Politik

Prowestliche Präsidentin siegt in Moldau - EU erleichtert

In dem zwischen Russland und dem Westen hin- und hergerissenen Land Moldau wird die prowestliche Präsidentin Sandu im Amt bestätigt – zur Freude von EU-Politikern. Aber leicht wird es nicht für sie.
04.11.2024 12:39
Aktualisiert: 04.11.2024 12:39
Lesezeit: 3 min

Nach ihrem Sieg bei der Präsidentenwahl in der Republik Moldau will die prowestliche Staatschefin Maia Sandu das unter russischem Einfluss stehende Land weiter mit Reformen in die EU führen. „Wir brauchen Zusammenhalt“, sagte die 52-Jährige in der Hauptstadt Chisinau auch auf Russisch nach ihrem Sieg in der Stichwahl. Mit Blick auf das starke Abschneiden ihres Herausforderers Alexandr Stoianoglo erklärte sie, eine Präsidentin für alle sein zu wollen.

Sandu hatte dank der Hunderttausenden Moldauer im Ausland – vor allem in der EU – gewonnen. Im Land selbst vereinte der frühere Generalstaatsanwalt Stoianoglo, der sich für wirtschaftliche Beziehungen zu Moskau einsetzt, die Mehrheit der Stimmen auf sich.

Sandu von der proeuropäischen Partei Aktion und Solidarität (PAS) kam auf 55,41 Prozent der Stimmen, wie die Wahlleitung in Chisinau nach Auszählung von über 99 Prozent der Wahlzettel mitteilte. Der 57 Jahre alte Stoianoglo, der seine Anhänger zur Ruhe aufrief, unterlag demnach mit 44,59 Prozent der Stimmen.

Das zwischen dem Westen und Russland hin- und hergerissene Nachbarland von EU-Mitglied Rumänien müsse Hass und Spaltung überwinden, mahnte er. „Moldau braucht Stabilität und keinen künstlichen Konflikt.“ Stoianoglo kam im Land selbst auf die Mehrheit mit 51,19 Prozent der Stimmen. In seiner Heimatregion Gagausien, einem autonomen Gebiet, kam er sogar auf 97,04 Prozent. Gegner werfen Stoianoglo vor, er sei eine Marionette korrupter Oligarchen und ein Kandidat Moskaus.

Das verarmte Agrarland Moldau hat rund 2,5 Millionen Einwohner und ist wie die benachbarte Ukraine EU-Beitrittskandidat. Die Wahlbeteiligung lag mit über 54 Prozent höher als in der ersten Runde am 20. Oktober.

Der Einmischung getrotzt: Gratulationen aus aller Welt für Sandu

Sandu erhielt Gratulationen nicht nur aus den Nachbarländern Ukraine und Rumänien. Auch die Bundesregierung, die EU, China und viele weitere Staaten beglückwünschten sie. Aus Russland kam zunächst keine Gratulation, nachdem der Kreml Vorwürfe der Wahleinmischung scharf zurückgewiesen und Beweise gefordert hatte.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) teilte auf der Plattform X mit, Sandu habe die Republik Moldau sicher durch schwere Zeiten gesteuert und den europäischen Kurs ihres Landes gesetzt. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) schrieb auf der Plattform: „Die Menschen in Moldau haben entschieden: Die Mehrheit von ihnen will den Weg in die EU entschlossen weitergehen.“

Sandu sei erfolgreich gewesen trotz „beispielloser Einmischung durch Russland, einschließlich Stimmenkauf und Desinformationskampagnen“, teilten die EU-Kommission und der Außenbeauftragte Josep Borrell mit. Die EU werde das Land weiter auf seinem Weg begleiten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen lobte Sandus Durchsetzungsfähigkeit. «Es erfordert eine seltene Art von Stärke, die Herausforderungen zu meistern», schrieb von der Leyen auf X.

Sandu vor nächster Herausforderung: Parlamentswahl

Dabei gilt die im Sommer bevorstehende Parlamentswahl als nächste große politische Herausforderung. Denn Sandu kann die Veränderungen nur angehen, wenn sie die bisherige Mehrheit in der Volksversammlung verteidigt.

Der prominente moldauische Journalist und Politologe Vladimir Solovyov sagte Medien in Chisinau zufolge, dass es Sandu schwer haben werde, weil sie im Land selbst keine Mehrheit habe. „Die Ergebnisse der zweiten Runde sind kein Sieg“, sagte er mit Blick auf die große Unzufriedenheit der Menschen mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage. „Im Land verlieren und im Allgemeinen nur dank der Diaspora gewinnen, das ist keine Alarmglocke, sondern eine heulende Sirene.“

Die Parlamentswahl werde noch wesentlich härter, weil Sandu auch die Menschen auf dem Land erreichen müsse, sagte die Expertin Brigitta Triebel von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Chisinau der Deutschen Presse-Agentur. Wichtig sei die Justizreform, um das Land widerstandsfähiger gegen externe Wahlbeeinflussung zu machen. Die Überwindung der Spaltung zwischen prowestlichen Kräften in der Hauptstadt und im Ausland und den unter russischem Einfluss stehenden Regionen Gagausien und Transnistrien sei eine Generationenaufgabe.

