Politik

Mulmiges Gefühl und Ungewissheit: US-Wahlparty in Berlins Regierungsviertel

Das Aspen Institute, seit dem Kalten Krieg wichtigstes Scharnier der transatlantischen Beziehungen, hat wieder einmal 1200 Gäste in die Landesvertretung von Baden-Württemberg geladen, um gemeinsam die Wahlnacht in den USA zu erleben, um mit Experten mitzufiebern und zu diskutieren. Kein gutes Omen, wie sich US-Botschafter John Emerson per Telefon-Schaltung aus der Washington erinnerte. Schon bei Donald Trumps Überraschungssieg 2016 fand die Berliner Wahlparty bei den Schwaben im Diplomatenviertel statt. Es wurde bald klar, dass es diesmal auch für Kamala Harris nicht wirklich gut läuft bei der Auszählung. Die erhoffte Überraschung scheint auszubleiben!
06.11.2024 06:01
Lesezeit: 5 min
Mulmiges Gefühl und Ungewissheit: US-Wahlparty in Berlins Regierungsviertel
Pappkameraden: Erinnerungsfoto mit Kamala Harris und Donald Trump bei der US-Wahlparty in der Landesvertretung Baden-Württembergs, (Foto: hps)

Das Who`s Who der deutsch-amerikanischen Beziehungen war geladen und hatte sich in die erste richtig kalte Nacht im November aufgemacht ins Berliner Diplomatenviertel. Ab 21 Uhr standen die Ehrengäste, Studenten, Journalisten und auch manch prominenter Politiker in langer Schlange auf der Tiergartenstraße, um sich geduldig ihr Einlassbändchen abzuholen. Ein Abend für die Geschichtsbücher sollte es werden, so oder so. Es hat sich herum gesprochen: Alles ist möglich bei den US-Wahlen - gleich vier der vergangenen sechs Wahlen waren "razor thin" ausgegangen - also mit nur hauchdünnen Mehrheiten.

Süß oder sauer? Kamala Harris oder Donald Trump - alles droht nun irgendwie anders zu werden. Das ist einerseits beunruhigend. Andererseits macht sorgt es für Neugier, deshalb ist man gern mit dabei als Schaulustiger in "The Länd" - wie sich die badischen und schwäbischen Gastgeber in Berlin neuerdings selbst bezeichnen. Hereinspaziert. Die Trump-Show könnte seine Fortsetzung finden.

Diesmal geht es richtig um was in den USA, das war hier heute Nacht allen bewusst. Anton Hofreiter schaute besonders ernst drein, Julia Klöckner von der Union diskutierte staatstragend mit in einer der vielen Talkshow-Runden im Unterhaltungsprogramm. Michael Link (FDP) als Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, versprach, die Ampel sei "vorbereitet, egal wer in den USA regieren wird". So richtig überzeugend klang das nicht. Man hörte besorgtes Tuscheln, wer denn überhaupt Zugang zum unberechenbaren Trump-Lager hat, wenn dessen nächste Amtszeit ab Januar 2025 anstehen sollte.

Fred Pleitgen, der CNN-Moderator, war gefragter Gesprächspartner, um ein wenig besser zu verstehen, warum so viele Amerikaner überhaupt wieder Trump von seinem Altenteil in Florida nach Washington, D.C zurückholen möchten. Angeblich 80 Prozent der weißen Amerikaner ohne höhere Schulabschluss gaben an, sie wollten sicher für Trump stimmen. 82 Prozent der Schwarzen indessen für Harris. Fakten, die CNN in ihrer Live-Übertragung einstreute und damit für reichlich Kopfschütteln in der Landesvertretung sorgte. Die USA sind ein tief gespaltenes Land. Was wird das für die Beziehungen zu Deutschland bedeuten?

Kein klarer Sieg, aber auch keine erfreuliche Überraschung

Die meisten waren schon im Vorfeld überzeugt, dass es erneut eine lange Nacht werden würde. Und auch, dass sie gegebenenfalls ganz unverrichteter Dinge nach Hause müssen in den frühen Morgenstunden. Womit die Antwort auf die wichtigste Frage der Welt wahrscheinlich erneut vertagt werden muss. Wer nächster Präsident oder die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika wird - gut möglich, dass das auch heute noch den ganzen Tag über offen bleibt.

