Wirtschaft

Alarmierende Zahlen: Unternehmensinsolvenzen erreichen Rekordniveau

Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts offenbaren eine dramatische Entwicklung: So viele Unternehmen wie nie zuvor stehen vor der Insolvenz. Welche Auswirkungen hat das auf die Zukunft des Industriestandortes Deutschland? Droht eine Deindustrialisierung, die unseren Wohlstand langfristig gefährdet?
21.09.2024 06:02
Lesezeit: 3 min
Alarmierende Zahlen: Unternehmensinsolvenzen erreichen Rekordniveau
Die deutsche Wirtschaft steht vor einem Wendepunkt: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt rasant – ein alarmierendes Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland. (Foto: iStock.com, franconiaphoto) Foto: franconiaphoto

Die deutsche Wirtschaft steht an einem entscheidenden Wendepunkt: Das Land erlebt einen beispiellosen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen – ein düsteres Vorzeichen für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Besonders die Industrie, einst Garant für Wachstum und Arbeitsplätze, gerät zunehmend ins Wanken. Steigende Energiekosten, globale Lieferkettenstörungen und geopolitische Unsicherheiten treiben viele Firmen in die Knie.

Im ersten Halbjahr 2024 verzeichneten die Amtsgerichte 10.702 beantragte Unternehmensinsolvenzen, was einem Anstieg von 24,9-Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Die Gläubiger forderten in diesem Zeitraum rund 32,4 Milliarden Euro – ein enormer Zuwachs im Vergleich zu den 13,9 Milliarden Euro des Vorjahres. „Bezogen auf 10.000 Unternehmen gab es im ersten Halbjahr 2024 in Deutschland insgesamt 31,2 Unternehmensinsolvenzen“, so das Statistische Bundesamt (Destatis). Seit August 2024 ist ein erneuter Anstieg der Insolvenzanträge zu verzeichnen: Laut Destatis nahmen die Insolvenzanträge im Vergleich zum Vorjahresmonat um weitere 10,7-Prozent zu.

Regionale Unterschiede: Bremen ist Spitzenreiter bei den Unternehmenspleiten!

Die größten Zuwächse bei den Unternehmensinsolvenzen verzeichnete im ersten Halbjahr 2024 Bremen mit einem Anstieg von 40-Prozent. Auch in Rheinland-Pfalz (37-Prozent) und Niedersachsen (35,1 Prozent) stiegen die Insolvenzzahlen überdurchschnittlich. In anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg (32,6-Prozent) und Bayern (20,1-Prozent) lag der Anstieg ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt. Lediglich in Schleswig-Holstein fiel das Wachstum mit 5-Prozent vergleichsweise moderat aus.

Insolvenzzahlen erreichen Rekordwerte: Besonders die Industrie leidet!

Die aktuelle Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen erinnert an frühere Wirtschaftskrisen. Ähnlich wie in der Finanzkrise 2008/2009 trifft es insbesondere Unternehmen in bestimmten Branchen, wie das Baugewerbe und die Industrie. Nach Angaben des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) meldeten im Juli 145 Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe Insolvenz an. Dieser Wert liegt 46-Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019.

Experten warnen vor den Folgen für den Wirtschaftsstandort. Mark Evers, Mittelstandsexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), sieht darin einen „alarmierenden" Trend. „Der deutlich überproportionale Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in der Industrie, das Absacken der Industrieproduktion, die immer deutlicheren Verlagerungstendenzen – all das sind keine guten Aussichten für den hiesigen Produktionsstandort."

Steht Deutschland vor einer schleichenden Deindustrialisierung?

Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, erklärt, dass derzeit vor allem die Schwierigkeiten bei bekannten und großen Unternehmen die Diskussion um eine mögliche Deindustrialisierung Deutschlands prägen. Besonders besorgniserregend sei jedoch das stille Verschwinden zahlreicher hochspezialisierter Betriebe. Selbst etablierte Unternehmen können den aktuellen Herausforderungen nicht mehr standhalten.

Ein Beispiel dafür ist die Schließung des deutschen Maschinenbauers Illig aus Heilbronn, der zu den sogenannten „Hidden Champions“ zählte. Nach fast 80 Jahren musste das Unternehmen, das sich mit Verpackungen und Thermoformen weltweit einen Namen gemacht hatte, seinen Betrieb einstellen. Anfang Juli leitete der Betrieb ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung ein. Diese bietet Illig die Chance, unter Aufsicht eines Sachwalters einen Sanierungsplan zu entwickeln und umzusetzen, um eine endgültige Schließung zu verhindern und Arbeitsplätze zu sichern. Die Suche nach einem Investor läuft auf Hochtouren. Derzeit bangen 550 Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze.

