Unternehmen

EU und Ägypten: Strategische Partnerschaft für Wassermanagement und erneuerbare Energien eröffnet Chancen für KMU‘s

Die EU und Ägypten intensivieren ihre Zusammenarbeit im Bereich Wassermanagement und erneuerbare Energien. Mit dem Projekt „Waters for Tomorrow“ und einem 7,4 Milliarden Euro-Investitionspaket werden innovative Lösungen für die Wasserknappheit in der MENA-Region entwickelt. Die Partnerschaft schafft neue Möglichkeiten auch für deutsche Unternehmen.
19.10.2024 13:51
Aktualisiert: 19.10.2024 16:00
Lesezeit: 4 min

Als die EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen im Frühjahr 2024 Kairo besuchte, betonte sie das gemeinsame strategische Interesse der EU und Ägyptens an Stabilität und Wohlstand. In Begleitung von dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer, des belgischen Ministerpräsidenten De Croo, des zyprischen Präsidenten Christodoulides, des griechischen Ministerpräsidenten Mitsotakis und der italienischen Ministerpräsidentin Meloni vereinbarten sie damals bei ihrem Besuch eine Zusammenarbeit beruhend auf sechs Säulen. Zugesagt wurde dem ägyptischen Präsidenten al-Sisi ein neues Finanz- und Investitionspaket in Höhe von 7,4 Milliarden Euro für die kommenden vier Jahre.

Ägyptens Rolle als Drehkreuz für erneuerbare Energien und Wasserstoffproduktion

In den Bereich der dritten Säule fallen Investitionen und Handel. Ägypten ist aus mehreren Gründen ein wichtiger strategischer Partner für die EU. Das Land verfügt über alle Ressourcen, um ein Drehkreuz für erneuerbare Energien zu werden, insbesondere im Bereich erneuerbarer Wasserstoff. Ägypten liegt günstig zwischen Afrika, Europa und Asien und ist ein zentraler Punkt für internationale Handelsrouten. Besonders interessant ist die Wirtschaftszone rund um den Suezkanal. Dort gibt es bereits Entsaltzungsanlagen sowie Wind- und Solarenergie. Das Land sieht vor 5-8 Prozent des globalen Wasserstoffmarktes zu besetzen. Die Kosten von grünem Wasserstoff sollen im Vergleich zu den bisherigen (4-5 US-Dollar pro Kilo) dabei deutlich günstiger liegen, nämlich bei nur etwa 1,5 US-Dollar je Kilo.

Im September dieses Jahres folgten nun den Worten Ursulas von der Leyen Taten. Beim Zusammentreffen führender deutscher Industrieverbände mit dem ägyptischen Wohnungsbauminister wurde die neue Zusammenarbeit des Projekts „Waters for Tomorrow“ verfestigt. Das ägyptischen Ministerium für Wohnungsbau, Versorgungsunternehmen und städtische Gemeinden (MHUUC) wird auf ägyptischer Seite die Initiative leiten. Auf deutscher Seite wird das Projekt unterstützt durch Partner wie German Water Partnership (GWP), der Deutschen Gesellschaft für grabenlose Technologie (GSTT) und dem Verband der Maschinenbauindustrie (VDMA). Dazu kommen noch saudi-arabische Interessengruppen. Letztere konzentrieren sich verstärkt auf Entsalzungstechnologien, die als Schlüssellösung zur Bewältigung der Wasserknappheit gesehen werden. Der Fokus liegt auf sauberen, umweltfreundlichen und energieeffizienten Technologien, um negative Umweltauswirkungen, wie das Einleiten von hochkonzentrierter Sole ins Meer, zu vermeiden. Die trilaterale Partnerschaft zwischen Ägypten, Deutschland und Saudi-Arabien möchte zudem einen gemeinsamen Ausschuss von Interessenvertretern einrichten, denn die Wasserprobleme in Nahost und Nordafrika (MENA-Region) werden durch den Klimawandel in Zukunft noch größer werden. „Die Herausforderungen im Bereich Wasser- und Abwasserwirtschaft in der Region sind gravierend, insbesondere in ländlichen Gebieten, wo es oft an grundlegender Infrastruktur mangelt. Gleichzeitig besteht ein wachsender Bedarf an energieeffizienten Technologien für die Wasseraufbereitung und Abwasserbehandlung. Deutsche Unternehmen sind hier besonders gefragt, da "Made in Germany" für Qualität und Zuverlässigkeit steht – Faktoren, die sich insbesondere durch einen umfassenden After-Sales-Service auszahlen, was vielen günstigeren Alternativen fehlt“, fasst Radmila Labus, Leiterin des Joint Committees für das Waters for Tomorrow-Projekt, das Vorhaben zusammen.

