Wirtschaft

Vom Handelskonflikt zur Klimachance: Chinas Ersparnisse für Energiewende nutzen

Die Spannungen im Welthandel nehmen zu, da China wegen überschüssiger Industriekapazitäten und staatlicher Subventionen unter Beschuss steht. Chinas hohe Ersparnisse könnten für grüne Technologien genutzt werden, was den globalen Klimazielen zugutekäme. Doch geopolitische Rivalitäten, besonders seitens der USA, führen zu protektionistischen Maßnahmen, die den grünen Wandel behindern.
Autor
avtor
06.07.2024 07:36
Aktualisiert: 06.07.2024 11:30
Lesezeit: 4 min
Vom Handelskonflikt zur Klimachance: Chinas Ersparnisse für Energiewende nutzen
Spannungen im Welthandel: US-Finanzministerin Janet Yellen und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fordern Maßnahmen gegen subventionierte chinesische Produkte. (Foto: iStock.com, Oleg Elkov) Foto: Oleg Elkov

Die Spannungen im Welthandelssystem nehmen wieder zu, und China gerät von vielen Seiten in die Kritik. Die US-Finanzministerin Janet Yellen hat marktorientierte Verbündete dazu aufgerufen, eine „Mauer des Widerstands“ gegen China zu errichten, da das Land überschüssige Industriekapazitäten aufweise, die auf großzügige staatliche Subventionen und andere industriepolitische Maßnahmen zurückzuführen seien. In ähnlicher Weise forderte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Maßnahmen gegen „subventionierte chinesische Produkte“, von Elektroautos bis zu Stahl, die „den europäischen Markt überschwemmen“.

Das Problem ist, dass sich ein Großteil der Kritik auf konkrete Maßnahmen der chinesischen Regierung konzentriert, wie etwa die jüngste Aufforderung der chinesischen Regulierungsbehörden an die Finanzinstitute, die Kreditvergabe an strategische Sektoren wie künstliche Intelligenz und umweltfreundliche Produktion zu erhöhen. Diese Maßnahmen zielen jedoch darauf ab, die Symptome eines tiefer liegenden Problems zu bekämpfen: die überschüssigen Ersparnisse der Chinesen.

Die nationale Sparquote Chinas liegt beharrlich bei 45 % des BIP, verglichen mit etwa 26 % in der Europäischen Union und weniger als 17 % in den USA. Jahrzehntelang flossen diese Ersparnisse hauptsächlich in Immobilien und Infrastrukturinvestitionen, die lange Zeit auf 25-30 % des BIP geschätzt wurden. Dabei haben chinesische Haushalte mit mehr als 41 Quadratmetern Wohnfläche pro Kopf so viel wie ein durchschnittlicher Europäer, und China verfügt über eine hoch entwickelte Verkehrsinfrastruktur mit einem größeren Hochgeschwindigkeitsschienennetz als der Rest der Welt zusammen. Wenn China nicht noch mehr Geisterstädte und leere Autobahnen will, ist eine Verlangsamung der Bauausgaben unvermeidlich.

Ähnliches geschah in Japan in den 1990er-Jahren nach dem Platzen der Immobilienblase. Wie in China wurde die Bautätigkeit lange Zeit durch hohe inländische Ersparnisse finanziert. Irgendwann aber stiegen die Immobilienpreise nicht mehr, und die Bauinvestitionen gingen drastisch zurück. Die Regierung erkannte, dass die Ersparnisse irgendwo hin mussten, und erhöhte ihre eigenen Investitionsausgaben drastisch. Doch Japan benötigte nur ein begrenztes Maß an Infrastruktur und die zunehmende Zahl von Brücken ins Nirgendwo zwang die Regierung, diese Politik aufzugeben. Nun gab es nur noch einen Weg für die überschüssigen Ersparnisse: ins Ausland, über einen schwächeren Yen und einen hohen Handelsüberschuss.

Andere Volkswirtschaften, insbesondere die USA und die europäischen Länder, reagierten auf die japanischen Exportüberschüsse mit Maßnahmen zum Schutz etablierter westlicher Unternehmen in Sektoren, die sich der neuen Konkurrenz durch japanische Hersteller ausgesetzt sahen. Insbesondere im Automobilsektor musste die japanische Regierung „freiwillige“ Exportbeschränkungen akzeptieren, um ihre westlichen Handelspartner zu beschwichtigen. Derartige Hemmnisse für japanische Exporte trugen nur wenig zur Verringerung des japanischen Handelsüberschusses bei, der durch überschüssige inländische Ersparnisse bestimmt war, verlagerten aber den Wettbewerbsdruck auf andere Sektoren.

Natürlich ist China viel größer als Japan - etwa 12-mal so groß in Bezug auf die Bevölkerung und fünfmal so groß in Bezug auf das BIP. Aber in seiner Blütezeit in den 1980er-Jahren - als die Weltwirtschaft viel kleiner war als heute, hatte Japan einen Anteil von etwa 17 % am weltweiten BIP und einen ähnlich großen Anteil am Welthandel. Das ist nicht viel weniger als China heute. Obwohl China viel wichtiger werden wird, als Japan es je war, weil seine viel größere Bevölkerung ein enormes Wachstumspotenzial mit sich bringt, ist sein relatives Gewicht in der Weltwirtschaft heute mit dem Japans vor einigen Jahrzehnten vergleichbar.

