Panorama

Statistik: 75 Tote durch Behandlungsfehler bei Patienten

Selten, jedoch gravierend: Fehler oder Unachtsamkeiten im OP-Saal oder Behandlungszimmer können erhebliche Konsequenzen haben. Patientenschützer bemängeln die Kultur des Umgangs mit Behandlungsfehlern in der Medizin.
22.08.2024 14:23
Lesezeit: 3 min

Statt der vorgesehenen Operation aufgrund einer Zyste wurde eine 39-jährige Frau sterilisiert – Grund war eine Verwechslung. Die Verwechslung von Patienten oder Körperteilen, die falsche Verabreichung von Medikamenten oder das Zurücklassen von Gegenständen nach Operationen – solche schwerwiegenden Behandlungsfehler werden als „Never Events“ bezeichnet. Laut Gutachtern sollten solche Vorfälle niemals vorkommen und sind vermeidbar.

Im vergangenen Jahr wurden von den Gutachtern rund 150 solcher schwerwiegenden Behandlungsfehler festgestellt. Diese Zahlen wurden bei der Vorstellung der Jahresstatistik 2023 in Berlin durch den Medizinischen Dienst veröffentlicht. Der Dienst begutachtet die Fälle für gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherungen. Insgesamt starben 75 Patienten aufgrund der Fehler medizinischen Personals. Im Vorjahr wurden 84 Todesfälle durch solche Fehler registriert.

„Um solche Fehler zu verhindern, benötigen wir eine Meldepflicht“, fordert Stefan Gronemeyer, Vorstandschef des Medizinischen Dienstes Bund. Da eine solche Meldepflicht in Krankenhäusern derzeit fehlt, werden nur die Fälle erfasst, die durch Patienten selbst zur Prüfung eingereicht werden.

Fehler in jedem fünften Gutachten festgestellt

Aktuell läuft es folgendermaßen: Wer den Verdacht hat, dass bei der eigenen Behandlung ein Fehler gemacht wurde, kann seine gesetzliche Krankenkasse kontaktieren. Diese kann den Medizinischen Dienst einschalten, um den Vorfall zu prüfen. Erst danach wird der Fall in die Statistik aufgenommen. Im Jahr 2023 kam es fast 12.500 Mal zu solchen Überprüfungen, was etwa 600 Gutachten weniger als im Vorjahr ausmacht.

In den meisten Fällen (71,1 Prozent) konnten die Fachleute dem medizinischen Personal kein Fehlverhalten nachweisen. In rund jedem fünften Fall (21,5 Prozent), also bei 2.679 Behandlungen, wurde den Patienten durch einen Fehler der Mediziner Schaden zugefügt. Die absolute Anzahl der Vorfälle bleibt nahezu konstant – im Vorjahr waren es nur 17 mehr. Bei den verbleibenden Gutachten lag entweder kein Schaden vor oder der Zusammenhang zwischen Schaden und Fehlverhalten konnte nicht eindeutig belegt werden.

Die nachgewiesenen Fehler machen weniger als ein Prozent aller Behandlungen in Deutschland aus. Zum Vergleich: Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung gibt es in den Praxen jährlich weit über 500 Millionen Behandlungsfälle. Für die Patienten sind die Fehler dennoch häufig sehr schwerwiegend.

Schwere der Behandlungsfehler

Während die Schäden für die Patienten in den meisten Fällen (65,5 Prozent) vorübergehend sind, bleiben sie bei knapp einem Drittel (29,7 Prozent) der Betroffenen dauerhaft. Der Medizinische Dienst stufte im vergangenen Jahr 180 fehlerbedingte Dauerschäden als schwer ein, was bedeutet, dass Patienten nun pflegebedürftig, blind oder gelähmt sind.

Die Dunkelziffer bei Behandlungsfehlern könnte insgesamt erheblich höher sein. Experten schätzen, dass in etwa einem Prozent aller stationären Behandlungen vermeidbare Schäden auftreten. „Fachleute gehen außerdem davon aus, dass es jedes Jahr ca. 17.000 fehlerbedingte, vermeidbare Todesfälle in unseren Krankenhäusern gibt“, erklärte Gronemeyer. Diese Schätzung basiert unter anderem auf einer Studie des Aktionsbündnisses Patientensicherheit.

