Politik

Kreuzung nehmen oder Ampel beachten? Die FDP kämpft um ihr politisches Überleben

Die FDP ist nach drei Jahren der Ampel-Regierung bei den Wahlen in Thüringen und Sachsen in die Bedeutungslosigkeit gefallen. Bei den Wählern in Dresden, Leipzig und Chemnitz hat sogar die Tierschutzpartei mehr Zustimmung bekommen als die Liberalen. Es stehen personelle Konsquenzen an. Und die Frage, wie es in Berlin weitergehen soll.
02.09.2024 16:02
Aktualisiert: 02.09.2024 17:05
Lesezeit: 2 min
Kreuzung nehmen oder Ampel beachten? Die FDP kämpft um ihr politisches Überleben
Thomas Kemmerich (FDP), Spitzenkandidat in Thüringen, und FDP-Parteichef Christian Lindner nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen im Hans-Dietrich-Genscher-Haus. (Foto: dpa) Foto: Fabian Sommer

FDP-Chef Christian Lindner sagt, er halte nach den FDP-Wahlpleiten trotzdem am Verbleib in der Ampel-Koalition fest. Seine Partei stehe zu ihren gegebenen Worten und zum Koalitionsvertrag, sagte der Bundesfinanzminister heute in Berlin. Die Frage ist, wie lange noch. Abnabelungsprozesse sind selten zugleich Sturzgeburten. Dass die Liberalen in Mitteldeutschland anderer Meinung sind, ist nach dem Desaster vom Wahlabend glasklar. FDP-Spitzenkandidat Thomas Kemmerich steht schon länger in innerer Opposition zu Lindner und möchte, dass die FDP in die Offensive geht. Lindner freilich wiegelte erst mal ab: "Hier haben wir unterschiedliche Auffassungen", so Lindner schnippisch.

Doch die Thüringer und Sachsen stehen mit ihrer Ablehnung der Koalition in Berlin nicht allein. Auch Vize-Parteichef Wolfgang Kubicki aus Schlesweig-Holstein ist ein guter Indikator, wenn die Dinge ins Rutschen kommen und die abschüssige Ladung auf einem neuen Laster neu gesichert oder mit neuen Fachkräften gesichert werden muss. Kubicki polterte bereits Sonntagabend los: "Die Ampel hat ihre Legitimation verloren." Auf der Plattform X tippelte er auch noch: "Die Menschen haben den Eindruck, diese Koalition schadet dem Land. Und sie schadet definitiv der Freien Demokratischen Partei."

Wer stolpert als Erster in seinen Samba-Schuhen?

Natürlich auch der vom letzten Umbruch bekannte notorische Dauer-Nörgler Frank Schäffler hat sich kurz und knapp geäußert. "Flasche leer", hieß es bei ihm nur. Was freilich gleichfalls auf Bundestagsfraktion und Partei-Spitze abperlte. So blieb es am Tag nach der Wahl erst mal beim öffentlichen Wundenlecken im Hans-Dietrich-Gescher-Haus. Die Verlierer aus Erfurt und Dresden lieferten die Stichworte, die in den kommenden Wochen ihre giftige Wirkung streuen. Kemmerich in Thüringen macht die Regierungsbeteiligung im Bund verantwortlich: "Die Ampel schadet in meinen Augen Deutschland und hat auch der FDP vor Ort und wahrscheinlich auch bundesweit geschadet", sagte er. "Die Leute sehen nicht ein, dass wir diese Regierung weiter tragen." Er ergänzte zum Mitschreiben: "Ich bin für den Ausstieg aus der Ampel."

Christian Lindner verweist indessen auf noch laufende Projekte der Koalition, wie die erhoffte und dringend in der Wirtschaft erwartete Wachstumsinitiative. "Es ist besser, diese Maßnahmen kommen jetzt, als dass sie nicht kommen", beschwor Lindner die unzufriedene Parteibasis. Er scheint zu glauben, die Parteien des demokratischen Zentrums könnten das Ruder noch rumreißen, wenn die Botschaft an die Wähler anno 2025 nur klar genug rüberkommt. Lindner denkt, eine Asyl-Politik light könnte die Kritiker besänftigen, wenn er sagt: "Insbesondere haben die Leute die Schnauze voll davon, dass dieser Staat möglicherweise die Kontrolle verloren hat bei Einwanderung und Asyl nach Deutschland." Die Bürger verlangten nach Lösungen. Stimmt schon! Doch sie glauben wohl nicht mehr daran, dass SPD, Grüne und FDP dafür die richtigen Sachwalter sind.

