Wirtschaft

Kann Automatisierung die deutsche Industrie retten?

Die deutsche Wirtschaft kämpft mit Fachkräftemangel und explodierenden Kosten. Wie können Automatisierung und Robotik diese Herausforderungen meistern? Welche Chancen ergeben sich für Unternehmen?
26.12.2024 11:02
Lesezeit: 4 min
 Kann Automatisierung die deutsche Industrie retten?
Der zunehmende Fachkräftemangel und steigende Kosten gefährden Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit, sodass Unternehmen verstärkt auf intelligente Automatisierung setzen. (Foto: dpa) Foto: Hendrik Schmidt

Explodierende Kosten & Personalnot: Kann Automatisierung die deutsche Industrie retten?

Die deutsche Wirtschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen: Ein sich stetig verschärfender Fachkräftemangel und steigende Produktionskosten bedrohen die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland. Immer mehr Unternehmen setzen auf einen vielversprechenden Ausweg: die intelligente Automatisierung ihrer Prozesse. Doch kann die digitale Revolution tatsächlich beide Probleme lösen? Wie ist der aktuelle Stand, und kann die Automatisierung diese Erwartungen tatsächlich erfüllen?

Der Fachkräftemangel hat mittlerweile dramatische Ausmaße angenommen. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft fehlten 2023 branchenübergreifend rund 570.000 Fachkräfte. Besonders betroffen sind soziale Berufe, das Handwerk und die IT-Branche. Nach Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge könnte das Erwerbspersonenpotenzial bis 2035 um sieben Millionen Menschen und bis 2060 sogar um weitere 8,9 Millionen Arbeitskräfte sinken. Besonders die Alterung der Gesellschaft und die geringe Zahl an Fachkräften verstärken den Mangel weiter und erschweren die Rekrutierung hoch qualifizierter Arbeitskräfte.

Gleichzeitig treiben hohe Produktionskosten aufgrund steigender Energiekosten und Löhne, die Unternehmen zur Automatisierung. Laut Eurostat lag der durchschnittliche Industriestrompreis in Deutschland im Jahr 2024 bei etwa 19,8 Cent pro Kilowattstunde. Er liegt damit rund ein Viertel über dem Durchschnitt der Europäischen Union. Gegenüber dem Niveau vor dem Krieg in der Ukraine hat sich der Preis mehr als verdoppelt. Auch bei den Arbeitskosten je geleistete Arbeitsstunde gehörte Deutschland 2023 zu den teuersten Ländern in Europa:

Der Stand der deutschen Industrie

Die Arbeitsproduktivität als preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde stagniert allerdings seit der Corona-Pandemie. Roboter und Automatisierungslösungen könnten hier Abhilfe schaffen, indem sie Teile der menschlichen Arbeit ersetzen. In einer von Reichelt Elektronik in Auftrag gegebenen Studie gaben 63 Prozent der befragten Unternehmen an Roboter einzusetzen und im Durchschnitt 43 Prozent ihrer Fertigungsprozesse zu automatisieren.

Deutschland gilt traditionell als Vorreiter in der industriellen Automatisierung. Mit 415 Industrierobotern pro 10.000 Beschäftigte (Stand 2022) liegt die Bundesrepublik deutlich über dem weltweiten Durchschnitt von 151 Robotern und belegt damit einen Spitzenplatz im internationalen Vergleich. Nur Südkorea und Singapur weisen eine noch höhere Roboterdichte auf. Laut der International Federation of Robotics erreichte der operative Bestand 2023 den neuen europäischen Spitzenwert von 269.427 Einheiten und rund jede dritte Robotereinheit wurde von der deutschen Wirtschaft installiert.

Besonders die Automobilindustrie, Elektronikfertigung und Metallverarbeitung sind Vorreiter beim Einsatz von Industrierobotern und automatisierten Prozessen. Roboter finden jedoch nicht nur in der Industrie Anwendung. Auch in anderen Branchen wie dem Gesundheitswesen, der Landwirtschaft oder im Einzelhandel kommen automatisierte Lösungen zunehmend zum Einsatz. So wird beispielsweise eine steigende Zahl von Operationen in Deutschland mit der Unterstützung von Robotern durchgeführt. Diese Diversifizierung zeigt das wachsende Potenzial der Robotik zur Lösung von Fachkräftemangel und zur Effizienzsteigerung in unterschiedlichsten Sektoren.

