Finanzen

Vorzeitiger Ruhestand: Mit welchem Vermögen braucht man nicht mehr zu arbeiten?

Viele Ältere wollen laut Umfragen vorzeitig in den Ruhestand - etwa als Privatier oder zumindest einige Jahre vor dem regulären Renteneintritt. Doch wie viel Vermögen braucht man dafür?
Autor
22.09.2024 13:30
Aktualisiert: 22.09.2024 15:00
Lesezeit: 3 min

In Deutschland ist die Zahl der Privatiers zuletzt gewachsen. Im Jahr 2021 bestritten über 800.000 Menschen ihren Lebensunterhalt aus eigenem Vermögen, etwa Zinsen, Einnahmen aus Vermietung oder einem Altenteil, wie die Datenplattform Statista unter Berufung auf das Statistische Bundesamt berichtet.

40 Prozent davon waren zwischen 45 und 65 Jahren alt. Der Rest war je zur Hälfte älter oder jünger. Insgesamt machen Privatiers rund 1 Prozent der Bevölkerung aus.

Selbst für vorzeitige Rente meist sechsstelliges Vermögen nötig

Laut Experten ist aber ein relativ hohes Vermögen nötig, um dauerhaft von den Erträgen leben zu können. “Die meisten Menschen unterschätzen die Summe erheblich, die man braucht, um von den Erträgen ein Leben wie ein Reicher zu führen. Ein oder zwei Millionen genügen definitiv nicht”, erklärt der Reichtumsforscher Rainer Zitelmann gegenüber DWN.

Viele würden die Steuern und die Inflation außer Acht lassen oder davon ausgehen, dass alles in Aktien angelegt werde. Das sei aber “zu riskant”. Gehe man von einem Portfolio von je 50 Prozent Aktien und Staatsanleihen mit Top-Bonität aus (AAA-Rating), seien nach Steuern, Kosten und Inflation knapp 2 Prozent Rendite realistisch, erklärt der Autor des Buches “Reich werden und bleiben”.

Dann sei eine Summe von 10 Millionen Euro nötig, um 14.000 Euro pro Monat zu entnehmen. Bei einem Vermögen von 5 Millionen Euro seien es 7000 Euro pro Monat.

Auch Thomas Wolff vom Schweizer Beratungsunternehmen VZ Vermögenszentrum denkt, dass viele Anleger die Summe unterschätzen, mit der man ausgesorgt hat. “Bei einer ewigen Rente ohne Kapitalverzehr ist ein Vermögen von mehreren Millionen Euro nötig, aber selbst bei einem vorzeitigen Ruhestand von zwei Jahren braucht es rasch eine sechsstellige Summe - je nach Lebensstandard”, erklärt der Niederlassungsleiter Berlin im Gespräch mit DWN.

Das VZ Vermögenszentrum rechnet es in einem Online-Artikel vor: Wer 90.000 Euro brutto verdient, gesetzlich krankenversichert ist und bei einem regulären Renteneintritt mit 67 Jahren 2175 Euro pro Monat erhalten würde, bräuchte 56.000 Euro auf der hohen Kante für ein Jahr vorzeitigen Ruhestand. Bei zwei Jahren wären es 115.000 Euro und bei vier Jahren sogar 236.000 Euro (Annahme: Lebenserwartung von 90 Jahren, ledig, Netto-Rentensteigerung von 1 Prozent pro Jahr).

Dabei gingen die Vermögensberater davon aus, dass der Rentner die gesetzliche Rente vorzeitig in Anspruch nimmt. Das dürfen gesunde Rentner bis zu vier Jahre vor dem regulären Renteneintritt. Voraussetzung dafür ist, dass sie mindestens 35 Beitragsjahre angesammelt haben.

Allerdings erhalten sie dann 0,3 Prozentpunkte pro Monat weniger. Bei einem vorzeitigen Renteneintritt von zwei Jahren - etwa mit 65 statt 67 - würde also ein Abschlag von 7,2 Prozent fällig. “On top kommen die entgangenen Rentenzuwächse, weil der Rentner nicht mehr einzahlt und gerade am Ende seines Erwerbslebens am meisten verdient und somit die höchsten Ansprüche erwerben würde”, erklärt Wolff.

Eine Alternative wäre, die Rente nicht vorzeitig zu beziehen und stattdessen von einem angesparten Vermögen bis zum regulären Renteneintritt zu leben. Doch auch hier ist rasch ein sechsstelliger Betrag nötig, wie eine DWN-Rechnung zeigt: Wer zwei Jahre lang eine monatliche Rente von 4000 Euro beziehen will, der braucht mehr als 90.000 Euro auf der hohen Kante - egal, ob er 2 oder 5 Prozent Zinsen pro Jahr einstreicht.

Bei einer monatlichen Rente von 5000 Euro wären es knapp 120.000 Euro (6000 Euro: 140.000 Euro, 3000 Euro: 70.000 Euro). Bei einem vorzeitigen Renteneintritt von einem Jahr ist das nötige Vermögen entsprechend geringer (3000 Euro: 35.000 Euro, 4000 Euro: 45.000 Euro, 5000 Euro: 60.000 Euro).