Bereits jetzt gehören diesem Gebiet schon 11 Länder mit der größten Wasserknapp der Welt an. Der Wassermangel birgt Risiken für die Umwelt, der Wirtschaft und auch soziale sowie politische Konflikte in sich. Umgerechnet entfallen auf 6 Prozent der Weltbevölkerung, die in dieser Region zuhause sind, nur 1 Prozent der weltweit erneuerbaren Wasserressourcen laut der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Mehr als 80 Prozent der Abwässer der Region werden bislang nicht wiederverwertet. Vielerorts macht alleine die Landwirtschaft mehr als drei Viertel des Wasserverbrauchs aus. Die Wasserqualität hingegen ist aufgrund veralteter oder mangelhafter Anlagen und Technik oft unzureichend.

Herausforderungen im Wassermanagement in der MENA-Region

Die Vereinten Nationen haben im Rahmen ihrer Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) festgelegt, dass bis zum Jahr 2030 alle Menschen Zugang zu sauberem Wasser haben sollen. Laut der Weltbank müssten die Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens, um dieses Ziel zu erreichen, jährlich 579 Millionen US-Dollar investieren, um eine grundlegende Trinkwasserversorgung („Basic Water“) für ihre Bevölkerung sicherzustellen. Für eine umfassend sichere Trinkwasserversorgung wären jährliche Ausgaben von 3,3 Milliarden US-Dollar erforderlich. Dies entspräche in Nordafrika 0,58 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und im Nahen Osten 0,36 Prozent des BIP.

Allein im Einzugsgebiet des Nils werden bis zum Jahr 2025 laut Prognosen mehr als 400 Millionen Menschen leben. Der Bevölkerungswachstum beträgt aktuell 2 Prozent im Jahr. Mit einer stetig abnehmenden Wasserverfügbarkeit ist dadurch zu rechnen. Hiervon ist vor allem Ägypten betroffen, das in seiner Wasserversorgung fast vollständig vom Nil abhängt. Für Ägypten wird erwartet, dass die Wassernachfrage schon in naher Zukunft die verfügbare Wassermenge übersteigen wird. Nahezu alle städtischen Haushalte sowie 93 Prozent der ländlichen Haushalte verfügen bereits über einen Leitungswasseranschluss. Jedoch ist das Leitungsnetz sehr veraltet. Viele Leitungen weisen Lecks auf oder werden illegal umgeleitet. Die 25 kommunalen Versorger rechnen den Wasserverbrauch nicht flächendeckend ab, wodurch sich die Wasserverluste auf geschätzte 30 Prozent hochrechnen. Die geplanten staatlichen Ausgaben allein für den Wassersektor belaufen sich im Zeitraum 2017 bis 2037 auf 50 Milliarden US-Dollar. Doch das Geld reicht nicht. Das Land ist auf weiteres Geld angewiesen und so erhält Ägypten aktuell Hilfe von Gebern – hauptsächlich aus Deutschland, Japan, den USA, der Europäischen Union sowie von der Weltbank. Um neue Wasserquellen zu erschließen, investiert Ägypten bereits große Summen in die Wiederverwendung von Abwasser. Hinzu plant die Regierung die Meerwasserentsaltzung stark auszubauen. Deutsche Unternehmen können von diesem Engagement profitieren. Sie können sich z. B. als Anbieter von Consulting, Lieferung oder Bauleistungen an solchen Projekten beteiligen. Die Ausschreibungen sind über Germany Trade & Invest (GTAI) erhältlich. Darüber hinaus bestehen aber noch weitere Optionen. „Unternehmen, die sich geschäftlich bei „Waters for Tomorrow“ engagieren möchten, können sich direkt an mich wenden. In meiner Funktion als BVMW-Repräsentantin für Ägypten, Libyen und Saudi-Arabien sowie als Leiterin des Joint Committees stehe ich als Ansprechpartnerin zur Verfügung, um deutsche Unternehmen bei ihrem Markteintritt zu unterstützen und mit relevanten Informationen zu versorgen“, sagt Radmila Labus und ergänzt: „Besonders interessant ist der ägyptische Markt, der deutschen Unternehmen, die schnell und energieeffizient agieren, hervorragende Möglichkeiten bietet. Die Weltbank hat 1,5 Milliarden US-Dollar für die ägyptische Wasser- und Abwasserinfrastruktur zugesagt, wovon 550 Millionen US-Dollar bereits in Projekte investiert wurden. In der nächsten Phase werden weitere 600 Millionen US-Dollar ausgeschrieben, wie Dr. Sayed Ismail, stellvertretender Minister für Wohnungsbau, Versorgungsleistungen und städtische Gemeinden, in einem Gespräch mit mir am 04.09.2024 bestätigte“.

