Unternehmen

BayWa: Deutschlands größter Agrarhändler vor der Insolvenz?

Die BayWa AG braucht dringend frisches Kapital, um eine Insolvenz abzuwenden. Dafür verhandelt Deutschlands größter Agrarhändler seit Wochen mit Banken und Investoren. Doch die Zusagen bleiben aus, denn die Probleme sind hausgemacht.
09.08.2024 17:00
Lesezeit: 3 min
BayWa: Deutschlands größter Agrarhändler vor der Insolvenz?
Die BayWa-Gruppe kämpft mit einer existenzbedrohenden Krise (Foto: dpa). Foto: Guido Bergmann

Die Krise bei der Münchner BayWa-Gruppe ist offenbar existenzbedrohender als zunächst angenommen. Mitte Juli gab das Unternehmen bekannt, dass ein Sanierungsgutachten in Auftrag gegeben wurde, um die angespannte Finanzlage zu bewerten. Die Folgen dieser Ankündigung waren gravierend: Innerhalb weniger Tage verlor die BayWa-Aktie rund 38 Prozent ihres Wertes.

Mindestens genauso schwer wiegt die Schuldenlast des Konzerns, die sich derzeit auf 5,8 Milliarden Euro belaufen soll. Das sorgt für erhebliche Unsicherheit bei Investoren und Aktionären und wachsende Kritik an der Unternehmensführung von BayWa-Chef Marcus Pöllinger.

Schwere Vorwürfe gegen BayWa-Chef Pöllinger

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erhebt der bis April 2023 amtierende ehemalige Vorstandsvorsitzende Klaus-Josef Lutz schwere Vorwürfe gegen seinen Nachfolger Marcus Pöllinger. Lutz bekräftigt darin, dass die aktuelle Misere der BayWa nicht auf seine Führung zurückzuführen sei. Stattdessen kritisiert er das aktuelle Management scharf. Vor allem am Liquiditätsmanagement des Unternehmens lässt der ehemalige BayWa-CEO kein gutes Haar. Zwar musste die Finanzchefin der Energietochter BayWa r.e., Michaela Seidl, Ende Juli ihren Hut nehmen. Doch diese Personalie sorgte nur für zusätzliche Unruhe.

Bauern bangen: Rettungspaket in der Schwebe

Während die internen Konflikte weiter schwelen, bangen die deutschen Landwirte um die Bezahlung ihrer Getreidelieferungen. Auch nach intensiven Gesprächen mit Großbanken und Großaktionären wie der Bayerischen Raiffeisen-Beteiligungsgesellschaft (BRB) und der österreichischen Raiffeisen Agrar Invest AG ist weiterhin unklar, ob das angestrebte Rettungspaket von über 400 Millionen Euro ausreicht, um die BayWa zu stabilisieren.

Ein so genannter verlängerter Eigentumsvorbehalt, wie er von beteiligten Juristen vorgeschlagen wurde, könnte eine Lösung bieten, aber ob dies ausreicht, ist fraglich. Mit dieser Regelung würden Landwirte das Eigentum an ihren gelieferten Ware behalten, bis die BayWa den Kaufpreis vollständig bezahlt hat. Dies würde im Falle einer Insolvenz der BayWa verhindern, dass die gelieferte Ware in die Insolvenzmasse fällt und den Landwirten einen besseren Schutz vor Zahlungsausfällen bieten.

Die BayWa – Deutschlands größter Agrarakteur

Die Bedeutung der BayWa für die deutsche Landwirtschaft ist immens, denn sie ist einer der größten Abnehmer von Getreide und anderen Agrarprodukten und spielt damit eine zentrale Rolle in der Versorgungskette der deutschen Landwirtschaft. So ist der Konzern maßgeblich an der Bereitstellung von Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln beteiligt, beliefert landwirtschaftliche Betriebe mit wichtigen Betriebsmitteln und übernimmt den Handel und die Lagerung von Getreide und anderen Agrarrohstoffen.

Insolvenzgefahr: Banken und Investoren zögern

Um eine Insolvenz des Agrar-Giganten zu verhindern, steht auch ein Verkauf von Anteilen an der Bayerischen Raiffeisen-Beteiligungs-Aktiengesellschaft (BRB) im Raum, was dem Unternehmen rund 100 Millionen Euro in die leeren Kassen spülen könnte. Doch das würde nur einen Bruchteil des benötigten Kapitals abdecken, denn kurzfristig benötigt der angeschlagene Konzern 500 bis 600 Millionen Euro, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen und eine Insolvenz abzuwenden.

Außerdem soll das defizitäre Solarhandelsgeschäft verkauft werden, um mit dem Erlös die Schulden zu senken. Allerdings erscheint es in der aktuellen Situation der Solarbranche mehr als fraglich, einen Käufer zu finden, der bereit ist, die vom Vorstand geforderten 1,3 Milliarden Euro für die Sparte zu zahlen.