Was Automatisierung leisten kann

Der zunehmende Fachkräftemangel stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Innovative Automatisierungslösungen eröffnen neue Wege zu gesteigerter Effizienz und Qualität.

Eine Studie des McKinsey Global Institute aus dem Jahr 2017 kam zu dem Ergebnis, dass rund 48 Prozent aller Arbeitsaufgaben durch Automatisierung ersetzt werden können. Zwar sieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in den nächsten zehn bis 20 Jahren für 14 Prozent aller Arbeitsplätze ein hohes Automatisierungsrisiko, gleichzeitig entstehen aber Freiräume für qualifizierte Beschäftigte. Roboter können die Produktion pro Mitarbeiter um bis zu 30 Prozent steigern und Routineaufgaben übernehmen. Dadurch gewinnen Ihre Fachkräfte wertvolle Zeit für anspruchsvollere, kreative Tätigkeiten, die menschliches Denken und innovative Problemlösungen erfordern – der Schlüssel für zukünftigen Erfolg.

Darüber hinaus bietet die Automatisierung enorme wirtschaftliche Vorteile. Moderne Lösungen optimieren Produktionsabläufe und minimieren die Betriebskosten. Effizientere Prozesse, geringere Personalkosten und kürzere Durchlaufzeiten führen zu einer deutlichen Senkung der Produktionskosten und stärken nachhaltig Ihre Wettbewerbsfähigkeit im globalen Markt.

Und nicht nur die Kosten sinken, auch die Qualität steigt. Automatisierte Prozesse arbeiten mit höchster Präzision und Konstanz. Menschliche Fehlerquellen werden minimiert, Ausschussraten sinken und die gleichbleibend hohe Produktqualität stärkt das Vertrauen Ihrer Kunden. Gleichzeitig profitieren Sie von einem optimierten Ressourceneinsatz und weniger Materialverschwendung – ein Gewinn für Ihr Unternehmen und die Umwelt. Automatisierung ist somit nicht nur eine Antwort auf den Fachkräftemangel, sondern eine Investition in die Zukunft Ihres Unternehmens.

Herausforderungen der Automatisierung

Die Automatisierung bietet der Industrie vielversprechende Lösungen, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Der Automatica-Trendindex zeigt zwar, dass fast jeder zweite Befragte in Deutschland den Einsatz von Robotern für wichtig bis sehr wichtig hält, um dem Fachkräftemangel in der Industrie zu begegnen.

Allerdings sind die Anfangsinvestitionen in die Automatisierung oft hoch und umfassen nicht nur die Anschaffung, sondern auch Installationen, Anpassungen und Arbeitsschutzmaßnahmen, die je nach Anforderung kostspielig sein können. Insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bleiben die Einstiegshürden hoch, da diese Technologie eine erhebliche Abhängigkeit von Herstellern und Integratoren mit sich bringt. Langfristig können sich die Investitionen durch Effizienzsteigerungen und geringere Personalkosten amortisieren, erfordern aber eine robuste IT-Infrastruktur und umfassende Cybersicherheitsmaßnahmen.

Automatisierung ersetzt menschliche Arbeitskraft bei monotonen oder risikoreichen Tätigkeiten, aber die Nachfrage verschiebt sich hin zu Fachkräften, die auf Robotik und Datenanalyse spezialisiert sind. Der Fachkräftemangel wird also nicht beseitigt, sondern transformiert.

Zukunftsaussichten und Potenziale

Mit der zunehmenden Automatisierung steht Deutschland vor einer Zukunft mit tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitswelt. Die demografische Alterung wird den Fachkräftemangel bis 2035 weiter verschärfen - eine Lücke, die zunehmend durch Automatisierung geschlossen werden muss. Damit die Automatisierung langfristig ihre Wirkung entfalten kann, sind gezielte Investitionen und Know-how entscheidend - ebenso wie eine unterstützende politische Infrastruktur, die Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland aktiv fördert.

