Wirtschaft

Erneuerbare Energien 2030: Fortschritt durch niedrige Kosten, gehemmt durch Politik

Die Internationalen Energieagenturen berichten, dass die Verdreifachung der erneuerbaren Energiekapazitäten bis 2030 dank drastisch gesunkener Kosten für Solarmodule und Batterien nun möglich ist. Doch trotz der steigenden Wirtschaftlichkeit behindern politische Hürden und geopolitische Spannungen die rasche Umsetzung dieser Technologien. NIMBY-Aktivismus und Handelsbarrieren, insbesondere zwischen dem Westen und China, erschweren den Fortschritt und gefährden die globale Dekarbonisierung.
Autor
avtor
20.09.2024 07:28
Aktualisiert: 20.09.2024 07:58
Lesezeit: 3 min
Erneuerbare Energien 2030: Fortschritt durch niedrige Kosten, gehemmt durch Politik
Die fallenden Preise für Solarmodule und Batterien haben die Kosten für den Klimaschutz erheblich gesenkt. (Foto: iStock.com, sl-f) Foto: sl-f

Laut Internationaler Energieagentur ist die Verdreifachung der Kapazität bei den erneuerbaren Energien bis 2030 – ein auf der letztjährigen Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Dubai festgelegtes Ziel – dank drastischer Kostensenkungen bei sauberen Energietechnologien nun erreichbar. Vor allem die sinkenden Preise für Solarmodule und Batterien haben die Wirtschaftlichkeit des Klimaschutzes rapide verbessert.

In den letzten 20 Jahren sind die Preise für Solarmodule immer dann gesunken, wenn sich die weltweite Kapazität verdoppelt hat, und der kontinuierliche Ausbau der Solarkapazitäten insbesondere in China wird zu weiteren Fortschritten führen. Im Vergleich dazu profitieren andere Technologien für erneuerbare Energien, wie z. B. Windturbinen, nicht von denselben Größenvorteilen, da ihre vielen beweglichen Teile leichter kaputt gehen. Infolgedessen sind die Kosten für die Windenergie zwar erheblich, aber nicht in gleichem Maße gesunken. Es scheint wahrscheinlich, dass sich die immer billigere Solarenergie auf breiter Front als erneuerbare Energiequelle der Wahl durchsetzen wird.

Eine weitere wichtige Entwicklung sind die sinkenden Kosten für Batterien. Wie bei den Solarzellen sind die Batteriepreise in den letzten Jahrzehnten bei jeder Verdoppelung der Produktion um etwa 19 % gesunken. Dieser Trend muss sich fortsetzen, um billigere Elektrofahrzeuge zu produzieren und die den erneuerbaren Energien innewohnenden Schwankungen auszugleichen. Insbesondere die Kombination aus Solarenergie (die einen vorhersehbaren Tageszyklus hat) und Batterien kommt der Schaffung der idealen, bedarfsgerecht zur Verfügung stehenden Energiequelle sehr nahe.

Die gesteigerte Wirtschaftlichkeit der erneuerbaren Energien ist eine positive und notwendige Entwicklung, bedeutet jedoch nicht, dass wir den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen werden. Zwar gibt es jetzt einen glaubwürdigen, kostengünstigen Weg zur Dekarbonisierung von Energiesystemen und Verkehr, die zusammen für 60 % der Emissionen verantwortlich sind. Doch leider haben sich sowohl auf globaler als auch auf lokaler Ebene politische Hindernisse für die rasche Einführung dieser sauberen Energielösungen aufgetan.

In den hochentwickelten Volkswirtschaften erwachsen die größten Hindernisse für erneuerbare Energien auf lokaler Ebene: NIMBY-Aktivismus („not in my backyard“) verhindert häufig neue Windkraftanlagen und den Ausbau der für Integration und Transport großer Mengen erneuerbaren Stroms unverzichtbaren Stromnetze. So ist es etwa in Deutschland bisher nicht gelungen, eine Verbindung zwischen den Offshore-Windparks in der Nordsee und dem industriellen Süden herzustellen. Der örtliche Widerstand gegen neue Stromleitungen war so groß, dass die als SuedLink bezeichnete Verbindung nun mit Erdkabeln hergestellt wird, die die Kosten verfünffachen. Die EU-Kommission hat das Problem des NIMBYismus erkannt und die Mitgliedstaaten kürzlich angewiesen, die Genehmigungsverfahren für Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien zu beschleunigen.