Die Stunden vor Mitternacht wurden mit Spätzle und Maultaschen verkürzt. Dunkin Donuts hatte wenigstens die typischen US-Krapfen spendiert. An der Bar gab es indessen Tannenzäpfle Bier und weißen Cabernet statt Coors, Budweiser oder Rotwein aus dem Napa-Valley. Immerhin hatte Lidl als einer von vielen Unterstützern und Sponsoren Jellybeans mitgebracht. Welt TV, Phoenix und der Rundfunk Berlin-Brandenburg waren mit Kamera-Teams vor Ort. Die Berliner Hauptstadtpresse hatte die Parole ausgegeben, es sei "die Party to be".

Nur 15 Prozent Zustimmung unter Deutschen für Trump -nur das zählt leider nicht?

Irgendwie hofften irgendwie alle auf eine Art politisches Wunder - wider den ernüchternden Wahlprognosen der letzten Tage, Nur 15 Prozent der Deutschen würden schließlich für Trump stimmen, heißt es. Leider nur sind die Deutschen keine Amerikaner. Und so verbreitete sich von Anfang an ein flaues Gefühl. Die bange Frage wurde besprochen: Steht etwa die transatlantische Partnerschaft der USA mit Deutschland auf dem Spiel?

So mancher ahnte, dass zumindest die traditionellen deutsch-amerikanischen Rituale (aus Anlass der Wahlen alle vier Jahre) der Vergangenheit angehören. Ein paar Pappfiguren von Donald Trump und Kamala Harris wurden zwar aufgestellt, die klassischen Wahl-Sticker von Trump/Vance und Harris/Walz waren auf jedem der Stehtische zum Mitnehmen verteilt. Für Erinnerungsfotos wurde eigens eine Kostümkiste mit Uncle-Sam-Hüten und Gedöns bereitgestellt - einfach mal die Pappnase auf und gute Miene machen zum ungewissen Wahlausgang.

Ex-Botschafter Wolfgang Ischinger hatte eine Ahnung und suchte das Weite

Doch irgendwie war bei früheren Wahlparties mehr Lametta. Die Begeisterung für alles Amerikanische scheint gelitten zu haben in Deutschland. Der langjährige deutsche Botschafter in den USA und früheren Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, suchte schon weit vor Mitternacht das Weite. Da waren noch nicht einmal die ersten Wahllokale an der Ostküste geschlossen. Er hatte womöglich eine Vorahnung, dass es keine positiven Überraschungen geben dürfte.

In früheren Jahren hatten die Wahlparties noch traditionell im Amerikahaus an der Hardenbergstraße im West-Teil Berlins stattgefunden - das passte irgendwie besser. Und später, nach der Deutschen Einheit, dann im Kommandantenhaus Unter den Linden war es immerhin noch ein geselliges TV-Ereignis mit CNN auf den Bildschirmen der Bertelsmann-Repräsentanz. Hüben wie drüben herrschte zumeist eine lockere entspannte Atmosphäre. Ganz so, als wäre man in Deutschland mitten in der Nacht bei einer unterhaltsamen und spannenden Superbowl-Übertragung mit von der Partie. An Verlängerungen hat man sich da gewöhnt und weiß übermüdet, dass es zumeist bis in die frühen Morgenstunden dauert, bis endlich der große Sieger feststeht.

Bier, Burger im Brötchen, oder Hotdogs gehörten irgendwie immer - stilecht - dazu. Manchmal gab es sogar Apple Pie oder Popcorn, und die in Berlin ansässige US-Komikerin Gayle Tufts sorgte für Stimmung und Lacher. Bis endlich die ersten Staaten ihre Ergebnisse melden und die CNN-Moderatoren die blauen oder roten Haken hinter die jeweils gewonnenen Bundesstaaten machten. Das alles bei bester feierlicher Stimmung, ohne Aggressionen, eher wie nach einem sportlichen Wettbewerb halt. Einer wird gewinnen, es musste nicht einmal der Bessere von beiden sein.

