Politik

Keiner traut sich Scholz die Wahrheit zu sagen: SPD ringt um Konsequenzen aus Wahl

Nach dem desaströsen Wahlergebnis rumort es unter den Genossen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil betont aber, der Kanzler sei in seiner Partei unangefochten die Nummer eins. Das werden vermutlich viele Parteimitglieder inzwischen in Zweifel ziehen. Doch wer sagt es dem Kanzler?
17.06.2024 11:15
Lesezeit: 3 min
Keiner traut sich Scholz die Wahrheit zu sagen: SPD ringt um Konsequenzen aus Wahl
Der Kanzler in einer Schwächephase? Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) spricht bei einem Pressestatement nach Abschluss des Gipfels der G7-Staaten. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Die Kanzlerpartei SPD ringt nach dem Debakel bei der Europawahl um den richtigen Kurs. Thüringens Landesparteichef Georg Maier kritisierte Versäumnisse bei der Parteiführung und im Kanzleramt. Die SPD müsse "auch dringend vor der eigenen Haustüre kehren, um bei den Wählern wieder besser anzukommen", sagte Maier am Tage nach der Sondersitzung der SPD-Granden in Berlin. Der linke SPD-Flügel will in den schwierigen Haushaltsverhandlungen der Ampel mit einem Mitgliederbegehren Druck machen.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil stärkte Kanzler Olaf Scholz den Rücken: Er sei nach seinem Eindruck "unangefochten als die Nummer eins" der Partei zu betrachten. "Olaf Scholz hat wirklich das Vertrauen der SPD, und ich sehe auch überhaupt keine Alternative", sagte Weil in einem ARD-Interview. Nach seinem Empfinden seien sich "alle relevanten Teile in der SPD" einig, "dass wir mit Olaf Scholz in den nächsten Wahlkampf gehen werden - aber dann auf einer hoffentlich deutlich besseren Grundlage, als es diesmal der Fall gewesen ist".

Fußball-Vergleiche verdeutlichen die wahre Lage auf dem Platz

Für die Partei ergebe es keinen Sinn, sich jetzt öffentlich zu zerstreiten, mahnte Weil. Es sei vielmehr wie nach einem verlorenen Fußballspiel: "Man muss in der Kabine Klartext miteinander reden, aber dann auch wieder geschlossen aufs Feld gehen."

Die SPD hatte bei der Europawahl nur 13,9 Prozent der Stimmen bekommen, ihr schlechtestes Ergebnis bei einer bundesweiten Abstimmung. Anschließend äußerten mehrere SPD-Politiker die Erwartung, dass Scholz in der Ampel-Koalition offensiver für Kernanliegen der Sozialdemokraten eintritt. Am Sonntag kamen führende SPD-Politiker zu einer Sitzung des Parteipräsidiums zusammen, um über die Konsequenzen zu beraten. Ergebnisse wurden zunächst nicht bekannt.

SPD-Mann Maier fordert Fokus auf "arbeitende Mitte"

Der Thüringer SPD-Chef Maier forderte, den Fokus seiner Partei wieder stärker auf "die arbeitende Mitte" zu richten. Diese Menschen seien durch die Krisen arg gebeutelt und verunsichert und fragten sich, wer ihre Interessen vertrete. Das gelte besonders für Ostdeutschland. "Man kann niemandem mehr erklären, warum die soziale Schere zwischen Ost und West 34 Jahre nach der Einheit immer noch so weit auseinandergeht", sagte Maier. "Die SPD hat es versäumt, diese soziale Schieflage in Deutschland zum Thema zu machen."

Er appelliere seit geraumer Zeit "eindringlich im Parteivorstand und im Kanzleramt, endlich aktiv zu werden", sagte Maier. «Doch bisher ohne Erfolg.» Er verstehe nicht, "warum die SPD die Gerechtigkeitsfrage nicht auf die politische Agenda setzt. Das ist doch unsere DNA." In Thüringen wird im September ein neuer Landtag gewählt. In Umfragen führte die AfD zuletzt mit großem Abstand vor der CDU, die SPD lag im einstelligen Bereich.

SPD-Chefin Saskia Esken sagte in einem Radio-Interview, dass innerhalb der Partei auch darüber gesprochen werde, wie sich möglicherweise die Parteikommunikation verändern müsse, "damit wir besser wieder an den Ohren der Menschen auch sind". Angesprochen auf Maiers Äußerungen zur "arbeitenden Mitte" sagte sie: "Georg Maier hat darauf in einem Interview hingewiesen, aber natürlich auch am Montag in der Parteivorstandssitzung haben wir gemeinsam darüber gesprochen, dass das unsere Zielrichtung sein muss. Das ist sie bisher gewesen und das muss sie auch weiterhin sein."