Laut ARK Invest ist der Durchschnittspreis eines Industrieroboters in den letzten 20 Jahren von über 60.000 US-Dollar auf ca. 20.000 US-Dollar gesunken. Durch den Preisverfall werden sie zunehmend auch für mittelständische Unternehmen interessant.

Kollaborierende Roboter, so genannte Cobots, könnten vor allem in Branchen mit vielfältigen Aufgaben neue Maßstäbe setzen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Industrierobotern arbeiten Cobots direkt mit dem Menschen zusammen und übernehmen unterstützende Aufgaben. So helfen sie, Arbeitsprozesse flexibler und effizienter zu gestalten, ohne Arbeitsplätze zu verdrängen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen bieten Cobots damit eine attraktive Lösung, da sie relativ kostengünstig und vielseitig einsetzbar sind.

Die Kombination von Robotik und Künstlicher Intelligenz (KI) birgt großes Potenzial, die Automatisierung noch effizienter und flexibler zu gestalten. Durch die Integration von KI-Technologien können Roboter lernen, sich an neue Situationen anzupassen und eigenständig Entscheidungen zu treffen. Dadurch können komplexe Prozesse automatisiert und die Produktivität weiter gesteigert werden. So kann die Automatisierung eine nachhaltige Antwort auf Fachkräftemangel und steigende Kosten sein und deutschen Unternehmen ermöglichen, auf dem Weltmarkt erfolgreich zu bleiben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen DeFi-Hashing nutzt die Rechenleistung künstlicher Intelligenz, um das Vermögen der Nutzer zu mehren.

Major economies are actively promoting the establishment of a unified capital market regulatory framework and plan to strengthen the...

DWN
Finanzen
Finanzen Deutsche Bank-Analyse: S&P 500 wird zur Milliardenfalle für sorglose Anleger
05.06.2026

Der S&P 500 rennt von Rekord zu Rekord, doch ausgerechnet die Deutsche Bank sieht darin ein Warnsignal. Der rasante Anstieg erinnert an...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Astrolight: Laser statt Funk für Militär und Weltraum
05.06.2026

Klingt nach "Star Wars": Das litauische Start-up Astrolight entwickelt Lasertechnologie für den Weltraum, die sich aber auch auf der Erde...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Der KI-Boom bekommt seinen Börsentest
05.06.2026

Erst kam ChatGPT, jetzt drängt Claude an die Börse. Das Anthropic IPO könnte zeigen, ob der KI-Boom wirklich tragfähig ist oder Anleger...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gegenwind für den Standort: Bund verteidigt Kurs nach Pharma-Investitionsstopps
05.06.2026

Nachdem große Pharmakonzerne angekündigt haben, geplante Milliardeninvestitionen in Deutschland auf Eis zu legen, bezieht die...

DWN
Politik
Politik "Ein reines Belastungspaket": Scharfe Kritik an Warkens Pflegereform - "erschüttert und wütend"
05.06.2026

Für die Pflegeversicherung liegt jetzt ein Sanierungskonzept vor, das den Alltag für viele teurer macht. Nun erhält Warken starken...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EY-Analyse: Deutsche Autobauer verlieren Umsatz und hinken hinterher
05.06.2026

Fehlstart ins Jahr: Während die internationale Konkurrenz beim Umsatz zulegen kann, verlieren Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW deutlich...

DWN
Politik
Politik Rentenreform: Abschaffung der Frührente würde Milliarden sparen
05.06.2026

Kommt das Aus für die Frührente? 9,5 Milliarden Euro an Einsparungen, 125.000 erhaltene Arbeitskräfte: Das Forschungsinstitut DIW nennt...

DWN
Politik
Politik Milliarden-Spritze: Neue Finanzhilfen für die ukrainische Wirtschaft
05.06.2026

Russlands Angriffe treffen auch die Unternehmen der Ukraine hart. Ein neues Hilfsprogramm von EU und EBRD steuert nun mit Garantien und...