Chisinau wirft Moskau massive Wahleinmischung vor

Begleitet wurde die Stichwahl wie schon die erste Runde von Manipulationsvorwürfen. Sandus nationaler Sicherheitsberater Stanislav Secrieru warf Russland massive Wahleinmischung vor. Die Behörden seien alarmiert. In der von Moldau abtrünnigen Region Transnistrien, wo russische Truppen stationiert sind, gebe es organisierte Wählertransporte zu den Abstimmungen; das sei illegal, sagte er.

Der Vertraute von Sandu veröffentlichte auch Berichte über organisierte Transporte von Russland aus mit Bussen und Charterflügen, die Wähler in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku, in die türkische Metropole Istanbul und in die belarussische Hauptstadt Minsk flögen.

Sicherheitsbehörden in Chisinau deckten schon im Vorfeld Desinformation und Wählerkauf durch prorussische Kräfte auf. In dem Land waren mehrere russischsprachige Fernsehkanäle und Internetplattformen blockiert worden. Auch am Wahltag selbst berichteten Menschen in Chisinau im Gespräch mit dpa-Reportern, sie hätten in der vergangenen Woche Anrufe erhalten mit der Bitte, für Stoianoglo zu stimmen. Einige sagten auch, dass ihnen dafür Geld angeboten worden sei.

Sandu hatte nach der ersten Abstimmungsrunde ebenfalls von Wählerkauf gesprochen. Sie hatte vor zwei Wochen zudem parallel ein Referendum angesetzt über die Verankerung des EU-Kurses in der Verfassung des Landes. Die Befürworter setzten sich mit hauchdünnem Vorsprung durch, das Verfassungsgericht bestätigte die Gültigkeit des Ergebnisses. Russland hingegen will das Land, das wegen seiner landwirtschaftlichen Produkte wie Äpfel, Pflaumen, Weintrauben und Nüssen gefragt ist, in seinem Einflussbereich halten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie kann man ganz einfach Etiketten erstellen?

Brady Workstation bietet praktische Etikettengestaltung (Drucken über Desktop - Laptop) für verschiedenste professionelle Anwendungen....

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie steigt nach FDA-Ansage gegen Nachahmer
09.02.2026

Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat ein entschlossenes Vorgehen gegen die massenhafte Produktion illegaler Nachahmungen von Medikamenten...

DWN
Politik
Politik BSW klagt in Karlsruhe: Antrag auf Neuauszählung der Bundestagswahl
09.02.2026

Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) sucht die Entscheidung in Karlsruhe. Wie die Partei ankündigte, wird sie am 18. Februar Beschwerde...

DWN
Politik
Politik Russlands Krieg gegen Europa beginnt in Litauen: Eine Simulation mit alarmierendem Ergebnis
09.02.2026

Ein militärisches Planspiel simuliert einen russischen Angriff auf Europa über Litauen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ohne entschlossene...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wirtschaftsfaktor Natur: Warum Unternehmen laut Bericht ohne Artenschutz scheitern
09.02.2026

Laut einem neuen IPBES-Bericht aus Manchester ist das Artensterben eine der größten Gefahren für die Wirtschaftswelt. Die Botschaft ist...

DWN
Politik
Politik EU-Ultimatum für Meta: Zwangsmaßnahmen wegen WhatsApp-KI drohen
09.02.2026

Die Europäische Kommission verschärft den Ton gegenüber Meta: Dem US-Tech-Riesen drohen empfindliche Zwangsmaßnahmen, da die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Expo 2035 in Berlin-Brandenburg: Ost-Wirtschaft fordert Weltausstellung
09.02.2026

Die ostdeutsche Wirtschaft macht mobil: 15 Industrie- und Handelskammern fordern die Ausrichtung der Expo 2035 in der Hauptstadtregion. Ein...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Markenstreit eskaliert: Ritter Sport kämpft weiter um das Schoko-Quadrat
09.02.2026

Der Schokoladenhersteller Ritter Sport setzt den juristischen Feldzug gegen einen quadratischen Haferriegel aus Mannheim fort und zieht vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mittelstand setzt auf „Made in Germany“: Rückzug vom US-Geschäft:
09.02.2026

Angesichts drohender US-Zölle forcieren deutsche Mittelständler eine Rückbesinnung auf den heimischen Markt und europäische...