Weil: Handlungsmöglichkeiten des Kanzlers werden überschätzt

Weil sagte, was sich ändern müsse, sei die Zusammenarbeit in der Ampel-Koalition. Es werde überschätzt, "was ein Bundeskanzler in einer solchen Situation, wo Koalitionspartner nicht immer das notwendige Maß an Konstruktivität zeigen, eigentlich tatsächlich tun kann". Die drei Koalitionsparteien stünden jetzt vor einer ganz schwierigen Aufgabe. "Und wenn sie klug beraten sind, dann verständigen sie sich auf einen gemeinsamen Kurs."

Auch Scholz hatte das rot-grün-gelbe Bündnis am Wochenende in Interviews ermahnt, sich nach den schlechten Ergebnissen der Ampel-Parteien bei der Europawahl zusammenzuraufen. Er rief auch zur Kooperationsbereitschaft in den Verhandlungen über den Haushalt 2025 auf.

Am 3. Juli soll der Haushaltsplan von Bundesfinanzminister Christian Lindner stehen. Der FDP-Chef pocht auf einen strikten Sparkurs, um die Schuldenbremse einzuhalten. Nach dem Nackenschlag für die Ampel-Parteien bei der Europawahl ist das Gelingen der Haushaltsverhandlungen eine Bewährungsprobe für die Koalition. Im Bundestag wird dann üblicherweise im Herbst über den Etat beraten.

Die SPD-Linke macht nun Druck, um Kürzungen in Kernbereichen zu verhindern, die ihr besonders am Herzen liegen. Die SPD-Gruppe Forum Demokratische Linke (DL21) beschloss dazu die Einleitung eines parteiinternen Mitgliederbegehrens für "einen Bundeshaushalt 2025 (...), der eine sozialdemokratische Handschrift trägt", wie es in einer Mitteilung heißt.

"Wir wollen fragen, ob die SPD einem Kürzungshaushalt zustimmen soll", sagte der DL-21-Co-Vorsitzende Jan Dieren. "In Zeiten, in denen die Demokratie unter Druck steht, die Preise steigen und viele sich ihr Leben kaum noch leisten können, ist es falsch zu sparen", mahnte der SPD-Bundestagsabgeordnete. "Im Gegenteil: Der Staat muss massiv investieren."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Der wachsende Trend zu flexiblen Konsumausgaben bei deutschen Verbrauchern

Deutsche Haushalte verändern ihr Ausgabeverhalten grundlegend. Wo früher feste Sparpläne und monatliche Budgets den Alltag bestimmten,...

DWN
Politik
Politik Städtetags-Präsident warnt Bundesregierung: "Stimmung in den Rathäusern explosiv"
12.08.2026

Die Kommunen stehen finanziell unter Druck. Die Stimmung in den Rathäusern sei noch nie so schlecht gewesen, heißt es vom Städtetag. Er...

DWN
Technologie
Technologie ChatGPT & Co: Welche Risiken Unternehmen im E-Commerce drohen
12.08.2026

Die Spielregeln im Handel ändern sich radikal: Kunden verlagern ihre Suche in KI-Interfaces, Kaufentscheidungen treffen bald autonome...

DWN
Politik
Politik Geheimdienst-Reform: BND und Verfassungsschutz bekommen mehr Macht
12.08.2026

Die geplante Reform der Geheimdienste soll laut dem CDU-Politiker Henrichmann mehr Befugnisse bringen: Nachrichtendienste sollen künftig...

DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (08/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen
12.08.2026

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

DWN
Politik
Politik Ölmarkt unter Druck: USA bremsen ukrainische Angriffe im Schwarzen Meer
12.08.2026

Die Ukraine trifft mit ihren Drohnenangriffen einen empfindlichen Nerv des russischen Ölgeschäfts. Doch nun greift Washington ein, denn...

DWN
Politik
Politik Rente und Pension im Vergleich: Wie groß die Unterschiede wirklich sind
12.08.2026

Die Renten sind im Schnitt deutlich niedriger als die Beamtenpensionen. Eine neue Auswertung aus dem Bundestag zeigt erhebliche...

DWN
Technologie
Technologie Ifo: Deutsche Unternehmen erwarten sinkende Löhne durch KI
12.08.2026

Die Betriebe gehen sehr viel häufiger von einem Rückgang als von einem Anstieg der Löhne in den kommenden fünf Jahren aus. Welche...

DWN
Finanzen
Finanzen Inflationsschock durch Energiepreise - Leben wird immer teurer
12.08.2026

Nach dem Auslaufen des Tankrabatts hat sich das Leben in Deutschland sprunghaft verteuert. Im Juli kletterte die Inflationsrate auf 2,8...