Wirtschaft

Konjunktur-Jahresbericht: Wirtschaftsweise senken Wachstumsprognose - und warnen vor Trump-Politik

Angesichts der politischen Unsicherheiten und der anhaltenden Konjunkturflaute haben die Wirtschaftsweisen ihr Jahresgutachten vorgestellt. Der Ausblick bleibt ernüchternd - und die Folgen der Trump-Politik könnten die Konjunkturflaute noch verstärken.
13.11.2024 17:00
Aktualisiert: 13.11.2024 17:00
Lesezeit: 3 min

Keine Erholung in Sicht: Wirtschaftsweise reduzieren Wachstumsprognose. Die Experten des Sachverständigenrats gehen nach dem erwarteten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr auch für 2025 von keiner wesentlichen Erholung der deutschen Wirtschaft aus. Laut ihrer neuen Wachstumsprognose erwarten die Wirtschaftsweisen 2025 nur einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent, was eine deutliche Reduzierung ihrer vorherigen Einschätzung darstellt. In diesem Jahr wird mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,1 Prozent gerechnet. "Die deutsche Volkswirtschaft bleibt in der Stagnation gefangen," sagte Monika Schnitzer, die Vorsitzende des Sachverständigenrats, in Berlin. "Die dauerhafte Konjunkturflaute zeigt, dass die deutsche Wirtschaft nicht nur konjunkturell, sondern auch strukturell beeinträchtigt ist."

Konjunktur: Prognosen weiter gesenkt

Im Mai hatten die fünf Wirtschaftsweisen noch ein Wachstum von 0,2 Prozent für das Jahr 2024 und 0,9 Prozent für das Jahr 2025 in Aussicht gestellt. Das neue Jahresgutachten betont jedoch, dass eine leichte Erholung der Konjunktur frühestens gegen Ende 2025 erwartet werden kann. Die Produktion und Wertschöpfung im Industriesektor gehen weiter zurück, ebenso wie die Investitionen. Die Erholung der globalen Wirtschaft hat bisher nicht den üblichen Auftrieb für deutsche Exporte gebracht, und auch der private Konsum stagniert. Die Sparquote bleibt hoch, was bedeutet, dass viele Haushalte lieber Geld ansparen, als es in den Konsum zu investieren.

Ein Rückgang der Inflationsrate bringt jedoch eine gewisse Entspannung. Für das Jahr 2024 erwartet der Sachverständigenrat eine Inflationsrate von durchschnittlich 2,2 Prozent und für das Jahr 2025 eine von 2,1 Prozent.

Koalitionsbruch verstärkt Unsicherheiten

Nachdem die Bundesregierung im Oktober die Wachstumsprognose für 2024 gesenkt hatte, wird für dieses Jahr ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent erwartet. Die unklare politische Situation, insbesondere nach dem Koalitionsbruch der Ampel-Regierung, erhöht die Unsicherheit bei Unternehmen und Verbrauchern und bremst Investitionsbereitschaft. Im Februar stehen Bundestagsneuwahlen an. Für das kommende Jahr setzt die Bundesregierung auf ein Wachstum von 1,1 Prozent und plant eine Wachstumsinitiative mit Steuererleichterungen, Arbeitsanreizen und Strompreis-Senkungen. Nach dem Ende der Koalition bleibt jedoch ungewiss, ob diese Maßnahmen rechtzeitig umgesetzt werden.

Auch die Forderung nach weiteren Entlastungen für die Industrie bleibt aktuell. Für Freitag ist ein Industriegipfel mit Bundeskanzler Olaf Scholz geplant, auf dem Wirtschaftsverbände erneut auf niedrigere Energiekosten und weniger Bürokratie drängen werden.

Wirtschafsweise warnen: Deutschland verliert Anschluss

Deutschland war einst als "Wachstumsmotor" Europas bekannt. Heute entspricht das reale Wirtschaftswachstum des Bruttoinlandsprodukts in den letzten fünf Jahren insgesamt nur 0,1 Prozent. In den USA hingegen liegt das Bruttoinlandsprodukt inzwischen um mehr als zwölf Prozent über dem Vor-Corona-Niveau, im Euro-Raum sind es rund vier Prozent. "Politik und Wirtschaft haben in Deutschland über Jahre hinweg wichtige Reformen verschlafen," sagte Monika Schnitzer. "Jetzt ist es entscheidend, die Modernisierung zügig voranzutreiben." Der Sachverständigenrat, dessen Mitglieder als Wirtschaftsweise bekannt sind, berät die Bundesregierung.