Selbst mit dem Sieg von Ronald Reagan konnte man sich in Berlin schnell abfinden

Vor allem musste man sich wegen einer Wahl in den USA früher gar keine Sorgen machen. Selbst der Republikaner Ronald Reagan, der nicht viele Fans in Deutschland hatte, entpuppte sich in den 1980er-Jahren als eine gute Wahl für die USA. Sein damaliger Kontrahent George Dukakis aus Massachusetts ist längst vergessen. Während Reagan, der Hollywood-Schauspieler, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten einen Wirtschafts- und Technologie-Aufschwung, der die USA zur einzig verbliebenen Supermacht der Welt machte. Und das Ende des Kalten Krieges mit der Sowjetunion hat Reagan damit auch erzwungen. Nicht zuletzt mit seiner berühmten Rede in Berlin 1987 am Brandenburger Tor - als er Gorbatschow aufforderte, endlich die Berliner Mauer abzureißen.

Selbst beim Showdown George W. Bushs gegen John Kerry 2004 war man nie wirklich beunruhigt, obwohl erst Wochen später im Supreme Court endgültig geklärt wurde, wer denn nun ins Weiße Haus einzieht. Allein die Auszählung in Florida war zum Schluss entscheidend, es ging damals um weniger als 700 Wählerstimmen. Auch wer George W. Bush nicht leiden konnte, musste sich freilich keineswegs um die Nato Sorgen machen - oder wie es nun der deutschen Wirtschaft mit ihren Exporten in die USA weitergehen wird.

Einen wirklichen Schock gab es erstmals 2016 beim Überraschungssieg Trumps gegen Hillary Clinton. Wirklich nur ein Betriebsunfall? Nach dem Sieg Joe Bidens sah es 2020 so aus. Es scheint jedoch so, als wollten die Wähler dessen Vize-Präsidentin mit in die Haftung für Bidens Schwächen und Fehler nehmen. Die Antworten der amerikanischen Wähler beim Verlassen der Wahllokale deuteten schon frühzeitig daraufhin.

Die große Hoffnung, dass etwa das Abtreibungsthema die Frauen in Scharen ins Lager der Demokraten treiben würde, scheint in den letzten paar Wochen regelrecht zerplatzt zu sein - nur gut 15 Prozent hielten das laut CNN-Exitpoll für wahlentscheidend. Die meisten haben mal wieder ihre Wahl wegen der Wirtschaft getroffen. "It´s the economy, stupid!" Das wusste schon Bill Clinton, und das hat offenkundig seine Gültigkeit behalten.

Trumps Vorsprung in Florida sorgt für Ernüchterung - nichts zu holen für Harris

Schon, als kurz nach ein Uhr in der Nacht die ersten Ergebnisse eintrudelten, zeichnete sich ab, dass es keine großen Überraschungen geben würde. Nach und nach füllten sich die Spalten auf der CNN-Anzeigetafel, wie die Auguren es recht präzise vorausgesehen hatten. Dass Florida in aller Deutlichkeit pro Trump neigt, zerstob jegliche Blütenträume, dass Harris vielleicht doch das Zeug zum Kantersieg habe. Mit New York und Kalifornien und den kleinen New-England-Staaten ist in den USA keine Wahl zu gewinnen. Das schien sich wieder mal zu bestätigen. Erst Kentucky, dann Indiana für Trump. Zwischendurch mickrige drei Wahlmänner für Harris im nordöstlichen Vermont. In der nächsten Stunde die Südstaaen wie Alabama und Mississippi. Alles wie gehabt - der Screen füllt sich nach und nach tief rot, und für Harris ist dort einfach nichts zu gewinnen. Frustrierend! Dann doch lieber heim! Die Tendenz verfestigt sich, es erscheint zunehmend eindeutig.

So begaben sich die meisten Gäste spätestens gegen zwei Uhr auf den Heimweg. Mit dem mulmigen Gefühl, dass schwere Zeiten anbrechen könnten. Für die Ukraine im Krieg gegen Russland! Aber auch für Deutschland, das sich auf harte Zeiten im Umgang mit der US-Administration Trump 2.0 einstellen muss. Nur wenige harrten noch hoffnungsvoll (oder einfach nur betrunken) aus. Wann die Veranstalter die letzten Ungläubigen endlich vor die Tür setzten, blieb bis Redaktionsschluss ungewiss.

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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