Vom 10. bis 12. Dezember 2024 findet im Egypt International Exhibition Center in Kairo die Dritte Internationale Ausstellung für Wasser, Abfall und Infrastruktur (IWWI) unter dem Motto "Waters for Tomorrow" statt. Hier werden die neuesten Entwicklungen im Wassermanagement in der MENA-Region präsentiert. Die IWWI-Konferenz erstreckt sich über drei Tage und konzentriert sich auf moderne und innovative Technologien und Systeme zur Verbesserung der Wasserversorgung und Qualität. Zu den wichtigsten Themen gehören optimale Methoden zur Abfallreduzierung, kostengünstige Technologien für die Abwasserentsorgung, Fortschritte in der Wasserindustrie, Schlamm-zu-Ressourcen-Technologien, Atomisierung und digitale Transformation im Wassersektor und die industrielle Abwasserentsorgung. Deutsche Unternehmen sind herzlich eingeladen, so Radmila Labus, als Aussteller, Fachbesucher oder Redner an der 3. International Water, Waste and Infrastructure (IWWI) Messe sowie am 13. Desalination and Water Reuse Forum (ARWADEX) teilzunehmen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Während der Markt panikartig verkauft, setzt das "kluge Geld" fieberhaft Bitcoin-Druckmaschinen ein?

Der Markt hat kürzlich eine scharfe Korrektur durchlaufen, wobei sich Panik wie eine Seuche ausbreitete, als Verkäufer ihre...

 

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Sofia Delgado

                                                                            ***

Sofia Delgado ist freie Journalistin und arbeitet seit 2021 in Stuttgart, nachdem sie viereinhalb Jahre lang in Peking gelebt hat. Sie widmet sich gesellschaftskritischen Themen und schreibt für verschiedene Auftraggeber. Persönlich priorisiert sie die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit, als dringendste Herausforderung für die Menschheit.

 

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs noch unter 70.000 Dollar: Großinvestoren kehren nach Verkaufsphase zurück
12.02.2026

Großinvestoren stützen den Bitcoin-Kurs mit gezielten Zukäufen, während der breite Kryptomarkt weiterhin Zurückhaltung zeigt. Reicht...

DWN
Politik
Politik WhatsApp-Sperre: Russland zieht die digitale Grenze enger
12.02.2026

Die WhatsApp-Sperre in Russland sorgt für Unruhe bei Millionen Nutzern und verschärft den digitalen Druck des Kreml auf freie...

DWN
Finanzen
Finanzen Netflix-Aktienkurs rutscht unter 80 US-Dollar – was das für Anleger bedeutet
12.02.2026

Die Netflix-Aktie gerät massiv unter Druck und fällt auf ein neues 52-Wochen-Tief. Insider-Verkäufe und ein milliardenschwerer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hensoldt-Helsing-Kooperation: KI-Rüstungsallianz stärkt Europas Abschreckung
12.02.2026

Zwei deutsche Rüstungsunternehmen bündeln ihre Kräfte, um Europas Verteidigungsfähigkeit technologisch neu auszurichten. Im Zentrum...

DWN
Politik
Politik EU-Gipfel: Merz und Macron suchen gemeinsamen Kurs für Europas Industrie
12.02.2026

Europa steht wirtschaftlich unter massivem Druck: Bürokratie, hohe Energiepreise und internationale Konkurrenz fordern schnelle Antworten....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dollar-Abwertung: Historische Maßstäbe für den aktuellen Wertverlust beim Dollarkurs
12.02.2026

Der Dollarkurs verliert an Wert und steht damit erneut im Fokus der globalen Wirtschafts- und Finanzmärkte. Wie weit reicht die aktuelle...

DWN
Finanzen
Finanzen Hellofresh-Aktie unter Verkaufsdruck: Nach Zahlenvorlage droht das Rekordtief
12.02.2026

Die Hellofresh-Aktie ist am Donnerstag eingebrochen, ein schwieriger Jahresstart des Kochboxenversenders belasten den Kurs. Trotz...

DWN
Politik
Politik Nato-Treffen: USA senden versöhnliche Signale – Debatte über gemeinsame EU-Schulden zur Verteidigung
12.02.2026

Beim Nato-Treffen in Brüssel zeigen sich die USA plötzlich versöhnlich, Europa erhöht massiv seine Verteidigungsausgaben und die...