Politik

Arbeitgebertag 2024: Die Wirtschaft fordert - und Kanzler Scholz verspricht

Die deutsche Wirtschaft verlangt Entlastungen. Ein Stein des Anstoßes: Regeln, die mehr Transparenz zu Produktionsbedingungen im Ausland vorsehen. Der Kanzler reagiert.
22.10.2024 13:05
Lesezeit: 2 min

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sieht politische Ansätze zur Belebung der schwächelnden Wirtschaft - hält aber viel mehr für nötig. „Ein Investitionsstandort muss umso besser sein, je teurer er ist. Und das ist in Deutschland nicht mehr gegeben“, warnte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) beim Arbeitgebertag in Berlin. Nötig seien etwa Bürokratieabbau, ausgeglichene Sozialsysteme und mehr Digitalisierung.

„Keine Mondlandung, aber besser als nichts“

„Die Wachstumsinitiative der Bundesregierung ist sicher keine Mondlandung, aber sie ist besser als nichts“, erkannte Dulger an. Das von der Ampel beschlossene Paket mit 49 Maßnahmen soll mit steuerlichen Verbesserungen für Firmen, Arbeitsanreizen und Strompreis-Vergünstigungen die Wirtschaft in Schwung bringen. Es ist aber erst in Teilen umgesetzt.

FDP-Fraktionsvize Lukas Köhler verlangte von den zuständigen Ministerien die rasche Vorlage von Gesetzesvorschlägen. „Jede weitere Verzögerung würde daher nicht nur der deutschen Wirtschaft erheblich schaden, sondern auch den Beschluss des Haushalts im Bundestag infrage stellen.“ Ohne neues Wachstum seien erhebliche Einsparungen nötig.

Scholz verspricht: „Das kommt weg“

Kanzler Olaf Scholz verwies auf schon Erreichtes, versprach aber insbesondere mit Blick auf das sogenannte Lieferkettengesetz mehr. „Das haben wir ja gesagt, das kommt weg“, sagte der SPD-Politiker. „Dieses Jahr noch.“ Dulger konnte er damit noch nicht überzeugen. „Ich glaube Ihnen das, wenn die Tinte trocken ist und es bei mir auf dem Lieferschein steht.“ Aus Sicht von Unternehmen entsteht durch die Vorgaben viel neue Bürokratie.

Das europäische Lieferkettengesetz wurde vor Kurzem verabschiedet. Die EU-Staaten haben nun gut zwei Jahre Zeit, die neuen Regeln in nationales Recht umzusetzen. Ziel des EU-Lieferkettengesetzes ist es, Menschenrechte weltweit zu stärken. Große Unternehmen sollen zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie von Menschenrechtsverletzungen wie Kinder- oder Zwangsarbeit profitieren. Das deutsche Lieferkettengesetz ist bereits in Kraft.

Die Bundesregierung hatte in ihrer „Wachstumsinitiative“ angekündigt, bei der Umsetzung von Sorgfalts- und Berichtspflichten gelte es, unverhältnismäßige Belastungen der Unternehmen zu vermeiden. Die Europäische Lieferkettenrichtlinie solle so bürokratiearm wie möglich umgesetzt werden.

Dulger kritisiert Ampel-Reformen

Generell müsse europäische Bürokratie abgebaut werden, sagte Scholz und nannte als Beispiel Nachweispflichten für Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit. „Dabei sind Dinge raus gekommen, wo man sich auch nur wundert.“ Scholz erklärte, es brauche auch mehr Handelsverträge und weniger Zölle. Als „größtes Wachstumsproblem“ bezeichnete er Probleme von Unternehmen, sich am Kapitalmarkt in Europa Geld zu besorgen.