Es gibt jedoch wichtige Unterschiede zwischen den beiden Ländern, angefangen beim geopolitischen Umfeld. Das demokratische Japan wurde als Stütze der Weltordnung und nicht als Bedrohung wahrgenommen. Im Gegensatz dazu strebt das zunehmend autokratische China offen den Umsturz der bestehenden geopolitischen Weltordnung an. Für den Westen scheint dies ein guter Grund zu sein, die wirtschaftliche Macht Chinas zu begrenzen.

Aber es gibt noch einen zweiten wichtigen Unterschied: der Klimawandel, der es dringend erforderlich macht, die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen zu reduzieren. Die Technologien, mit denen fossile Brennstoffe in der Energieerzeugung ersetzt werden können, erfordern zwar hohe Anfangsinvestitionen, etwa für den Bau von Solar- oder Windparks, aber die Energie wird dann im Wesentlichen zu Grenzkosten von Null erzeugt.

Ein kapitalstarkes Land wie China hat daher einen natürlichen Vorteil bei der grünen Transformation. In diesem Sinne sind Überkapazitäten kein Fehler, sondern ein Merkmal einer Wirtschaft mit überschüssigen Ersparnissen. Chinesische Hersteller würden grüne Industrien wie erneuerbare Energien, Batterien und Elektrofahrzeuge wahrscheinlich auch ohne besondere staatliche Subventionen dominieren.

Da ein schnellerer grüner Wandel allen zugutekommt, sollte Chinas hohe Sparquote nicht als Problem, sondern als Chance betrachtet werden. Leider sind die USA so sehr auf ihre geopolitische Rivalität mit China fixiert, dass sie ihren Markt für umweltfreundliche chinesische Produkte praktisch verschlossen haben. Die jüngste Entscheidung der Regierung von US-Präsident Joe Biden, die Zölle auf chinesische Elektroautos zu vervierfachen und damit auf 100 % zu erhöhen, ist ein typisches Beispiel dafür.

Die geopolitische Rivalität mit China bereitet der EU weit weniger Sorgen. Der Block hat keine so dominante Position zu verlieren und verzeichnet insgesamt einen großen Handelsüberschuss, obwohl die Importe aus China im letzten Jahr zurückgegangen sind. Trotz dieser insgesamt günstigen Position hat die EU-Kommission kürzlich Antisubventionszölle in Höhe von rund 20 % auf Importe von Elektrofahrzeugen mit Batterien aus China verhängt. Dies ist ein Schritt in die falsche Richtung, wenngleich immer noch deutlich moderater als die von den USA verhängten Zölle in Höhe von 100 %.

Anstatt protektionistische Maßnahmen zu ergreifen, um zu verhindern, dass chinesische Waren ihren Markt „überschwemmen“, sollte die EU billige grüne Waren aus China willkommen heißen und die chinesischen Ersparnisse nutzen, um die Kosten für die Energiewende zu senken.

Deutsch von Andreas Hubig

Copyright: Project Syndicate, 2024.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

avtor1
Daniel Gros

                                                                            ***

Daniel Gros ist Direktor des europapolitischen Instituts der Università Commerciale Luigi Bocconi.

DWN
Politik
Politik „Machen Sie sich auf die Auswirkungen gefasst“: EU kündigt weitere Gegenmaßnahmen zu US-Zöllen an
03.04.2025

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Bürger der EU auf die bevorstehenden wirtschaftlichen Folgen...

DWN
Politik
Politik US-Finanzminister warnt vor Vergeltungszöllen: Eskalation könnte die Lage verschärfen
03.04.2025

US-Finanzminister Scott Bessent hat betroffene Länder vor einer schnellen Reaktion auf die jüngste Ankündigung von Präsident Donald...

DWN
Politik
Politik AfD-Kandidat erstmals ins Verfassungsgericht gewählt: Zweidrittelmehrheit im Thüringer Landtag
03.04.2025

Die AfD hat einen Kandidaten für den Thüringer Verfassungsgerichtshof durchgesetzt: Rechtsanwalt Bernd Falk Wittig wurde mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbercheck: Dürfen Arbeitgeber frühere Chefs kontaktieren?
03.04.2025

Referenzen von ehemaligen Arbeitgebern können wertvolle Einblicke bieten – aber ist es rechtlich erlaubt, ohne Zustimmung des Bewerbers...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sichere KI statt Datenleck: Das müssen Firmen beim Chatbot-Einsatz beachten
03.04.2025

KI-Chatbots sind im Mittelstand längst Alltag – doch oft fehlt es an Sicherheitsstandards. Der Hamburger KI- und Digitalisierungsexperte...

DWN
Panorama
Panorama Orban trifft Netanjahu in Budapest trotz Haftbefehl -und erklärt Rückzug aus Internationalen Strafgerichtshof
03.04.2025

Viktor Orbán ignoriert den Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof gegen Israels Premier erlassen hat – und heißt ihn in...

DWN
Politik
Politik Russlands Verzögerung der Verhandlungen könnte auch der Ukraine nützen
03.04.2025

Die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über eine mögliche Waffenruhe oder Friedenslösung ziehen sich weiter hin. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: DAX-Kurs fällt nach Trumps Zollankündigung - wie sollten Anleger reagieren?
03.04.2025

Die erneute Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag die Aktienmärkte stark unter Druck gesetzt. Der DAX-Kurs...