoren lasten schwer auf der europäischen und speziell auf der deutschen Wirtschaft, beispielsweise hohe Energiepreise, insbesondere nach der Sprengung der Nordstream- Pipelines. Haben Sie einen Verdacht, wer dahinterstecken könnte? Oder anders gefragt: Würden Sie sich zum Zwecke der Täterermittlung intensivere Nachforschungen wünschen?

Fabio De Masi: Ich will nicht spekulieren. Aber Joe Biden hat sich im Beisein des Bundeskanzlers damit gebrüstet, notfalls die Pipeline aus dem Spiel zu nehmen. Der polnische Außenminister hat ihm in den sozialen Medien sogar dafür gedankt. Andere Fährten weisen in die Ukraine. Wer auch immer dahinter steht - das war ein staatsterroristischer Akt und ein Angriff auf unsere Energieversorgung. Es ist ein Skandal, dass hier die Öffentlichkeit nichts erfährt.

DWN: Russland hat mehrfach angeboten, über den noch intakten Strang der Pipeline Erdgas zu liefern. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Fabio De Masi: Die Sanktionen schaden uns mehr als Russland. Wenn Putin sich an den Verhandlungstisch begibt, wäre eine Wiederaufnahme von Energielieferungen wünschenswert. Zudem müssen wir die hohen Netzentgelte senken. Die Privatisierung und Liberalisierung der Netze war ein schwerer Fehler. Es braucht zudem den Ausbau der kommunalen Fernwärme.

DWN: Haben Sie Ideen, wie man der Industrie und insbesondere dem Mittelstand angesichts hoher Energiepreise anderweitig helfen könnte? Verfolgt das BSW eine spezielle Mittelstandpolitik?

Fabio De Masi: Ja, wir wollen es etwa Kommunen ermöglichen nicht bei jedem noch so kleinen öffentlichen Auftrag EU-weit ausschreiben zu müssen und den Mittelstand von überzogenen Berichts- und Dokumentationspflichten entlasten. In der Landwirtschaftspolitik fließt das Gros der Agrarsubventionen etwa an die Betriebe mit den größten Flächen, während die Landwirte mit mittleren Flächen bis zu 60 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Bürokratie verbringen. Wenn es etwa mehr regionale Schlachtbetriebe gibt, verringern sich zum Beispiel die Wegstrecken für häufig elendige Tiertransporte.

Info zur Person: Fabio De Masi war von 2014 bis 2017 Mitglied des Europäischen Parlaments und von 2017 bis 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages. Zwischen 2017 und 2021 war er stellvertretender Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Bundestag. De Masi studierte Volkswirtschaftslehre an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik und erwarb einen Master in Internationalen Beziehungen an der Universität Kapstadt sowie einen Master in Internationaler Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Bundesweit bekannt wurde er als Obmann der Linken im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Wirecard-Affäre. Er ist Spitzenkandidat für das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ für die Europa-Wahl 2024.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Brady macht Schluss mit Kabeln im Industrie-Etikettendruck

Industrie-Kennzeichnung galt lange als stationär, schwer und kabelgebunden. Brady bringt nun einen Hybrid-Drucker auf den Markt, der...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Moritz Enders

***

Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Chip-Aktien treiben Wall Street nach oben, da Hoffnungen auf Friedensabkommen steigen
06.05.2026

Spannende Wendungen und neue Allzeithochs: Entdecken Sie die Hintergründe der aktuellen Marktdynamik.

DWN
Politik
Politik EU-Mitgliedschaft: Warum andere Länder schneller vorankommen als die Ukraine
06.05.2026

Die EU-Erweiterung rückt durch neue geopolitische Risiken wieder ins Zentrum der europäischen Politik, doch nicht jeder Kandidat hat...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft J.P. Morgan-Chef Jamie Dimon warnt: Weltordnung steht vor historischer Probe
06.05.2026

Jamie Dimon sieht die globale Wirtschaft vor Risiken, die weit über Börsen, Inflation und Ölpreise hinausreichen. Kann der Westen seine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nord Stream 1: Lubminer Gaskraftwerk wird an die Ukraine verschenkt
06.05.2026

Das funktionsfähige und stillgelegte Gaskraftwerk in Lubmin, soll an die Ukraine verschenkt werden. Das sorgt für Unmut, denn die Anlage...

DWN
Technologie
Technologie Kostenfalle ChatGPT: OpenAI zahlt 50 Milliarden Dollar allein für Rechenleistung
06.05.2026

Dass der Betrieb von ChatGPT teuer ist, war bekannt. Jetzt bekommt man einen Einblick, wie viele Milliarden die KI-Rechenzentren den...

DWN
Politik
Politik Trump vor der nächsten Probe: Wie lange hält der Waffenstillstand am Golf?
06.05.2026

Der Iran-Krieg macht Donald Trumps Machtverständnis zum Risiko für Märkte, Diplomatie und die globale Ordnung. Wie lange kann die...

DWN
Finanzen
Finanzen Morningstar nennt 5 Favoriten: US-Aktien für geduldige Anleger
06.05.2026

Morningstar sieht bei ausgewählten US-Aktien langfristige Chancen, doch selbst starke Marktführer müssen regelmäßig überprüft...

DWN
Politik
Politik Kerosin-Mangel im Sommer? Israel liefert Deutschland Kerosin
06.05.2026

Die Lieferung aus Nahost geschieht nach israelischen Angaben auf Bitte des deutschen Energieministeriums. Der deutsche Verkehrsminister...