Neben Digitalisierung, geförderten Unternehmensgründungen und begrenzten Sozialabgaben sieht Dulger Handlungsbedarf auch beim Bürgergeld. Die „missratene Bürgergeldreform“ müsse korrigiert werden. Dulger zufolge bremst sie mehr, als sie nützt. „Das Rentenpaket II gehört ins Museum für verkorkste Reformen“, verlangte er. Anreize für Frühverrentung sollten abgebaut werden, Arbeit müsse auch über das Renteneintrittsalter hinaus attraktiv sein.

Kontroverse Subventionen

„Wettbewerbsfähigkeit muss man sich erarbeiten. Das kann man nicht herbei subventionieren“, betonte Dulger. Auch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm plädierte dafür, statt auf staatliche Förderung stärker auf gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu setzen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verteidigte sein Vorgehen: Er wolle die energieintensive Industrie auch mit der Umstellung auf klimafreundlichere Produktionsweisen in Deutschland halten. Und er warnte vor zu großer Abhängigkeit bei kritischen Zukunftstechnologien wie Halbleitern.

Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) verteidigte die Subventionen zum Erhalt der industriellen Basis und nannte bei ntv die Automobilindustrie und die Grundstoffindustrie. Investitionen würden steuerlich gefördert. „Da kann auch noch mehr passieren und sollte es vielleicht auch.“

Gefragt nach seiner Vision für Deutschland im Jahr 2030 sagte Scholz: „Land mit billiger Energie, erneuerbar und technologisch vorne dabei.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen DeFi-Hashing nutzt die Rechenleistung künstlicher Intelligenz, um das Vermögen der Nutzer zu mehren.

Major economies are actively promoting the establishment of a unified capital market regulatory framework and plan to strengthen the...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Dow Jones erreicht neue Höhen, während Broadcom den Nasdaq im Minus hält
04.06.2026

Zwischen neuen Rekordhochs und überraschenden Verlusten: Entdecken Sie, was die Börsen aktuell bewegt und worauf Anleger jetzt achten...

DWN
Politik
Politik Asylleistungen in Deutschland: EuGH sieht menschenwürdigen Lebensstandard gefährdet
04.06.2026

Der Europäische Gerichtshof hält deutsche Leistungskürzungen für abgelehnte Asylbewerber für unvereinbar mit EU-Recht. Auch bei...

DWN
Politik
Politik EU-Erweiterung im Visier: Ungarn zieht Veto gegen Ukraine-Verhandlungen zurück
04.06.2026

Das Tor nach Europa öffnet sich für Kiew: Ungarn gibt unter der Führung von Polit-Aufsteiger Peter Magyar den Widerstand gegen die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EasyJet-Übernahme: Warum der Billigflieger plötzlich zum Ziel von Investoren wird
04.06.2026

EasyJet wirkt an der Börse angeschlagen, doch genau das macht den Billigflieger plötzlich begehrt. Der US-Investor Castlelake sieht...

DWN
Politik
Politik Pflegereform 2027: Pflegekassen sollen entlastet und Kinderlose stärker belasten werden
04.06.2026

Die geplante Pflegereform soll die Pflegeversicherung ab 2027 finanziell stabilisieren und Ausgaben begrenzen. Für Heimbewohner,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft "Wir sind nicht die Billigheimer der Nation": Bundesweite Verdi-Streiks im Handel gestartet
04.06.2026

Kunden im Einzel- und Großhandel müssen sich auf Einschränkungen einstellen. Die Gewerkschaft Verdi hat die Handelsbranche in allen...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe wackelt: Israel droht Menschen im Libanon und Hisbollah lehnt Einigung ab
04.06.2026

Rückschlag im Libanon: Unmittelbar nach der Einigung auf die Umsetzung einer neuen Waffenruhe hat Israel Zivilisten vor der Rückkehr in...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin: Unbekannter vernichtet Vermögen im Millionenwert
04.06.2026

Ein Unbekannter schickt 107 Bitcoin an eine Adresse, von der es keinen Rückweg gibt. Knapp sieben Millionen Euro sind damit praktisch aus...