Um aus diesen Fehlern zu lernen und deren Wiederholung zu verhindern, fordert der Medizinische Dienst eine Pflicht zur Meldung solcher Fälle – anonym und ohne Sanktionen.

Forderungen nach Härtefallfonds und Meldepflicht

„Wenn solche Fehler auftreten, müssen systematisch Risiken im Versorgungsprozess untersucht werden“, forderte Gronemeyer. Er kritisierte, dass die geplante Krankenhausreform der Bundesregierung keine Maßnahmen zur Vermeidung solcher Fehler vorsehe, die im Ausland längst üblich seien.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz bemängelte die Handhabung von Behandlungsfehlern in der Medizin. „Patientinnen und Patienten werden hierzulande im Stich gelassen. Eine Fehlerkultur in Praxen und Pflegeheimen existiert nicht“, äußerte Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung.

Auf eine Anfrage der dpa teilte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) mit, dass Kliniken und Praxen bereits gesetzlich verpflichtet seien, Fehlermeldesysteme umzusetzen. „Sowohl im vertragsärztlichen Bereich als auch in Krankenhäusern zeigen Auswertungen einen hohen Umsetzungsstand von Fehlermanagement und Fehlermeldesystemen“, so das Ministerium.

Für eine angemessene Entschädigung der Betroffenen wird ein Härtefallfonds gefordert, wie im Koalitionsvertrag versprochen. „Es kann nicht sein, dass die Geschädigten jahrelang auf ihr Recht warten müssen“, kritisierte Brysch und verlangte von Gesundheitsminister einen Gesetzesentwurf. Das BMG erklärte, dass die Möglichkeit geprüft werde, ein Konzept für die Ausgestaltung eines Härtefallfonds in Auftrag zu geben.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Weltwirtschaftsforum Davos: JP Morgan-Chef Dimon weicht Fragen zu Trumps Außenpolitik aus
21.01.2026

JP Morgan-Chef Jamie Dimon sagt, die USA hätten recht, Europa unter Druck zu setzen, seine Verteidigungsfähigkeit auszubauen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Boris Vujčić wird EZB-Vizepräsident: Ein neuer Akteur in der Führungsebene
21.01.2026

Die Europäische Zentralbank steht vor einer Phase tiefgreifender personeller und strategischer Weichenstellungen. Welche Bedeutung kommt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercosur-Abkommen gestoppt: Europaparlament bringt Mercosur-Deal vor Gerichtshof
21.01.2026

Am Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten gibt es viel Kritik. Das Europäische Parlament lässt den Deal jetzt vom obersten...

DWN
Politik
Politik Kommt die Zuckersteuer? Leopoldina: Deutschland würde von Zuckersteuer profitieren
21.01.2026

Andere Länder haben mit einer Zuckersteuer bereits gute Erfahrungen gemacht. Experten der Akademie der Wissenschaften ermuntern zur...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mindestlohn: Lohnerhöhungen führen zu Preissteigerungen und Stellenabbau
21.01.2026

Schritt für Schritt steigt der Mindestlohn in Deutschland - das führt zu einer Welle von Lohnerhöhungen. Wie die Unternehmen nun...

DWN
Politik
Politik Kabinett bringt digitales Führungszeugnis auf den Weg
21.01.2026

Wer ehrenamtlich Fußball-Nachwuchs trainiert, braucht es, wer als Kaufhausdetektiv arbeitet auch: Das Führungszeugnis soll künftig...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: Fristen, Formulare, Fallstricke – so vermeiden Sie typische Fehler
21.01.2026

Die Steuererklärung 2025 muss kein Stressfaktor sein – wenn Sie frühzeitig die richtigen Unterlagen sammeln. Viele verschenken jedes...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mehr arbeiten - wofür? Arbeit als Sinn des Lebens verliert an Bedeutung
21.01.2026

Kanzler Merz fordert mehr Leistung, mehr Einsatz, mehr Arbeitsstunden: Doch für viele Menschen steht das Ziel, mit Freude eine sinnvolle...