Politik

Etatberatung im Bundestag: Wohlfeile Ratschläge aus der Schweiz zur Sicherheitslage

Die Schweizer "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) schreibt auf Deutsch - und zumeist Klartext. Manche Leser könnten glauben, es handelt es sich um eine deutsche Zeitung, so sehr, wie sich die "NZZ" in die Innenpolitik des großen Nachbarn im Norden einmischt. Jetzt haben die Eidgenossen der Bundeswehr die Verteidigungsfähigkeit abgesprochen. Tenor ihres heutigen Kommentars: Berlin müsse mehr in die Buundeswehr investieren, sonst könne die wohl "Putin kaum aufhalten". Klingt wie das sorgenvolle Pfeifen im Walde. Und was raten wir den Schweizern?
13.09.2024 16:57
Lesezeit: 4 min

Im Deutschen Bundestag wird seit dieser Woche im Plenum mit harten Bandagen um den Bundes-Haushalt gerungen. Zu verteilen gibt es nichts, sparen mag hingegen auch niemand. Also müssten eigentlich Prioritäten gesetzt werden. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) wird nicht müde, zu wiederholen, dass die Sicherheitslage die oberste Prämisse haben müsse. Denn: Ohne Sicherheit wird es in Deutschland keine Zukunft geben.

Auch in den Alpen sieht man die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands offenbar in größter Gefahr. Darauf deutet der aktuelle Kommentar der "Neuen Zürcher Zeitung" hin, die dringend warnt, dass Putins Truppen täglich weiter vorrücken. Das stimmt leider. Bislang nur in der Ukraine, aber Weichsel und Oder sind ja nicht mehr fern. In der Analyse lautet das so: "Auch wenn AfD und Wagenknecht etwas anderes erzählen: Russland will das sowjetische Imperium möglichst vollständig wiederherstellen. Die deutsche Armee könnte Putins Truppen in ihrem derzeitigen Zustand aber kaum aufhalten. Olaf Scholz war angetreten, um das zu ändern. Doch sein Wort von der Zeitenwende wirkt nur noch wie eine Floskel."

Und daraus leiten die Eidgenossen ganz dringende Empfehlungen für die Abgeordneten des Bundestages ab. Die Schweiz warnt das Nachbarland vor eminenten Gefahren. Die Versicherungsprämie zu bezahlen, habe dieser Tage absolute Priorität in Mitteleuropa. Wörtlich: "Nichts dokumentiert das besser als der Haushalt für 2025. Trotz eines Rekordumfangs von 490 Milliarden Euro soll der Verteidigungsetat um lediglich 1,2 Milliarden Euro auf etwa 53 Milliarden anwachsen. Die derzeitigen Beratungen des Bundestags werden, das kann man jetzt schon sagen, daran kaum etwas ändern."

Die Angst in den Alpen ist offenbar noch größer als im deutschen Mittelgebirge

Mit einem gewissen Erstaunen muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Angst vor "Iwan, dem Schrecklichen" in der güldenen Schweiz noch viel weiter ausgeprägt ist - als etwa in Thüringen und Sachsen, wo die Putin-Versteher vom Bündnis Sahra Wagenknecht die politische Richtung derzeit auf den Kämmen des Thüringer Waldes und auf den Zinnen der Sächsischen Schweiz zu dominieren versuchen.

Noch einmal die "NZZ" im Originaltext vom Freitagmorgen: "Ohne Sicherheit ist alles nichts, hat Scholz im Februar an der Münchner Sicherheitskonferenz gesagt. Weder er noch seine Koalition scheinen den Satz allerdings noch ernst zu nehmen. Nun könnte man auf das 100-Milliarden-Sondervermögen verweisen. Aber es wird in spätestens drei Jahren aufgebraucht sein. Und dann steht die Bundeswehr vor einem gewaltigen Finanzierungsproblem."

Die Deutschen sind sehr eigen, wenn sie auf Ratschläge der Schweiz reagieren

Dazu passt eine weitere kurze, aber heftige Notiz aus dem heutigen Pressespiegel. "Brisanter Brief aus Berlin: Schließt die Bundeswehr die Schweiz von zukünftigen Rüstungsaufträgen aus?" So titelt "Business Insider" aus dem Verlagshaus Axel Springer am 13. September. Das ist sicherlich erläuterungsbedürftig. Denn, dass die Schweiz bei dem Thema geschurigelt werden soll, überrascht vermutlich viele. Das letzte mal ging es bei den angedrohten Kavallerie-Einsätzen gegen das gefährliche Bergvolk lediglich um das viele deutsche Schwarzgeld, dass auf geheimen Schweizer Konten versteckt war. Peer Steinbrück, unser ehemaliger Finanzminister der SPD, fand das Benehmen der Schweizer Banker geradezu als dreist und aggressiv. In seiner unvergessenen Bildsprache bemühte Steinbrück militärische Truppen, die für Ordnung sorgen sollten.