Wie sollten Ältere den Renteneintritt planen?

Ob ein vorzeitiger Renteneintritt mit oder ohne Abschläge besser ist, ist laut Wolff eine individuelle Frage. “Je älter man wird, umso mehr schmerzen die aufsummierten Abschläge bis zum Lebensende”, erklärt er. Wer von einer höheren Lebenserwartung ausgehe, solle daher zuerst prüfen, ob der vorzeitige Ruhestand ohne Rentenbezug aus den Ersparnissen gestemmt werden könne.

Ältere können ihre Lebenserwartung auf der Internetseite “Wie alt werde ich?” schätzen lassen, die Faktoren wie die gesundheitliche Situation und den Lebensstil berücksichtigt. Laut der Sterbetafel des Statistischen Bundesamts werden zehn Prozent der Männer 92 Jahre oder älter und zehn Prozent der Frauen sogar 95 Jahre oder älter.

Wolff hält es vor allem für wichtig, sich früh über den Renteneintritt Gedanken zu machen. “Mit 50 sollte man sich einen Überblick verschaffen, über welche Rentenansprüche man verfügt und welches Vermögen man in den kommenden Jahren noch aufbauen kann”, erklärt er.

Drei Jahre vor der Rente sei es meistens zu spät, um etwa bei den Ausgaben zu kürzen. Außerdem könne man entspannter in Verhandlungen mit dem Arbeitgeber gehen, wenn man die nötige Abfindungssumme für den vorzeitigen Renteneintritt kenne.

Sparen solle man mit günstigen Aktien-ETFs. Auf der Zinsseite könne man Anleihen-ETFs nutzen, aber auch Tages- und Festgelder unterhalb der gesetzlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro pro Kunde und Bank.

Neben dem rechtzeitigen Sparen vor dem Renteneintritt gibt es weitere Tricks, um vorzeitig in Rente zu gehen. Ein Rentenberater sah gegenüber DWN mehrere Wege, unter anderem Altersteilzeit, ein Wertguthaben, den Kauf von Rentenpunkten oder einen Aufhebungsvertrag.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Der Europäische Online-Glücksspielmarkt: Wachstum, Regulierung Und Konsolidierung 2026

Wenige Branchen wachsen in Europa derzeit so beständig wie das Online-Glücksspiel, und noch weniger tun das bei einem derart...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Elias Huber

Elias Huber arbeitet als freier Journalist und Honorar-Finanzanlagenberater. Der studierte Volkswirt schreibt vor allem über die Themen Wirtschaft und Geldanlage. 

DWN
Finanzen
Finanzen Adieu Frankreich, adieu Deutschland: Wohin Europas Reiche ziehen
14.08.2026

Politische Unsicherheit, hohe Steuern: Das sind die wichtigsten Gründe, warum Reiche die zwei stärksten Länder Europas verlassen. Wohin...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Sandisk und Reddit glänzen trotz wachsender Konjunktursorgen
14.08.2026

Erfahren Sie, welche Dynamiken die Wall Street bewegen und warum ausgewählte Einzelwerte den trüben Konjunktursignalen trotzen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BMW-Werk Dingolfing rüstet auf für den entscheidenden Kampf um die Autozukunft
14.08.2026

Tausende Roboter, 280.000 Autos im Jahr und eine neue Batteriefabrik sollen BMWs größten europäischen Produktionsstandort zukunftsfähig...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Solarstrom-Produktion unter Druck: Wie sicher ist Deutschlands Stromnetz wirklich?
14.08.2026

Eine Sonnenfinsternis reicht aus, um Europas Solarstrom-Produktion binnen kurzer Zeit massiv zu drücken und die Strompreise nach oben...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo ES90 im Test: Ein guter Grund, den Deutschen Lebewohl zu sagen?
14.08.2026

Der Volvo ES90 ist kein Elektroauto für Käufer, die möglichst günstig in die Premiumklasse einsteigen wollen. Doch wer Komfort,...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt ECS Energiemakler: Wenn die Stromrechnung Fragen aufwirft
14.08.2026

Strom und Gas sind für viele Unternehmen heute mehr als ein einfacher Einkaufsposten. Sie sind ein Bereich, in dem Preise, Netzentgelte...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ferrari Luce: Erst verspottet, jetzt reißen sich Käufer um den Elektro-Ferrari
14.08.2026

Der Ferrari Luce provozierte Fans, verunsicherte Anleger und ließ Zweifel an Ferraris Elektrostrategie wachsen. Nun ist das Verkaufsziel...

DWN
Panorama
Panorama Konsumflaute trifft Camping-Boom: Jetzt mobile Kaffeemaschinen kaufen und bares Geld sparen!
14.08.2026

Camping boomt, Reisen bleibt beliebt – doch gleichzeitig sitzt das Geld bei vielen Verbrauchern nicht mehr so locker. Genau in diesem...