Hilfe vom Freistaat: Springt Söder ein?

Auch die bayerische Staatsregierung beobachtet die Situation aufmerksam. Angesichts der möglichen Gefährdung von 8.000 Arbeitsplätzen fordert etwa die Bayern-SPD eine Rettung der BayWa sowie einen Schutz für Landwirte. „Ein Zusammenbruch der BayWa hätte nicht nur fatale Auswirkungen auf die Konzernbeschäftigten, sondern würde auch die landwirtschaftliche Versorgungskette im Freistaat empfindlich stören“, schreibt der SPD-Landtagsabgeordnete Harry Scheuenstuhl in einem Brief an Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber​ (CSU).

Zwar hat das Kaniber-Ministerium bisher eine Stellungnahme abgelehnt. Experten können sich jedoch vorstellen, dass die Staatsregierung der BayWa und den Bauern beispielsweise mit Garantien beispringen könnte, sollte sich die Lage weiter zuspitzen​. Bayern hat bereits in der Vergangenheit in Krisenzeiten finanzielle Unterstützung geleistet, wie zum Beispiel bei der Bayerischen Landesbank im Jahr 2008. Eine ähnliche Intervention könnte auch der BayWa helfen, die Krise zu meistern und Arbeitsplätze zu sichern.

Kritik am Risikomanagement der BayWa

Damit dies nachhaltig gelingen kann, müsse die BayWa ihr Risikomanagement und ihre Krisenfrüherkennung jedoch deutlich verbessern. “Das Unternehmen hat bisher zu wenig auf Rating-Risiken und deren Auswirkungen auf die Liquidität reagiert”, bemängelte etwa die Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Daniela Bergdolt, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Die hohe Verschuldung der BayWa sei ein sehr ernstes Problem, das nicht ausreichend berücksichtigt worden sei, so Bergdolt weiter.

BayWa-Krise ist nicht branchenspezifisch

Zwar stehen auch andere große Agrarhändler wie Agravis und Raiffeisen Waren vor erheblichen Herausforderungen, doch diese sind weder hausgemacht noch existenzbedrohend. Vielmehr leidet die Branche unter den extremen Witterungsbedingungen und deren Auswirkungen auf die Ernten, dem Preisverfall bei Düngemitteln und russische Getreideimporte sowie der nachlassenden Nachfrage im Bausektor aufgrund gestiegener Zinsen. Die BayWa scheint davon besonders betroffen, da sie zusätzlich mit einer verfehlten Expansionsstrategie und einer hohen Verschuldung zu kämpfen hat.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte: Nasdaq und S&P 500 sacken ab, während Inflationssorgen steigen
14.10.2026

Welche Entwicklungen die Märkte jetzt erschüttern und wo sich überraschende Chancen auftun.

DWN
Politik
Politik Wie gewinnt man den nächsten Krieg? Ex-US-Verteidigungsminister Austin erläutert in Warschau die NATO-Strategie
14.10.2026

Der pensionierte General Lloyd Austin, der unter Präsident Joe Biden US-Verteidigungsminister war, hat beim Warsaw Security Forum die...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell unter Druck: Nach US-Inflationsschub blicken Anleger auf die Fed
14.10.2026

Der Goldpreis tendiert am Mittwochnachmittag in der Verlustzone, weil höhere US-Verbraucherpreise die Hoffnung auf eine Zinssenkung...

DWN
Politik
Politik Trumps Vereinbarung mit Putin dreht sich um weit mehr als Diesel
14.10.2026

Donald Trumps Diesel-Abkommen mit Wladimir Putin wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: US-Gesetze begrenzen russische...

DWN
Technologie
Technologie Starlink in der Ukraine: Streit um neue Geschwindigkeitsgrenze
14.10.2026

In der Ukraine wächst der Ärger über eine offenbar neue Einschränkung beim Satelliteninternet Starlink. Nach Angaben aus dem Umfeld von...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer beschlossen: Kabinett bringt Extra-Steuer auf den Weg
14.10.2026

Zwischendurch hatte das Kanzleramt sie gestoppt, das Finanzministerium musste nacharbeiten - jetzt ist die Zuckersteuer in der...

DWN
Politik
Politik Grüngasquote für private Haushalte ab 2028 sorgt für Kritik
14.10.2026

Die schwarz-rote Koalition hatte sich bei der Einigung auf das neue Gebäudemodernisierungsgesetz - als Nachfolger des...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose: Warum die nächsten Tage alles verändern könnten
14.10.2026

Bitcoin steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Nach massiven Kapitalabflüssen aus Bitcoin-ETFs und einem Kursrutsch auf nahezu...