Jetzt werden also die Rüstungsbetriebe zwischen Basel und Lugano, Winterthur und Genf ins Visier genommen. Die exportieren tatsächlich vornehmlich sehr präzise Waffen und Minition, beliefern insbesondere gerne die zahlungswillige Bundesrepublik. Die Frage ist: Wie lange noch?

Schon fast wieder vergessen ist ein Vorfall aus dem April 2022, als Deutschland der Ukraine im Kampf gegen die Invasion Russlands in der Schweiz erworbene Munition liefern wollte. Es ging um die veralteten und ausgemusterten Gepard-Flugabwehr-Panzer, deren Geschosse in der Schweiz hergestellt wurden. Die Alpenrepublik blockierte den Export über ein Jahr lang mit fadenscheinigen Argumenten. Erst im September 2023 erfolgte der Durchbruch. Das könnte nun erzieherische Maßnahmen zeitigen, vulgo: Konsequenzen haben. Das Schweizer Bundesamt für Rüstung in Bern hat nämlich Post aus Deutschland erhalten.

In dem Brief an die als Armasuisse benannte Behörde wurde scheinbar die Kooperation mit dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz in Frage gestellt. Urs Loher, der Direktor des Armasuisse, hat die neue Tonlage aus Deutschland prompt als Drohung insinuiert und - wie folgt - kommentiert: "Für Deutschland ist die Schweiz nicht mehr vertrauenswürdig. Im deutschen Parlament zum Beispiel wird ‚Swiss Free‘ offenbar im gleichen Atemzug wie ‚China Free‘ verwendet.“

Inseln der glückseligen Sicherheit gibt es weder in der Schweiz noch im Osten Deutschlands

Wohlgemerkt, anno 2022 ging es um 100.000 Schuss für die altersschwachen Gepard-Panzer. Dass die Schweiz weit mehr zu bieten hat, was die Nato und Deutschland brauchen, liegt natürlich auf der Hand. Bemerkenswert ist der Vorgang nur deshalb, weil damit klar wird, dass es Inseln der Sicherheit und Glückseligkeit im neuen Ost-West-Konflikt nicht gibt. Weder in der Schweiz noch in Thüringen, Sachsen oder gar Brandenburg, das die deutsche Hauptstadt bekanntlich vollständig umfasst (man könnte auch sagen: umzingelt hat). Dort wird am 22. September der Potsdamer Landtag gewählt. Man darf gespannt sein, was die Redaktion der "NZZ" den dortigen Wählern rät oder am Montag danach ins Stammbuch schreiben wird.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (09/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Horacio Pagani im Porträt: Seine Autos sind verkauft, bevor die Öffentlichkeit sie sieht
27.09.2026

Horacio Pagani baut keine Autos für den Massenmarkt. Im vergangenen Jahr sollen es gerade einmal rund 50 gewesen sein, das günstigste...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmensnachfolge: Mehr Schließungs- als Übergabepläne im Mittelstand
27.09.2026

Erstmals wollen mehr Mittelständler dichtmachen als übergeben. Betroffen sind auch profitable Betriebe mit vollen Auftragsbüchern. Oft...

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI für Anwälte: Der 26-Jährige, dem Investoren Milliarden hinterhertragen
27.09.2026

Drei Gründer, drei Jahre und inzwischen eine mögliche Milliardenbewertung: Der erst 26-jährige Max Junestrand baut mit Legora eines der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autoindustrie Slowakei: Der Autoriese ohne eigene Automarke
26.09.2026

Kein anderes Land produziert gemessen an seiner Einwohnerzahl so viele Autos wie die Slowakei. Volkswagen, Kia, Porsche und Land Rover...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreichs Wirtschaft: Fünf Warnsignale vor der Präsidentenwahl
26.09.2026

Frankreichs Wirtschaft kommt kaum noch vom Fleck, während der Schuldenberg weiter wächst und Anleger höhere Zinsen verlangen....

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis im Aufwärtsmodus: Während KI träumt, verdienen Ölkonzerne Milliarden
26.09.2026

Der Ölpreis steigt rasant und stellt die Weltwirtschaft vor unbequeme Fragen. Teure Energie kann Inflation anheizen, Wachstum bremsen und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmenskultur: Was Firmen von Netflix wirklich lernen können
26.09.2026

Netflix gilt vielen Unternehmen als Vorbild für Freiheit, Verantwortung und weniger Bürokratie. Doch wer erfolgreiche Managementmodelle...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Toyota Corolla Cross im Test: Der Hybrid, der an einen Diesel erinnert
26.09.2026

Der Toyota Corolla Cross verbindet Hybridtechnik mit viel Komfort und erstaunlich niedrigem Verbrauch. In der getesteten GR-Sport-Version...