Politik

Brandmauer in Sachsen bröckelt: CDU-Mitglieder fordern Gespräche mit der AfD

Sächsische CDU-Politiker fordern einen Monat nach der Landtagswahl in einem offenen Brief: Die Brandmauer muss weg. Darunter ein ehemaliger sächsischer Staatsminister, Landräte, Bundestags- und Landtagsabgeordnete sowie ein früherer CDU-Generalsekretär. Wird Ministerpräsident Kretschmer auf die Forderung nach Gesprächen mit der AfD eingehen?
10.10.2024 06:00
Lesezeit: 2 min

„Wir müssen auch mit der AfD reden!“, fordern sechs CDU-Mitglieder in einem offenen Brief. Darin heißt es unter anderen:

„Wir haben Sorge um unser Land: Hass und Hetze nehmen zu. Die Gewalt gegen politische Mandatsträger steigt. Die Wirtschaft stagniert. Die Migrationsfrage wird ungelöst vor sich hergeschoben. Immer weniger Menschen, insbesondere im Osten Deutschlands, vertrauen der Demokratie. Wir brauchen deshalb eine neue politische Kultur des Miteinanders. Der politische Gegner darf, solange er keine Gewalt anwendet, nicht als Feind gesehen werden. Dies bedeutet insbesondere, dass alle demokratisch gewählten Abgeordneten auch mit allen demokratisch gewählten Abgeordneten reden – auch mit der AfD! Wir brauchen Brückenbauer und keine Brandmauern."

Unterschrieben haben Frank Kupfer, ehemaliger Generalsekretär der Sachsen-CDU und von 2008 bis 2014 in Dresden Landwirtschaftsminister sowie Manfred Kolbe, von 2000 bis 2002 Staatsminister für Justiz. Außerdem mit Gerhard Gey, Manfred Graetz und Robert Schöpp drei ehemalige Landräte. Sechste im Bunde ist Angelika Pfeiffer, die von 1990 bis 2009 für die Christdemokraten im Bundes- und Landtag saß.

„Rund 30 Prozent der Sachsen haben die AfD gewählt und der Respekt vor den Wählern fordert, auch mit den von diesen gewählten Abgeordneten zu reden“, finden die Verfasser des offenen Briefs und fordern eine „neue politische Kultur des Miteinanders“.

„AfD nicht als Feind sehen“

Ihrer Auffassung nach darf „der politische Gegner, solange er keine Gewalt anwendet, nicht als Feind gesehen werden“. Die Verfasser sind überzeugt, die CDU könne „als Partei der Mitte auf Dauer nicht nur mit links von ihr stehenden Parteien zusammenarbeiten, ohne ihre eigene freiheitliche und marktwirtschaftliche Identität zu riskieren“. Die zentralen politischen Ziele der Christdemokraten in der Wirtschafts-, Energie-, Migrations- und Gesellschaftspolitik.

Kretschmer lehnt Zusammenarbeit ab

Bei der Landtagswahl am 1. September siegte die CDU knapp mit 31,9 Prozent. Es folgt mit 30,6 Prozent die AfD. Ministerpräsident Michael Kretschmer lehnt eine Zusammenarbeit mit dem vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften AfD-Landesverband strikt ab und hält sich damit an den auf Bundesebene gefassten Unvereinbarkeitsbeschluss.

Der sächsische CDU-Landesverband machte gegenüber BILD erneut klar: „Wir haben eine Regierung mit der AfD und der Linkspartei vor der Wahl klar ausgeschlossen.“

Die Regierungsbildung in Sachsen verläuft äußerst kompliziert. Kennlerngespräche zwischen CDU, SPD und BSW endeten ohne Ergebnis – unter anderem weil das BSW einen Corona-Untersuchungsausschuss fordert. Eine CDU-Minderheitsregierung schließt Michael Kretschmer bisher kategorisch aus.

Verständnis für die Verfasser hat Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Patzelt (Mathias Corvinus Collegium Brüssel). Er sagt zu BILD: „Es schadet der repräsentativen Demokratie, wenn einer nicht linken Bevölkerungsmehrheit stets Mitte-Links-Bündnisse in Parlament und Regierung gegenübergestellt werden. Erst recht schadet es der Demokratie, wenn Politiker aus der Mitte nur mit Parteien links von ihnen zusammenarbeiten wollen, mit solchen rechts von ihnen aber nicht einmal reden mögen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Sechs Gründe, warum die Micron-Aktie zum Kauf einlädt
09.10.2026

Das Problem besteht nicht darin, einen Grund für den Kauf zu finden, sondern sich zu vergewissern, dass man davon nicht bereits zu viel im...

DWN
Politik
Politik Per Haftbefehl gesucht: Mehr als 148.000 offene Haftbefehle in Deutschland
09.10.2026

Warum bleiben Tausende Haftbefehle in Deutschland offen? Welche Rolle spielen Ersatzfreiheitsstrafen und die Staatsangehörigkeit dabei?

DWN
Unternehmen
Unternehmen Entstehung eines Mega-Reeders stockt: Israel hat ZIM-Übernahme noch nicht genehmigt
09.10.2026

Hapag-Lloyd will mit der Übernahme von ZIM einen der größten Deals seiner Geschichte abschließen. Doch Israel hat dem 4,2 Milliarden...

DWN
Politik
Politik DWN-Podcast Folge 46: Die Woche im Rückblick – KW 41
09.10.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Politik
Politik Führerscheinreform: Führerschein könnte bis zu 1.000 Euro günstiger werden
09.10.2026

Wie viel spart man wirklich durch die Führerscheinreform? Verkehrsminister Steffen Bilger nennt erstmals konkrete Zahlen – und erklärt,...

DWN
Finanzen
Finanzen Gold schützt nicht vor jedem Risiko
09.10.2026

Gold gilt als sicherer Hafen – doch wer sein Vermögen schützen will, sollte sich nicht auf ein einziges Edelmetall verlassen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ökostromanbieter grüüün gibt auf: Was der Lieferstopp für rund 200.000 Kunden bedeutet
09.10.2026

Der Stromversorger grüüün beendet zum 31. Oktober 2026 die bundesweite Belieferung von Privatkunden. Das junge Unternehmen macht...

DWN
Politik
Politik Geheime Gespräche zwischen USA und Russland: Amerikaner wollen bei Nord Stream einsteigen und Gasgewinne teilen
09.10.2026

Hinter den Kulissen wird offenbar über eine Rückkehr von Nord Stream gesprochen. Nach Reuters-Informationen prüfen Vertreter der USA und...