Das größte Hindernis für die Dekarbonisierung sind jedoch die wachsenden Spannungen zwischen dem Westen und China. Eine große hochentwickelte Volkswirtschaft wie die EU oder die USA, so das Argument, könne nicht zulassen, dass ein geopolitischer Rivale künftige Wachstumsbranchen dominiert. Diese Ansicht hat den Weg für eine grüne Industriepolitik auf beiden Seiten des Atlantiks geebnet. Doch sinken die Kosten für Solarpaneele und Batterien gerade deshalb so schnell, weil es sich um ausgereifte Technologien mit zunehmend standardisierten Produkten handelt (bei deren großmaßstäblicher Produktion China herausragt). Es handelt sich dabei nicht um Zukunftsbranchen.

Ein weiteres Argument für die heimische Produktion im Bereich der erneuerbaren Energien ist die Gewährleistung der Energiesicherheit. Aber auch dies ist falsch. Eine Unterbrechung der Versorgung mit Solarmodulen würde die Energieversorgung nicht unterbrechen, da die bestehenden Anlagen (zu Grenzkosten von null) weiterhin Strom erzeugen würden.

Am deutlichsten sind diese Spannungen im Sektor der Elektrofahrzeuge zu spüren. Der Marktanteil von Elektrofahrzeugen stagniert in den USA bei 8 % und in der EU bei etwa 15 %. Das liegt zum Teil daran, dass diese Fahrzeuge teurer sind – oft bis zu 20.000 Dollar – als Autos mit Verbrennungsmotor. Die in den USA und der EU eingerichteten Subventionsprogramme gleichen die höheren Kosten nur teilweise aus, während in China Elektrofahrzeuge nahezu preisgleich mit Verbrennern sind und ihr Marktanteil in 2023 bei über 35 % lag. Durch die Einfuhr kostengünstiger chinesischer Elektrofahrzeuge könnten westliche Verbraucher Geld sparen, doch sowohl die USA als auch die EU haben sie mit hohen Zöllen belegt.

Abgesehen davon, dass sich die großen Industriemächte vor chinesischen Billigimporten „schützen“ und so die ökologische Wende verteuern, hat die Geopolitik auch Hindernisse für die Einführung erneuerbarer Energien in den Entwicklungsländern geschaffen.

China sollte mit seiner Seidenstraßen-Initiative gut aufgestellt sein, um die Dekarbonisierungsbemühungen in ärmeren Ländern zu unterstützen. Doch das ist aus zwei Gründen nicht geschehen. Erstens nimmt Indien aufgrund seiner Rivalität mit China nicht an der Seidenstraßen-Initiative teil und schützt seine Industrie erbittert. Das ist insofern von Bedeutung, als Indien, nachdem es die EU 2023 überholt hat, heute der drittgrößte Emittent der Welt ist – und zudem eine der wachstumsstärksten Volkswirtschaften. Zweitens ziehen es die Regierungen, die im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative chinesische Kredite erhalten, oft vor, diese für prestigeträchtige Infrastrukturprojekte auszugeben statt für bescheidene Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien.

Die laufenden Kostensenkungen bei erneuerbaren Energien verbessern das kurzfristige Potenzial zur Dekarbonisierung großer Teile der Weltwirtschaft erheblich. Doch die Politik steht dem Fortschritt im Weg.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Copyright: Project Syndicate, 2024.

www.project-syndicate.org

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Daniel Gros

                                                                            ***

Daniel Gros ist Direktor des europapolitischen Instituts der Università Commerciale Luigi Bocconi.

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