Steigende Insolvenzzahlen: Eine ernstzunehmende Herausforderung für die deutsche Wirtschaft!

Um den negativen Trend des rapiden Anstiegs von Unternehmensinsolvenzen abzufedern, sind Politik und Wirtschaft gefordert, entschlossen zu handeln. Doch kosmetische Maßnahmen reichen nicht aus – es braucht tiefgreifende strukturelle Reformen und einen klaren politischen Willen, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern. „Angesichts der zahlreichen strukturellen Herausforderungen sind beherzte und wirksame Maßnahmen gefragt – zügig und unbürokratisch“, fordert DIHK-Mittelstandsexperte Marc Evers.

Der Abbau bürokratischer Hürden, eine nachhaltige und kosteneffiziente Energiepolitik sowie gezielte steuerliche Entlastungen sind essenzielle Schritte, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu gewährleisten. Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, die Neugründungen und Innovationen erleichtern und die Grundlage für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung schaffen.

Die von der Bundesregierung präsentierte Wachstumsinitiative mit ihren 49 Maßnahmen und Anreizen für Unternehmen stellt zwar einen wichtigen Anfang dar, doch laut Evers sind sie nicht ausreichend. „Wir benötigen einen radikalen Bürokratieabbau, klare Perspektiven für eine kosteneffiziente Energieversorgung und dringend notwendige Entlastungen bei der im internationalen Vergleich hohen Unternehmensbesteuerung.“ Die Zeit für zögerliche Maßnahmen ist vorbei. Millionen Arbeitsplätze und der wirtschaftliche Wohlstand Deutschlands stehen auf dem Spiel. Nur durch mutige und schnelle Reformen kann das Land den Trend umkehren und den drohenden Verlust wichtiger Schlüsselindustrien abwenden. Jetzt ist der Moment, zu handeln – bevor es zu spät ist.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Ist die Ära der Niedrigzinsen vorbei? Wie Bull DeFi ungenutzte Ersparnisse in aktive Renditen verwandelt – bis zu 3.700 US-Dollar pro Tag.

Wir beleuchten die unterschiedlichen Mechanismen von Bull Market DeFi im Vergleich zu traditionellen Anlagen – und warum es sich lohnt,...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
DWN
Politik
Politik KI-Steuer, steuerfreie Einkommen, Grundeinkommen? Zeit für einen Systemwechsel
04.08.2026

Wenn Erwerbsarbeit nicht mehr die Existenz sichert: Künstliche Intelligenz frisst Arbeitsplätze, Inflation und Steuern fressen Löhne,...

DWN
Finanzen
Finanzen Nivea bremst: Beiersdorf-Aktie gerät unter Druck
04.08.2026

Die Schwäche von Nivea zwingt Beiersdorf zu einer überraschenden Prognosesenkung und setzt die Beiersdorf-Aktie kräftig unter Druck....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ein Volk in Rente: 22,5 Millionen Rentenempfänger in Deutschland
04.08.2026

Immer mehr Menschen beziehen Rente – und der steuerpflichtige Anteil der Auszahlungen wächst weiter. Neue Zahlen zeigen, wie viele...

DWN
Finanzen
Finanzen Hensoldt-Aktie: Bosch-Fachkräfte an Bord
04.08.2026

Die Hensoldt-Aktie rückt in den Fokus, weil der Rüstungskonzern ein neues Entwicklungszentrum mit rund 300 Stellen plant und dabei auf...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsmarkt: Immer mehr Vermieter geben Geschäft auf – Investitionen unter Druck
04.08.2026

Wohnungsmangel, steigende Kosten und wachsende Unsicherheit setzen den Wohnungsmarkt unter Druck. Immer mehr Privatvermieter und...

DWN
Finanzen
Finanzen Zalando-Aktie gerät kräftig unter Druck
04.08.2026

Die Zalando-Aktie gerät nach Quartalszahlen und einer angepassten Jahresprognose kräftig unter Druck. Schwächere Ergebnisse und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wasser-Aktien: Der Billionenmarkt, den Anleger unterschätzen
04.08.2026

Wasser wird knapp, Unternehmen geraten unter Druck und weltweit drohen gewaltige Versorgungslücken. Trotzdem bleiben Wasser-Aktien bislang...

DWN
Finanzen
Finanzen Koreanischer Aktienmarkt: Der KI-Rausch endet in der Hölle
04.08.2026

Erst explodierten die Kurse, dann verbrannten Milliarden: Der koreanische Aktienmarkt ist innerhalb weniger Wochen vom KI-Wunderland zur...