Bei der FDP soll es "keine Denkverbote" geben

Mit einer Sache hat Lindner allerdings angedeutet, dass er mittelfristig nicht den Märtyrer der FDP spielen möchte. Es dürfe "keine Denkverbote" geben - "um zu Kontrolle und Konsequenz zu kommen". Soll heißen: Der erste, der in der FDP-Führung aus den Latschen kippt, gibt beim Domino-Tanz den neuen Takt vor. Es gibt in der FDP Insider, die vermuten, dass der glücklose Generalsekretär Bijan Djir-Sarai, statt weiter den Vortänzer zu geben, als erster in seinen Samba-Schuhe ausrutscht und kopfüber hinfällt. "Wir haben unsere Wahlziele heute nicht erreicht", sagte Djir-Sarai einigermaßen sprachlos. Verlässt er als ersten den Tanzsaal, könnte es ganz schnell gehen, lange bevor mit den Wahlen 2025 der nächste deutsche Herbst droht.

Lindner hat das Rauf und Runter in der FDP schon mal mitbekommen und dabei Geschick bewiesen. Er wünschte seinen Parteifreunden im Bundesvorstand deshalb schon mal präventiv "starke Nerven". Wer glaubt da noch, dass die Dinge einfach so weiter gehen im kommenden Jahr?

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Das Thema Datenschutz ist als Verkaufsargument erneut in den Fokus gerückt

Nicht nur im Bankwesen oder in den sozialen Medien spielt der Datenschutz bei alltäglichen Kaufentscheidungen eine wichtige Rolle. Auch...

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street feiert Comeback, da Sorgen um Waffenruhe durch Israel-Libanon-Gespräche gelindert wurden
09.04.2026

Nach anfänglichen Turbulenzen drehen die Kurse plötzlich ins Plus – was hinter der Erleichterung der Anleger steckt und welche...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation steigt kurzfristig: IWF warnt vor Risiken für Märkte
09.04.2026

Der Iran-Krieg drückt auf das globale Wachstum und treibt die Preise. Selbst das optimistischste Szenario des IWF sieht jetzt eine...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe im Golf: Straße von Hormus weiterhin eingeschränkt
09.04.2026

Die Waffenruhe im Golf sorgt weiterhin für Unsicherheit auf zentralen Handelsrouten und belastet Reedereien sowie Energiemärkte. Warum...

DWN
Politik
Politik 5 Prozent Inflation: Trotz Waffenstillstand droht erheblicher Kaufkraftverlust
09.04.2026

Es ist laut IEA die "schwerste fossile Energiekrise unserer Zeit" – und die Inflation zieht bereits spürbar an. Experten warnen vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Firmenpleiten auf höchstem Stand seit mehr als 20 Jahren
09.04.2026

Mehr als 4.500 Firmen meldeten im ersten Quartal Insolvenz an – so viele wie seit 2005 nicht mehr. Besonders stark betroffen sind...

DWN
Politik
Politik Nach Waffenruhe: Wie ist der Stand in der Straße von Hormus?
09.04.2026

Der Iran will Maut verlangen. Was ist erlaubt, und wer könnte die Passage sichern? Antworten auf zentrale Fragen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spritpreise fallen kaum: Ölpreis stürzt, Zapfsäule bremst
09.04.2026

Der Ölpreis bricht ein – doch an der Zapfsäule kommt davon kaum etwas an. Jetzt wächst der Druck auf Konzerne und Politik, die Preise...

DWN
Politik
Politik Streit um Rundfunkbeitrag: VGH prüft Programmvielfalt
09.04.2026

Neun Kläger vor dem VGH Baden-Württemberg weigern sich, den Rundfunkbeitrag zu zahlen. Sie bezweifeln die Ausgewogenheit der...