Der Rat betont die Notwendigkeit staatlicher Investitionen in Zukunftsprojekte. Die öffentlichen Ausgaben in Deutschland für Bereiche wie Verkehrsinfrastruktur, Bildung und Verteidigung seien bislang zu gering. "Es besteht in allen Bereichen ein erheblicher Nachholbedarf," heißt es im Jahresgutachten. Beispiele dafür zeigen sich vor allem im Verkehrssektor: Das Schienennetz ist marode, Züge sind oft verspätet, und viele Brücken müssen wegen schlechter Bausubstanz gesperrt werden.

Neuer Infrastrukturfonds gefordert

Die Wirtschaftsweisen regen einen Infrastrukturfonds an, um Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur durch eigene Einnahmen aus dem Kernhaushalt dauerhaft zu sichern. Einnahmen könnten etwa aus einer Lkw-Maut oder einer Pkw-Maut stammen. Letztere gibt es bisher nicht, da eine 2019 geplante Pkw-Maut als rechtswidrig eingestuft wurde. Auch die Ampel-Regierung hatte bereits einen Infrastrukturfonds vorgeschlagen, um jährliche Haushaltsverhandlungen zu vermeiden. Die Wirtschaftsweisen sprechen sich zudem für eine behutsame Reform der Schuldenbremse aus.

Unterstützung für diesen Vorschlag kommt von der Bahn. "Ein langfristig angelegter Fonds könnte dringend nötige Investitionen in die Schieneninfrastruktur sicherstellen," sagte Tobias Heinemann, Konzernbeauftragter Gemeinwohlorientierte Infrastruktur. Für die Bereiche Verteidigung und Bildung empfehlen die Wirtschaftsweisen Mindestausgabenquoten. Um die Landesverteidigung dauerhaft abzusichern, könnte das Zwei-Prozent-Ziel der NATO gesetzlich verankert werden, was zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben bedeuten würde. Auch für Bildung könnte eine gesetzliche Festlegung der Ausgabenquote auf Länderebene sinnvoll sein.

Ratsmitglied Veronika Grimm äußerte jedoch mehrere abweichende Meinungen und unterstrich die Bedeutung von Strukturreformen für finanziellen Handlungsspielraum. Grimm steht seit Monaten wegen eines Aufsichtsratsmandats bei Siemens Energy in der Kritik. Die anderen Mitglieder des Rates sehen hierin mögliche Interessenkonflikte.

Wirtschaftswachstum: Trump birgt Risiken

Der Kurs des gewählten US-Präsidenten Donald Trump könnte sich nachteilig auf die deutschen Wachstumsprognosen auswirken, erklärte Ratsmitglied Martin Werding. Höhere Importzölle in den USA könnten das deutsche Wachstum weiter belasten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Holyvolt: Was das Batterie-Startup von Elon Musk gelernt hat
21.09.2026

Holyvolt will schaffen, woran andere Batterieprojekte gescheitert sind: Produktion skalieren, Kosten beherrschen und zugleich eine neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Umfrage: Bürokratie ist Standortproblem Nummer eins in Deutschland
21.09.2026

Bürokratie gilt für deutsche Unternehmen als größtes Standortproblem und übertrifft Energie- sowie Arbeitskosten deutlich. Eine...

DWN
Politik
Politik AfD vorn, CDU draußen: Wie es jetzt in Mecklenburg-Vorpommern weitergeht
21.09.2026

Ein dramatischer Wahlabend stellt Mecklenburg-Vorpommern politisch neu auf. Während AfD und SPD das Rennen bestimmen, entscheiden...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Michael: Was passiert mit Ihrem Depot, wenn KI uns alle auslöscht?
21.09.2026

KI-Unternehmen werden mit Billionen bewertet, während ihre eigenen Forscher vor existenziellen Risiken warnen. Für Anleger klingt das...

DWN
Politik
Politik Digitale Realität: Wie AfD, TikTok und KI um Macht kämpfen
21.09.2026

Die politische Macht verschiebt sich auf den Bildschirm. Parteien gewinnen Wahlen mit TikTok-Reichweite, KI-Konzerne rufen plötzlich nach...

DWN
Politik
Politik Grönland-Deal mit den USA sorgt für neue Sorgen
21.09.2026

Ein neues Abkommen zwischen den USA, Dänemark und Grönland soll jetzt unterzeichnet werden. Während einige Experten darin einen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen VinFast-Gründer: Der Vietnamese, der Milliarden riskiert
21.09.2026

Pham Nhat Vuong baute in der Ukraine ein Nudelgeschäft auf, kehrte nach Vietnam zurück und schuf mit Vingroup ein Wirtschaftsimperium....

DWN
Politik
Politik Deutschland braucht einen nationalen Hitzeschutzplan: Doch wer trägt die Kosten?
21.09.2026

Sommer, Sonne, Hitze: Extrem hohe Temperaturen belasten zunehmend den Alltag vieler Menschen in Deutschland und verursachen...